• Von Potsdam ins Frankfurter Städel Museum: Immer noch Abend über Potsdam

Von Potsdam ins Frankfurter Städel Museum : Immer noch Abend über Potsdam

Der Potsdamer Bildhauer Stefan Pietryga variiert  das Gemälde "Abend über Potsdam", das Lotte Laserstein 1930 malte. Es erinnert an  das "Abendmahl" von da Vincis und zeigt die Vereinzelung des Menschen.

Richard Rabensaat
Nicht ganz neu. Das Aquarell basiert auf Lasersteins „Abend über Potsdam“.
Nicht ganz neu. Das Aquarell basiert auf Lasersteins „Abend über Potsdam“.Foto: Stefan Pietryga

Potsdam - Zeit, die vergeht und doch Spuren hinterlässt: Das ist das Thema von Stefan Pietrygas „Intervention“ zu Lotte Lasersteins Bild „Abend über Potsdam“ von 1930. Gegenwart und Vergangenheit treffen hier aufeinander. Der Potsdamer Bildhauer hat drei Variationen und zahlreiche Skizzen zu Lasersteins Gemälde geschaffen.

Eine Gesellschaft an der Schwelle

Die 1993 in Schweden verstorbene Lotte Laserstein wird derzeit wieder entdeckt und mit einer Ausstellung im Frankfurter Städel Museum geehrt. Bereits vor zwei Jahren hatte Pietryga eine Zeitungsabbildung des berühmten Bildes anlässlich einer Versteigerung des Werkes fasziniert. „Das muss nach Potsdam“, dachte er sich – und nicht nach Berlin, wohin das Bild durch den Ankauf der Berliner Nationalgalerie nun gelangt ist. Also entschloss sich Pietryga, eine Kopie des Werkes als Aquarell anzufertigen.

Im KunstRaum Bernusstraße, der Galerie, mit der er in Frankfurt am Main zusammenarbeitet, wurden damals gerade Werke der Potsdamer Fotografin Ursula Edelmann gezeigt. Viele ihrer frühen Fotos zeigen genau das Potsdam, das sich auf dem Bild von Laserstein im Hintergrund der Abendgesellschaft findet. Lasersteins Bild ist ein enigmatisches Zeitdokument, das eine Gesellschaft von Menschen zeigt, die an einer Schwelle zu stehen scheinen. Die Anordnung der Figuren erinnert an das bekannte Abendmahl von Da Vinci. Die Gesichter und die Haltungen scheinen allerdings seltsam vereinzelt und in sich gekehrt.

Figuren vor Potsdams Stadtpanorama

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten, flüchtete Laserstein 1937 nach Schweden. Der Schwerpunkt ihrer Malerei lag in der figürlichen Darstellung, die sie aber geschickt mit Stadtpanoramen zu verknüpfen wusste. „Das ist ein Bildaufbau wie bei den Italienern in der Renaissance“, so Pietryga.

Auch in dem Potsdamer Bild ist im Hintergrund die Stadtsilhouette mit ihren markanten Bauten gut erkennbar. Die gegenwärtige Ausstellung im Städelmuseum zu Laserstein war der Anlass für Pietryga, sich noch einmal mit dem ikonografischen Bild zu befassen. Er schuf zwei weitere Variationen. Eines davon ist eine erneute Interpretation des Bildes von Laserstein, nun allerdings ausschließlich in Grautönen gehalten. Dadurch erscheine das Bild als Zeitdokument, sagt Pietryga.

Ein Schwenk von der Vorkriegszeit ins heutige Potsdam

Die dritte Variation zeigt eine Szene, deren Aufbau an das Ausgangsbild angelehnt ist. Das Figurenensemble allerdings ist mit heutigem Personal und heutiger Kleidung nachgebildet. So ergibt sich eine Spanne aus der Vorkriegszeit in das heutige Potsdam. Pietryga war es wichtig, die strukturbildenden Merkmale des Ausgangswerkes zu erhalten: das Stillleben am Rande des Tisches, der Hund, die Milchausgießerin, ein Verweis auf das bekannte Bild von Jan Vermeer. Die abgebildeten Personen allerdings stammen aus dem Umfeld des Künstlers: aus dem Rechenzentrum, in dem Pietryga an dem Bild gearbeitet hat. Ebenso wie Laserstein betont Pietryga die städtischen Besonderheiten Potsdams. Bei Laserstein ragen Bauten wie die Garnisonkirche heraus, bei Pietryga sind es Baukräne. Potsdam ist im Wandel begriffen, scheint das neue Bild zu sagen. Wohin die Reise geht, weiß die versammelte Abendgesellschaft allerdings nicht. 

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