• "Walchensee forever" in der Perspektive Deutsches Kino: Harem und Hackbrett

"Walchensee forever" in der Perspektive Deutsches Kino : Harem und Hackbrett

Die Kommune meiner Mutter. Janna Ji Wonders und ihr Dokumentarfilm "Walchensee forever" über fünf Frauengenerationen ihrer Familie.

Gunda Bartels
Nackt auf Mykonos. Janna Ji Wonders Mutter Anna Werner und Rainer Langhans im Hippieidyll.
Nackt auf Mykonos. Janna Ji Wonders Mutter Anna Werner und Rainer Langhans im Hippieidyll.Foto: Flare Film

Tief ist der Alpensee, unergründlich, weit. Er ist ein Zeuge, nicht bloß Kulisse. Der See mischt sich auch in die Dreharbeiten ein. Wellen spielen. Nebel steigen. Sturm fegt über das Wasser. Regen rauscht hernieder. "Jetzt müssen wir aufhören, oder?", fragt die Mutter in die Kamera der Tochter.

Und wenn die Mutter vom Schwimmen rein kommt und im Gegenlicht die Großmutter streichelt, sagt die: "Uh, bist du kalt!" Ihr schrundiges Gesicht ist von den Lichtreflektionen des Wassers gezeichnet. Das ist der Preis, den Norma Werner fürs Dableiben zahlt. Die Oma lebt seit 1924 im Café am Walchensee, das sie von ihrer Mutter Apa übernommen hat.

Der See ist eine Kraftquelle

Der See, der sei eine Kraftquelle, eine Zuflucht in der Wirrnis des Lebens, sagt Apas Urenkelin, die Filmemacherin Janna Ji Wonders. "Früher dachte ich immer, meine Oma Norma sei das. Dann starb sie. Und jetzt ist es der Walchensee."

Der dient ihn diesem bewegenden und kunstvoll gewebten Gespinst aus Fotografien, Briefwechseln, Tagebüchern, altem und neuem Filmmaterial als poetischer Hallraum. Und als Symbol einer Natur, die die menschliche Existenz erdet und relativiert. Als Norma während des Drehs von "Walchensee forever" mit 105 Jahren stirbt, zuckt ein Wetterleuchten über dem Wasser. So soll es sein, wenn eine Seetochter geht.

Drei Generationen sind nach Berlin gekommen

Gleich drei Generationen von ihnen haben sich aus Bayern zur Berlinale aufgemacht. Die fünfte schläft oben, bewacht von der dritten. Im einem Hotelzimmer am Bahnhof Zoo. Janna Ji Wonders hat die kleine Tochter Rumi, die während der Dreharbeiten geboren wurde, und ihre Mutter Anna Werner, die heimliche Heldin, mitgebracht.

Die Drei sind nicht aus München angereist, wo die Regisseurin ein Studium an der Filmhochschule absolviert und lange gelebt hat, sondern vom Walchensee. Er dient der sonst in München ansässigen Regisseurin als Rückzugsort, wo sie durchatmet und neue Ideen ausheckt. Im Winter herrscht dort Stille.

Die Filmemacherin und Musikerin Janna Ji Wonders. Ihr Film "Walchensee forever" gewann bereits den Bayerischen Filmpreis.
Die Filmemacherin und Musikerin Janna Ji Wonders. Ihr Film "Walchensee forever" gewann bereits den Bayerischen Filmpreis.Foto: Flare Film

Das Café, um das sich in dem Dokumentarfilm alles dreht, macht erst Ostern wieder auf. Freunde aus München haben es gepachtet. Will sie es eines Tages übernehmen? Wonders, die den amerikanischen Nachnamen ihres Vater trägt, lacht. Falls es mit dem Filmemachen nicht klappt!"

Das ist eher unwahrscheinlich. Mit "Walchensee forever" ist Janna Ji Wonders ein Kuriosum gelungen. Obwohl ihre hundert Jahre umspannende Geschichte erst in der Perspektive Deutsches Kino Weltpremiere feiert, wurde sie im Januar schon mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

In ihrer Rede dankt sie im Anschluss nicht nur ihrer Mutter, die sie schon als Kleinkind mit der Kamera vertraut gemacht hat, sondern auch der Berlinale-Sektion Perspektive. Dort war sie 2015 schon mit einem Kurz-Spielfilm vertreten und gewann 2016 für das Treatment zu "Walchensee forever"den Perspektive-Förderpreis, also ein Stipendium zur Drehbuchentwicklung. So geht festivaleigene Talentförderung.

