Kultur : Warten kann so schön sein!

Artisten verzauberten das Publikum in der „fabrik“

Astrid Priebs-Tröger
Die „Orangenjonglage“ von Phillip Begelspacher.
Die „Orangenjonglage“ von Phillip Begelspacher.Foto: fabrik/andre as.pekte

Jeder hat das schon erlebt: Der Zug kommt nicht, der Flieger hat Verspätung. Meistens arrangiert man sich irgendwie mit den Umständen und ist heilfroh, wenn es endlich weitergeht. Nicht so am Freitagabend. Die junge Company Triplex, vier Absolventen der Berliner „Etage“, präsentierte in der „fabrik“ ihre Abschlussarbeit, eine Akrobatik-, Artistik-, Clownstheater- und Tanzshow namens „Flight cancelled!“. Die spielt in der Schalterhalle eines Flughafens und drei Männer und eine Frau müssen die Wartezeit auf den Flieger nach Caracas überbrücken. Das hätte ewig weitergehen können!

Schon wie der Anzugträger mit Rollkoffer (Phillip Siefert), das Mädchen mit überdimensioniertem Fluggepäck (Anna Harrison) und der introvertierte Brillenträger (Phillip Begelspacher) die Schalterhalle betreten, wird klar, dass da jede Menge Dynamik und Spaß in ihrem Gepäck stecken. Und als auch noch der melancholische Junge (Jakob Feldtkeller) etwas verspätet dazustößt, kann es richtig losgehen. Und es kommt, was in solchen Konstellationen meistens passiert, das Mädchen und die Jungs „beschnuppern“ sich.

Schon im ersten Teil der insgesamt 90-minütigen ungemein frischen und fantasievollen Aufführung zeigen sie exquisite Partner- und Wurfakrobatik. Da fliegen Stühle und Handys, Hüte und Keulen und auch die junge Frau durch die Luft. Es bahnen sich erste Beziehungen an, sehr direkt die zwischen dem Anzugträger und der Akrobatin und schüchtern-verspielt die zwischen ihr und dem Brillenträger, der anfangs fast wie ein Spielverderber anmutet und sich dann als fulminanter Clown mit rotem Jojo und einem Faible für ausgeklügelte technische Apparate erweist. Und dem Mädchen eine köstliche „Hubschrauber-Orange“ zum Geschenk macht.

Kurz vor der Pause wird die Schalterhalle mittels Schwimmflossen an den Füßen und einer tänzerischen Einlage des Quartetts á la „Reise nach Jerusalem“ dann fast zur Partymeile. Und nachdem die Cocktails geschlürft sind und die Pause vorbei ist, kommt noch eine weitere Dimension hinzu. Das Mädchen sitzt singend oben auf dem Trapez und bleibt da nicht lange allein. Auch hier wieder kraftvolle und variantenreiche Partnerakrobatik zwischen Anna Harrison und Philipp Siefert, die am Freitagabend zur Premiere genauso wie die „Orangenjonglage“ von Phillip Begelspacher oder die Hutnummer von Jakob Feldtkeller kräftigen Szenenbeifall erhielt.

Und je länger der Abend, desto anspruchsvoller die akrobatischen Elemente, desto heißer die Rhythmen der sehr passenden Musikmischung und umso intensiver die Teamarbeit der Vier. Jetzt sind mindestens drei in die haushohen Körperpyramiden involviert oder das Mädchen tanzt den Männern im wahrsten Sinne auf den Köpfen herum und rockt auch noch beim abschließenden Rock’n’Roll kräftig mit. Ja, das machte wirklich Spaß. Hatte Esprit und Witz. Und: Es erweist sich in der Mischung aus so vielen verschiedenen Elementen und Stilrichtungen als Form, die auch von Jung und Alt gut gemeinsam erlebt werden kann.

Die vier Absolventen der „Etage“ sind vom Team der „fabrik“ und Krankenhaus-Clown Reinhard Horstkotte tatkräftig unterstützt und mehrere Wochen begleitet worden. Sven Till, Künstlerischer Leiter der „fabrik“, will in Zukunft solche Projekte des Nouveau Cirque verstärkt fördern und auch nach Potsdam holen. Der langanhaltende Beifall und die Standing Ovations am Freitagabend werden ihn in diesem Vorhaben bestätigt haben.

Weitere Vorstellungen vom 19. bis 21. April, jeweils 20 Uhr, und am 22. April um 16 Uhr in der fabrik, Schiffbauergasse

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