• Von Heidi Jäger: Ohne gutes Zuspiel kein Tor

Von Heidi Jäger : Ohne gutes Zuspiel kein Tor

Florian Schmidtke ist ab Samstag nach „Glasmenagerie“ und „Clavigo“ nun auch im „Don Juan“ zu sehen

Weitere Protagonisten im „Don Juan“: Eddie Irle, Wolfgang Vogler, Marcus Kaloff, Meike Finck, Michael Schrodt und Franziska Melzer (v.l.).
Weitere Protagonisten im „Don Juan“: Eddie Irle, Wolfgang Vogler, Marcus Kaloff, Meike Finck, Michael Schrodt und Franziska Melzer...Fotos: HL Böhme/Montage: Andreas Klaer

„Viele Zuschauer werden sich am Ende des Stücks vielleicht fragen, ob ich überhaupt mitgespielt habe“, sagt Florian Schmidtke und bezweifelt, dass gerade er der geeignete Schauspieler sei, um für die Premiere von „Don Juan“ in der Zeitung zu werben. Doch um so mehr er über seine fünf kleinen Rollen erzählt, um so deutlicher wird, dass es ohne sie nicht geht und natürlich auch nicht ohne ihn. „Es gibt kein Tor ohne gutes Zuspiel“, vergleicht er das Theater schließlich mit Fußball, in dem auch Teamarbeit über den Erfolg entscheidet. „Eine Mannschaft wie Real Madrid hat zwar tolle Einzelspieler, aber sie brachten es trotzdem oft nur zur Tabellenmitte.“

Sollte man den gebürtigen Münsteraner, der in „Glasmenagerie“ oder „Clavigo“ auch große Rollen einnimmt und bravourös die „Tore“ jagt, im „Don Juan“ tatsächlich übersehen, liegt das sicher eher an den Kostümen. Wenn er sich zum Beispiel als Bettler im Schlamm suhlt und dreckig und speckig die Bühne verlässt, um wenig später als Fischer im Chor von sich hören zu lassen. In Windeseile schlüpft er in immer neue Rollen, ist Diener, Koch und Torero und bietet dem skrupellosen Frauenheld Don Juan Paroli. Wenn auch nur im kurzen Pass.

Der Eitelkeit des Schauspielers schmeicheln große Rollen natürlich mehr, gibt Florian Schmidtke unumwunden zu. „Wenn ich als Tom in der ,Glasmenagerie’ anderthalb Stunden über die Bühne tobe, kann ich ein Leben in den verschiedensten Facetten gestalten.“ Bei dem Diener im „Don Juan“ muss er in zwei Minuten zeigen, wer er ist, woher er kommt. „Aber gerade für diese zwei Minuten gilt es, voll auf der Höhe zu sein. Es wäre schrecklich, wenn man da nicht alles gibt.“ Es gehe schließlich nicht um Selbstdarstellung und um die eigene Eitelkeit, sondern darum, etwas Gemeinsames zu erschaffen, was die Menschen im Zuschauersaal fühlen und denken lässt.

Für die kurzen Sequenzen im „Don Juan“, den er in Magdeburg schon 18 Mal spielte und am Samstag in Potsdam mit zur Premiere bringt, gab ihm das Studium in Stuttgart etwas Hilfreiches an die Hand: die Biomechanik. Florian Schmidtke versucht, seinen Figuren durch bestimmte Eigenschaften von Tieren näher zu kommen. Den Bettler sieht er geduckt und getarnt wie eine Ratte, den adligen Diener stolz wie ein Hahn. „Denn Seele und Körper bedingen einander.“

Dass Florian Schmidtke an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart angenommen wurde, bezeichnet er heute als großen Glücksfall. „Wer weiß, ob ich ansonsten nicht abgerutscht wäre.“ Als Jugendlicher interessierte ihn Theater nicht im Geringsten. „Ich stellte nur fest, dass die Stühle dort unbequem sind.“ Und doch muss ihn irgendetwas hin gezogen haben. Vielleicht war es der Geruch von Holz und Kostümen, den er als kleines Kind in einer Mini-Statistenrolle einsog. Oder aber die Hoffnung, auch auf der Bühne einen Adrenalinkick zu bekommen.