Punkerin, Hausbesetzerin, Popsängerin

Dem Heimatidyll am Walchensee ist Wonders übrigens mit 17 entflohen. Um eine wilde Zeit als Punkerin und Hausbesetzerin in Berlin zu erleben. Zusammen mit Florian Schuster von der Band Blumentopf hat sie die Band YA-HA! gegründet, 2012 kam ein Debütalbum heraus.

Zwei Dokumentarfilme - "Bling Bling" über die Rap-Szene in Los Angeles und "Kinder der Schlafviertel" über Punks in Moskauer Vorstädten - erzählen ebenfalls von ihrer Liebe zur Musik. In ihren Videoclips musste auch Großmutter Norma als Darstellerin ran.

Jodeln in Mexico. Frauke und Anna Werner touren in den Sechzigern als Volksmusikduo.
Jodeln in Mexico. Frauke und Anna Werner touren in den Sechzigern als Volksmusikduo.Foto: Flare Film

Mutter Anna Werner, eine Fotografin, hat als Mitglied des mehr spiritellen als sexuellen Harems von Rainer Langhans Aufsehen erregt und in jungen Jahren ebenfalls Musik gemacht. Zusammen mit ihrer Schwester Frauke trampen sie mit Hackbrett und Dirndl von New York nach Mexiko und geben Jodel-Konzerte und experimentieren mit Peyote.

Auch die Blumenkinder-Metropole San Francisco zieht die beiden Seetöchter magisch an. Um Selbsterkenntnis ringend, reist Anna in indische Ashrams oder auf griechische Inseln, wo Rainer und sie nackt und asketisch in einer Strandhöhle leben. Dem weißhaarigen Langhans von heute und Wonders Hippie-Vater gehören die einzigen Männerstimmen im Film.

[ 27.2., 18 Uhr (Moviemento), 1.3. 13:45 Uhr (Cubix 5)]
Klar wollte sie den Frauen eine Stimme zu geben, sagt Janna Ji Wonders. "Aber die Männer der Familie waren sowieso eher abwesend." Durch Krieg, Trennung und Alltag. Die Caféküche ist der Hoheitsbereich der Frauen, der ihnen auch geschäftliche Souveränität verschafft.

Der opfert Oma Norma sogar die Ehe, als es ihrem Mann am Walchensee zu eng wird. Wonders Großvater, ein Maler, Fotograf und Autor, hat den künstlerischen Touch in die familiäre Selbstdokumentation gebracht. Seine Fotografierwut gibt er an Anna weiter, die wiederum Tochter Janna als Kleinkind vor der Kamera inszeniert.

Die Seetöchter. Janna Ji Wonders, Großmutter Norma, Mutter Anna am Walchensee.
Die Seetöchter. Janna Ji Wonders, Großmutter Norma, Mutter Anna am Walchensee.Foto: Flare Film

Wie in der Eingangsszene, in der sich klein Janna mit einem Blumenkranz auf dem Haar als Fee vom Walchensee vorstellt. Mutter Anna fragt sie aus bis das Kind den Spies umdreht und die Mutter vor die Kamera holt. Wonders lacht. "Ohne es zu wissen, habe ich den Film schon mit fünf Jahren begonnen."

Die lakonischen Kameradialoge mit Oma sind ein herrlicher Gegensatz zur wortreichen Selbstbespiegelungswut der Mutter. Die rastlos durch Welt und spirituelle Sinnsuche streifende Anna und die bodenständige, ihr Arbeitsleben klaglos annehmende Norma vertreten zwei Generationen. Deren Lebensweisen kontrastieren und bedingen einander. So wie Geburt und Tod, der Kreislauf des Lebens, der dem Filmtitel ein Fragezeichen verleiht.

Wonders ist schon jetzt gespannt, was der Walchensee später ihrer Tochter bedeutet. "Einen Lieblingsbaum direkt am Wasser hat sie schon." Mutter Anna und sie mussten Weggehen, um Zurückkehren zu können. Wie auch immer Rumi, der der Film gewidmet ist, sich entscheidet. Auf die Kraft der Seetöchter kann sie bauen.

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