Kultur : Vielschichtiges Puzzle

Branwen Okpakos Film „Dreckfresser“ im Café Mondiale des Multikulturellen Begegnungszentrums

Astrid Priebs-Tröger

Schon früh war er ein Aushängeschild. Sein Babybild zierte in den 70ern ein Cover der Zeitschrift „Sowjetfrau“. Allerdings in schwarz-weiß, um seine dunkle Hautfarbe verblassen zu lassen. 20 Jahre später war er Ostdeutschlands berühmtester Polizist, denn die Agentur Scholz and Friends hatte ihn 1992 als sympathischen Werbeträger für eine Kampagne gegen Fremdenfeindlichkeit entdeckt und europaweit bekannt gemacht.

Sam Meffire, 1970 als Sohn eines Kameruners und einer Deutschen in der DDR geboren, hat eine „typische Ostbiografie“. So sah es jedenfalls einer der Zuschauer am Freitagabend, als im Café Mondiale, dem multikulturellen Begegnungszentrum in Potsdam-West der Film „Dreckfresser“ der nigerianischen Regisseurin Branwen Okpako gezeigt wurde. Diese hatte von der spektakulären Story des sächsischen Farbigen gelesen und sich auf die Suche nach Wegbegleitern und Zeitzeugen gemacht. Denn Meffire, mit dem sich der sächsische Innenminister Heinz Eggert Anfang der 90er oft und gern ablichten ließ, hatte wenige Jahre später einen Aufsehen erregenden Prozess am Hals. 1995 wurde er wegen vier schwerer Raubüberfälle zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Regisseurin wollte gerade seine Geschichte von „innen“ beleuchten und nicht nur an der schillernden Oberfläche herumkratzen. In ihrem vor sieben Jahren entstandenen Dokumentarfilm lässt sie die Mutter Meffires, seinen besten Freund sowie die, die für sein mediales Bekanntwerden gesorgt haben und ihn selbst zu Wort kommen. Entstanden ist ein berührendes Porträt eines ziemlich idealistischen und manchmal sehr naiven Menschen.

Und darüber hinaus das einer Zeit, die durch tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche gekennzeichnet war. Für Meffire und viele andere schien alles möglich: „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ oder wie sein Freund Olaf im Film sagte „wie Phoenix aus der Asche“. Denn Meffire war eigentlich Maurer und hatte sich nach 1989 mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Doch die Spielregeln – auch die als Medienstar – waren oft undurchschaubar und für jemanden, der auch ungeduldig und unerfahren wie Meffire war nicht ad hoc zu begreifen. Hinzu kam, dass der äußerlich wie ein unangreifbarer Hüne wirkende Typ im Innern sehr verletzt war. Meffires Vater war, am gleichen Tag als sein Sohn zur Welt kam, eines unnatürlichen Todes gestorben. Dieses nie aufgeklärte Ereignis – zwei Kommilitonen sollen ihn vergiftet haben – trug er unverarbeitet mit sich rum und war ständig auf der Suche nach charismatischen Vaterfiguren. „Positives Feedback“ sei für ihn wie ein Lebenselixier, sagte er mehrmals im Film und weil er anscheinend zu wenig davon bekam und viel „Dreck“, wie beispielsweise immer wieder rassistisch motivierte Beleidigungen in sich „reinfraß“, gelangte er möglicherweise auf die „schiefe“ Bahn. Aber das behauptet der Film nicht vordergründig sondern dem Zuschauer wird überlassen, sich aus den gehörten Meinungen wie aus vielen verschiedenen Puzzleteilchen ein eigenes Bild zusammenzusetzen. Und dass dieses sehr komplex ist, spürte man spätestens dann, wenn man die sensiblen Verse Meffires, die immer wieder eingesprochen wurden, auf sich wirken ließ.

Die Zuschauer im wohnzimmergroßen Café des Vereins „Black Flowers“ zeigten sich bewegt vom Gesehenen und werden möglicherweise auch weitere Angebote des geplanten „Internationalen Salons“ wie Lesungen und Dia-Vorträge oder auch den ersten Spielfilm von Branwen Okpako auf sich wirken lassen.

Astrid Priebs-Tröger

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