Denn Florian Schmidtke beschloss mit 16 Jahren, seiner gutbürgerlichen Familie die Stirn zu bieten und die Gegenseite des Lebens zu erkunden. „Ich suchte mit meinen Kumpels immer nur den Kick und der sollte möglichst extrem sein.“ In der Schule hat er sich mit seinem Charme durchgemogelt und selbst mit 120 unentschuldigten Fehlstunden die nächste Klasse erreicht. Auf Anraten der Eltern „studierte“ er zwar zwei Semester Jura, war aber nur auf dem Papier anwesend. Dann probierte er es mit dem Theater und dachte: „Du bist ja ein geiler Typ, da werden sie dich schon nehmen.“ Doch er flog an sechs Hochschulen in der ersten Bewerbungsrunde raus und hörte nur: „Danke. Sie interessieren uns überhaupt nicht.“ Auch das fand er nicht tragisch, „dann hätte ich eben, bequem wie ich war, noch ein weiteres Jahr rumgegammelt.“ Doch dann kam die Zusage aus Stuttgart, „vielleicht weil ich gerade ein blaues Auge hatte und dadurch beim Vorsprechen ein Special-Typ war.“

Stuttgart, so der 27-Jährige, sei die letzte „Party-Schauspielschule“ Deutschlands.„An einer ,Militärschule’ wie ,Ernst Busch’ hätte ich sicher nicht durchgehalten.“ In Stuttgart bekam er indes die nötigen Freiräume, um den eigenen Weg zu finden. Und den geht er, indem er seinen Rollen möglichst viel Authentizität einverleibt. „Meist arbeite ich intuitiv, auch wenn ich mein Leben oft zerdenke.“ Und dieses Grübeln brachte ihn auch an den Punkt, einzusehen, dass man mit Selbstverliebtheit im Theater nichts erreicht.

Die Federn der Eitelkeit wurden ihm schon im Studium gestutzt. Als er mit der Inszenierung von „Merlin oder das wüste Land“ beim Schauspielschultreffen in München den Preis für die beste Ensembleleistung erhielt, war er zwei Monate frustriert. „Ich dachte, ich hätte als Merlin den Preis für die beste Einzelleistung verdient.“ Inzwischen weiß er: „Wenn ich nur auf Erfolg spiele, ist da immer die Angst, dass ich den anderen nicht gefalle. Und Angst verkrampft.“

Vielleicht war es deshalb gerade gut, dass er sich in seinem ersten Engagement erst hocharbeiten musste. Dabei dachte der Westfale, als er 2006 das erste Mal nach Magdeburg fuhr: „Hier bleibst du auf keinen Fall. Doch nach dem Vorsprechen bei Tobias Wellemeyer, war mir klar: unter so einem sympathischen Kerl kann ich mir durchaus vorstellen, zu ,dienen’.“ Außerdem verliebte er sich Knall auf Fall in eine Magdeburgerin und auf einmal war die Stadt wunderschön.

Auch in Potsdam ist er inzwischen warm geworden, was leichter fällt, da ein Großteil der Magdeburger Kollegen mitgekommen ist. Mit ihnen spielt er nun also als nächstes in dem „Wahnsinns-Spektakel“ Don Juan, „in dem die Energie nur so fließt. Und in dem meine Auftritte ruhig länger sein könnten“, setzt er trotz aller Einsicht lächelnd nach.

Umso mehr kann er sich nach der Premiere ins Zeug legen, wenn er im „nachtboulevard“ mit seinen Kollegen Eddi Irle und Camille Jammal singt, textet und im Freestyle improvisiert. Und beim richtigen Zuspiel wohl auch ins Tor der Zuschauergunst trifft.

Premiere „Don Juan“, am morgigen Freitag, 19.30 Uhr, Neues Theater