• Von Heidi Jäger: Die Kraft der Worte

Von Heidi Jäger : Die Kraft der Worte

René Schwittay ist heute in dem Kleist-Erstling „Die Familie Schroffenstein“ am HOT zu sehen

Kleist traf ihn mitten ins Herz. Immer wieder zitiert René Schwittay aus der „Familie Schroffenstein“, springt sogar vom Kantinenstuhl auf, um spielerisch die Subtilität und Kraft der Worte nachzuzeichnen. „Wenn Agnes zu Ottokar sagt: ,Ich bin ganz die deine, in der grenzenlosesten Bedeutung’ – da ist doch alles drin. So etwas würdest du als Mann auch heute gern mal hören“, begeistert sich Ottokar-Darsteller René Schwittay während der Probenpause.

Er empfindet es geradezu als ein Privileg, diese Texte sprechen zu dürfen, die eine ganz andere Bildhaftigkeit und Emotionalität als zeitgenössische hätten. „Wenn man ihnen Raum gibt, spürt man den Widerhall in sich selbst. Das ist fernab von dem, was uns Popmusik einbellt, eine ganz andere Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit“, so der 31-Jährige, der seine Wurzeln bei Leverkusen hat.

Dabei scheint dieses erste Werk von Kleist, das heute am Hans Otto Theater Premiere hat, eher überfrachtet mit Handlungssträngen, Nebenschauplätzen und Personen. Doch Schwittay ist sich sicher, dass sie als Team rund um Regisseur Markus Dietz und auf der tollen Bühne von Ines Nadler eine gute Erzählweise und Stringenz gefunden haben. „Die Strichfassung gewährleistet, dass es nicht weitschweifig wird. Und es könnte auch eine wunderbare Kriminalgeschichte sein: Es sterben Leute und es gibt die Bedrohung, dass die einen die anderen ausrotten.“

Es sind die zwei Familien Warwand und Rossitz aus dem Geschlecht der Schroffensteins, die sich da feindlich gegenüberstehen. Auch vor dem Hintergrund eines Erbvertrages, in dem geregelt ist, dass beim Aussterben des einen Stammes dem anderen das gesamte Familienvermögen zufällt. Der von René Schwittay gespielte Ottokar gehört zu den Rossitz’ und er schwört, den Tod seines kleinen Bruders Peter zu rächen. Dessen Leiche fand der Vater, gerade als sich zwei Warwands mit Blut an den Händen über den Jungen beugten. Und ohne zu zögern, stach der Vater einen der beiden nieder. Denn für ihn war es eine ausgemachte Sache, dass nur diese Warwands die Täter gewesen sein konnten. „Immer wieder entstehen zweifelhafte Situationen, die Voreingenommenheiten schüren. Nichts wird auf den Wahrheitsgehalt geprüft, jeder vertraut nur auf sein Gefühl. Doch die ,Wahrscheinlichkeit ist selten auf Seiten der Wahrheit’, ist bei Kleist zu lesen.“

Und so steht die Liebe von Rossitz-Sohn Ottokar zur Warwand-Tochter Agnes unter keinem guten Stern. Denn das gegenseitige Misstrauen nagt auch an der Reinheit ihrer Gefühle. „Es geht in diesem Stück immer hin und her, es geht um falsche und richtige Verdächtigungen, die wiederum falsch gedeutet werden.“ Kleist zeige, wie Meinungsmache funktioniert, wie Missverständnisse entstehen und unentwirrbar sind. „Ich habe ja nicht das Glück, das Stück zu sehen, aber ich glaube, dem Zuschauer wird es schwerfallen, für den einen oder anderen Partei zu ergreifen. Er wird genau die Zwickmühle des Ganzen spüren. Ich selbst brenne jedenfalls für den Stoff, der weit über das Private hinausgeht, das uns täglich umgibt.“

