• Von Astrid Priebs-Tröger: Lebensspuren

Von Astrid Priebs-Tröger : Lebensspuren

Das Tanzprojekt „11 Frauen“ hatte in Potsdams Tanz-fabrik seine Premiere

Astrid Priebs-Tröger

Sie sind selbstbewusst, gutaussehend und sehr lebendig, als sie die große Bühne der fabrik betreten. Elf Frauen kommen am Freitagabend nacheinander im Wintermantel, mit Muff und Pelz-Schapka oder mit dicker Jacke über dem leichtem Kleid von draußen, begrüßen das Publikum und formieren sich in einer langen Reihe am vorderen Bühnenrand, ehe sie die Bühne in den kommenden 45 Minuten ganz für sich erobern werden. Anfangs brauchen sie noch die direkte Nähe der Nachbarin und eine gemeinsame Schrittfolge, bevor sie ihren eigenen Platz finden, die schützenden Hüllen ablegen und ihre persönliche Geschichte erzählen werden.

Vor zehn Monaten luden die Chefin der Tanz-fabrik Sabine Chwalisz und die französische Choreografin Malgven Gerbes Frauen jenseits der Vierzig zu diesem Tanz- und Bühnenprojekt ein, das jetzt, wiederum im tiefsten Winter, seine Premiere feierte. Eine Kerngruppe von elf Frauen zwischen 40 und 61 Jahren nahm die Herausforderung an, und hat einmal pro Monat ein Wochenende lang geredet, improvisiert, getanzt, gesungen und auch choreografiert. Was jetzt zu sehen und zu hören ist haben sie selbst auf die Beine gestellt. Die meisten von ihnen sind Tanz-Laien, manche haben Erfahrungen mit Yoga und anderer Körperarbeit, einige spielen Instrumente oder singen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich mit ihrem Frausein hier und heute auseinandersetzen, ihr Gewordensein und die Gegenwart reflektieren.

Doch wie ist so etwas tänzerisch umzusetzen? Chwalisz und Gerbes, die beiden so unterschiedlichen Begleiterinnen, haben den Frauen in ihrer körperlichen Präsenz sowie ihrer Reflexionsfähigkeit vertraut. Neben dem Tanzen haben sie auch auch pointierte Erzählsequenzen einbezogen, um Fragen in den Raum zu stellen wie „Was war das Größte in Deinem Leben?“, wie sich der Körper in der Pubertät anfühlt oder wie Mayafrauen Vorbild sein könnten für weibliches Altern in unserer Gesellschaft.

Dafür setzten sich jeweils zwei Darstellerinnen an einen Küchentisch. Sie antworteten darauf verbal und ließen dabei wie absichtslos ihre Finger Lebensspuren in den feinen weißen Sand malen, der sich auf der Tischplatte befand. Das war ein besonders poetisches und einprägsames Bild. Das als Videoprojektion für die Zuschauer hautnah mitzuverfolgen war und die mal zarten, mal kräftigen, mal sehnigen, mal luftigen Hände sagten manchmal mehr als die Worte. Wunderbar, wenn sich die Offenheit des Gespräches in körperlicher Nähe zeigte und eine Frau die Hände der anderen berührte.

Schön und berührend waren auch die Bewegungssequenzen ganz am Anfang, als eine Darstellerin eine Mauer abtastet oder zwei Frauen in einer Kontaktimprovisation wirkliche Nähe zueinander herstellen. Wichtige Facetten einzelner Persönlichkeiten zeigten sich in den gesungenen polnischen und russischen Liedern und richtig ausgelassen bewegten sich alle zum „Mambo Italiano“ von Dean Martin aus den 60ern und ganz am Ende zu Patti Smiths jung gebliebenem Hit „Because the night“ von 1978. Da spielte es keine Rolle, ob Frau groß oder klein, schlank oder rund, grau- oder rothaarig war, die Energie dieses Songs ergriff eine jede.

Wie auch die Zuschauer, die im anschließenden, ausnehmend fröhlichen, Gespräch bekundeten, wie wunderbar es gewesen sei, jede Frau in ihrer faszinierenden Persönlichkeit und einmaligen Präsenz zu erleben, die nicht von ihrem „Alter“ eingeschränkt wird. „Reife, Reichtum und Bewegung“, das habe sie total genossen, sagte eine Zuschauerin und dass so etwas in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich sei.

Sabine Chwalisz sagte, dass dieses Projekt ein großes Geschenk für sie gewesen sei und sie selten eine so unkomplizierte und flüssige Reflexion während des gesamten gerade mal 100-stündigem Arbeitsprozesses unter Darstellern erlebt habe. Das spiegelte auch die Diskussion, in der klar geäußert wurde, dass dieses Projekt durchaus einen politischen Anspruch hat, nämlich den, eigene Bilder vom Altwerden zu prägen, die denen der Best-Ager-Werbung ein eigenes „normales“, durchaus auch mit Schmerzen, Verlusten und Reibung verbundenes Bild entgegensetzen. Allerdings hätte man sich als Zuschauer gewünscht, dass dieser Anspruch stärker umgesetzt worden wäre. Doch die teilnehmenden Frauen gehören im Grunde der gleichen soziokulturellen (Mittel-)Schicht an, sodass größere Differenzierungen leider ausblieben.

Ganz wunderbar formulierte hingegen zum Abschluss eine der Teilnehmerinnen ihre Sicht auf das Altern: „Ich glaube, der Punkt ist an der Stelle, wenn man das Alter erreicht, wo man weiß, dass das, was man als Bild von sich im Kopf hat, nicht mehr geht. Aber wenn das mal überschritten ist, dann wächst die Freiheit, dann muss man sich anfreunden mit den Möglichkeiten. Dann merkt man, du bist doch schon was und alles, was jetzt dazu kommt, ist ein Geschenk.“

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