Kultur : Versuch der Wundheilung

Potsdam-Premiere: Die Dokumentation „Wir sind Juden aus Breslau“

Aufarbeitung. Wolfgang Nossen im Gespräch mit den Jugendlichen.
Aufarbeitung. Wolfgang Nossen im Gespräch mit den Jugendlichen.Foto: promo

Die Flasche Zyankali ist immer dabei. Während der Arbeit in der Papierfabrik, jedem Spaziergang, wahrscheinlich sogar im Bett. Zu groß ist die Angst, festgenommen zu werden, zu groß das Bedürfnis, den eigenen Tod in der Hand zu behalten. Das tödliche Fläschchen als letzter Akt der Lebenskontrolle. Anita Lasker ist 17 Jahre alt, als sie beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Es ist September 1942, die Nazis sind an der Macht, auch in Anitas Geburtsstadt Breslau. Ihre Familie ist jüdisch, die Eltern sind bereits im April deportiert worden, gemeinsam mit ihrer Schwester Renate lebt sie im Waisenhaus und arbeitet in der Breslauer Papierfabrik. Beide versuchen aus Breslau zu fliehen, die Gestapo umstellt sie, sie schluckt das Gift – und bleibt am Leben. Das vermeintliche Zyankali ist nur Zucker, Anita wird festgenommen. Es folgen Gefängnisaufenthalt und die Deportation nach Auschwitz.

Von ihrer Geschichte und 13 ähnlichen Schicksalen erzählt die Dokumentation „Wir sind Juden aus Breslau“ von Karin Kaper und Dirk Szuszies, die am Mittwoch im Babelsberger Thalia-Kino zu Gast sind, um ihren Film vorzustellen. Ausgehend von einem Workshop mit einer deutsch-polnischen Jugendgruppe, die sich mit Zeitzeugen trifft und sich deren Geschichte erzählen lässt, berichtet der Film vom jüdischen Leben in Breslau. Die heute polnische Stadt beherbergte vor dem Zweiten Weltkrieg die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands, die Neue Synagoge in Breslau galt als eines der imposantesten jüdischen Gotteshäuser des Landes. Genauso wie die Synagoge zum Weißen Storch wurde sie beim Novemberpogrom im Jahr 1938 zerstört. Der Film erzählt die jüdische Geschichte Breslaus anhand seiner Protagonisten, den damals Jugendlichen, die den Holocaust überlebt haben. Sie alle erinnern sich an ein buntes, friedliches Gemeindeleben. Eine Protagonistin erzählt verschmitzt von den Gottesdiensten in der Storch-Synagoge. Sie erinnert sich an die Trennung von weiblichen und männlichen Gläubigen und dass sie als junges Mädchen gerne von den oberen Sitzplätzen aus die unten sitzenden Jungen beobachtete.

Es sind solche Anekdoten, die „Wir sind Juden aus Breslau“ zu einem sehr menschlichen, persönlichen Film machen. Etwa auch, wenn einer der Überlebenden erzählt, wie er einem SA-Offizier in der „Reichskristallnacht“ heftig in die Genitalien getreten habe, um ihm entwischen zu können. Es sind Szenen, in denen der Film kurze komische Momente zulässt, die das berichtete Leid erträglicher machen. Andere lassen schlucken: Etwa wenn jemand erzählt, dass er seine beste – nichtjüdische – Freundin nicht mehr besuchen durfte oder dass die eigenen Klassenkameraden sich plötzlich gegen jüdische Mitschüler wandten.

Der Film setzt dabei nicht auf Dramatisierung, sondern lässt die Geschichten für sich sprechen. Gezielt gesetzte musikalische Einspieler oder stimmliche Überlappungen bringen zwar Spannung in den Szenenverlauf, drücken aber nie mit Gewalt auf die Tränendrüse. Im Gegenteil: Sehr alltäglich fängt die Kamera ihre Bilder ein. Etwa wenn Anita Lasker, jetzt Anita Lasker-Wallfisch, mit den Jugendlichen den Bahnhof besucht, an dem sie und ihre Schwester festgenommen wurden. Oder wenn sie in das Breslauer Gefängnis zurückkehrt, in dem sie ein Jahr Haft absitzen musste. „Jetzt muss ich mich mal kurz setzen“, sagt sie dort nur, dann geht es weiter. Die historische Komponente bekommt der Film durch eingestreutes Archivmaterial. Etwa Bilder von Hitler auf dem Balkon des Breslauer Hotel Monopol, wo er 1936 eine Rede hielt.

Einer der Filmprotagonisten ist damals dabei: Abraham Ascher mischt sich als Siebenjähriger unter die Menge und wird von jemandem auf die Schultern gehoben, um Hitler zujubeln zu können. Doch der Junge bleibt stumm. „Als er das mitbekam, warf er mich auf den Boden und beschimpfte mich als ,verdammter Jude’“, so Ascher im Film. Er kann entkommen, später gelingt ihm die Auswanderung mit der Mutter in die USA. Auch davon erzählt der Film. Von dem Leben nach der Verfolgung, nach den Nazis. Viele der Protagonisten gehen nach Israel, andere wandern in die USA aus.

Trotzdem gelingt nicht allen ein leichter Start, für die meisten ist es überhaupt erst ein langer Weg in das neue Leben. Anita Lasker und ihre Schwester Renate etwa sind in Auschwitz zunächst getrennt. Anita spielt Cello und gehört zum Frauenorchester, was sie vor den Gaskammern rettet – und letztendlich auch Renate. „Ich stand schon in der Reihe, die zu den Gaskammern gehen sollte“, erzählt sie. Als sie dem Wachmann sagt, dass Anita ihre Schwester sei, lässt er sie gehen. Im November 1944 werden beide in das KZ Bergen-Belsen verschleppt und erleben dort im April 1945 die Befreiung durch die britischen Truppen. Sie gehen nach England, Renate – lange Zeit als Journalistin tätig – lebt heute in Südfrankreich. Es ist ein schöner Aspekt des Films zu zeigen, dass es tatsächlich ein Leben nach dem Grauen gibt. Dass trotz der Traumata Karrieren entstehen. Wie etwa bei Abraham Ascher, der Universitätsprofessor wird, oder auch bei dem bereits im letzten Jahr verstorbenen Fritz Stern, der als Historiker bekannt geworden ist. Vielleicht, so sagt es einer der Protagonisten, seien manche von ihnen durch die historischen Umstände sogar weiter gekommen als sie es unter normalen Bedingungen gekommen wären. Es ist keine Schönrederei, nur eine Feststellung.

In die Geburtsstadt kehrt niemand vollständig zurück. Nur vereinzelt wird die Stadt besucht, um den Spuren der Eltern nachzugehen. Der Film spannt den Bogen dennoch wieder zum modernen Breslau, berichtet vom Wiederaufbau der Storch-Synagoge, der Revitalisierung des jüdischen Lebens in der Stadt. Ein Versuch der Wundheilung. Und auch eine Mahnung, das Geschehene nicht zu vergessen, Diskriminierungen nicht hinzunehmen. Ein Appell, der aktueller kaum sein könnte.

„Wir sind Juden aus Breslau“: Am Mittwoch, dem 8. Februar, um 19 Uhr in Anwesenheit der Regisseure im Thalia-Kino, Rudolf-Breitscheid-Straße 50