Gerade in einer überfrachteten Welt sehne man sich doch nach essentiellen Dingen, wie die große Liebe. „Und im Theater ist dafür Raum“, sagt René Schwittay, der sie in Potsdam schon in ganz verschiedenen Facetten darstellen konnte: in der „Wildente“ in einer sehr familiären Situation, bei „Fräulein Julie“ in einer Drastik, die bis ans Blut geht. Und nun bei Kleist als Utopie. „Würde ich nur meinen eigenen Seelenmüll auf die Bühne schütten, würde das niemanden interessieren. Aber wenn sich die Schauspieler auf eine bestimmte Ebene der Verzweiflung einlassen, die der Regisseur als Gedanke pflanzt, und ihr gemeinsam nachspüren, kann etwas Tolles dabei entstehen.“

Beim Erobern der Kleist-Texte habe er sich an sein Studium an der Filmhochschule Babelsberg erinnert, als er sich begeistert Schiller „einverleibte“. Das liegt inzwischen rund zehn Jahre zurück. Es bedurfte mehrerer Anläufe, bis René Schwittay eine Hochschule von sich überzeugen konnte. Und mit jeder Ablehnung wuchs der Druck auch seitens der Eltern, die ihn viel lieber in einem „vernünftigen“ Beruf gesehen hätten. Doch der Rheinländer hatte in einer Theater-AG Blut geleckt und ließ sich nicht so schnell entmutigen. Nach einem aufreibenden Jahr mit vielen Fehlstarts kam endlich der Tag mit einem guten Lauf, an dem er sich locker und frei fühlte – und sich den begehrten Studienplatz erspielte.

Heute wohnt er in der Parallelstraße seiner ersten Studentenbude in Babelsberg und erinnert sich durchaus auch an grauenhafte Erfahrungen. „Beim ersten Szenenstudium wurde ein Kommilitone richtig fertig gemacht. Wir wurden in eine Konkurrenzsituation gedrängt, die uns total überforderte. Er sollte mich würgen und wurde dazu regelrecht aufgehetzt. Jedenfalls drückte er wirklich zu. Und er war Bergsteiger. Erstaunlich, zu was man gebracht werden kann. Wir sind aber bis heute gut befreundet“, sagt Schwittay schmunzelnd. Er erinnert sich auch an andere Situationen, in denen Studenten „zur Sau gemacht“ wurden. „Sicher sollte es ein bisschen abstumpfen gegen die Brutalitäten, die noch kommen können“, zweifelt er indes heute an manche Praktiken.

Dennoch brachte ihn das Studium offensichtlich auf den richtigen Weg, schließlich stand René Schwittay sieben Jahre erfolgreich auf der Bühne in Magdeburg und erhielt dort 2006 den Förderpreis für junge Künstler. Nun begibt er sich in Potsdam auf die nächste Reise. „Man zweifelt in diesem Beruf immer wieder mal, ob man den Anforderungen gerecht wird und manchmal fühlt man sich auch leer, wenn man in 30, 40 Produktionen so viel gegeben hat. Doch im Moment geht es mir gut, auch wenn ich in Potsdam gerade erst ankomme.“

Kleist wird ihn über die heutige Premiere hinaus beschäftigen. An sein Grab am Wannsee, wo sich der Dichter vor 200 Jahren das Leben nahm, hat der Schauspieler sich indes noch nicht getraut. „Dafür lese ich weiter in seiner Biografie und in seinen Briefen. Und ich habe angefangen, selbst Briefe zu schreiben.“ Wenn seine beiden Kinder, die bei der Mutter leben, in die Schule kommen, wird er ganz sicher auch ihnen welche schicken.

Seine jetzige Arbeit empfindet René Schwittay geradezu als ein Geschenk. „Ich freue mich, sie zeigen zu können und hoffe, gut genug zu sein. Ich lerne bei Ottokar noch viel dazu“, so der emotionale und kraftvolle Schauspieler, dem man in seiner Begeisterung für Kleist nun auch als Zuschauer gerne folgen möchte.

Premiere heute um 19.30 Uhr, Neues Theater.