• Uraufführung an der fabrik: Den Beton bezwingen

Uraufführung an der fabrik : Den Beton bezwingen

Die Kunst der Fortbewegung: Stevie Koglin und Lukas Schapp zeigen „101 Concrete“ bei den Tanztagen - ein Stück zwischen Akrobatik, Sport und Tanz.

Im Rahmen des Projekts "Dance in Residence Brandenburg" waren Steven Koglin (mit Mütze) und Lukas Schapp bereits zu Gast am Schlaatz. 
Im Rahmen des Projekts "Dance in Residence Brandenburg" waren Steven Koglin (mit Mütze) und Lukas Schapp bereits zu Gast am...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Beton ist gnadenlos. Beton kann man nicht erweichen. An Beton schlägt man sich die Knie auf. Oder aber: Man lernt, erst gar nicht hinzufallen. Vielleicht kein Zufall also, dass gerade in Évry, 30 Kilometer südlich von Paris, eine Kunstform erfunden wurde, die den Beton gewissermaßen zum Mitspieler macht. In Évry gibt es viel Beton. „Art du Déplacement“ nennt sich diese Mischung aus Extremsport, Akrobatik und Tanz – die Kunst der Fortbewegung. Kenner sagen einfach: ADD.

Die Gruppe, die in den 1990er Jahren diese Kunst erfand, hieß Yamakasi. Um deren Gründer David Belle ranken sich urbane Mythen, es entstanden ein Film von Luc Besson („Die Samurai der Moderne“), und Abspaltungen – auch David Belle ist inzwischen nicht mehr dabei. Anfangs aber war Yamakasi eine Art, sich den Beton zum Freund zu machen. Und eine Möglichkeit, sich den Prügeleien zwischen testosterongesteuerten Gangs zu entziehen: Man erklomm einfach die nächste Wand. Schneller und höher, als untrainierte Körper es je schaffen würden. 

Ein Weg ohne Drogen und Alkohol

So zumindest beschreiben das Stevie Koglin und Lukas Schapp, die ADD nach Deutschland geholt haben. „Yamakasi war für die Jungs wie eine neue Welt, die sich in der eigenen auftat“, sagen sie. „Ein Weg, sich zu behaupten, ohne Drogen und Alkohol. Sondern über Training.“ 

Training als Selbstbehauptung: Mit dem Prinzip waren beide schon lange vertraut, bevor sie ADD kennenlernten. Sie haben sich beim Sportstudium an der Potsdamer Uni kennengelernt, in der Turnhalle. Beide merkten sie, dass das normierte Turnen allein ihnen nicht genügte. Beiden fehlte darin Kreativität. ADD aber fordert genau das, sagt Stevie Koglin. „Ein immer neues Herantasten an das Terrain.“ 

Leichtigkeit und Lebensfreude

Lukas Schapp ist wie viele andere über Videos im Internet auf die Yamakasi aufmerksam geworden. In London hat er sie dann selbst kennengelernt. Deren Leichtigkeit und Lebensfreude hat ihn beeindruckt und nicht mehr losgelassen. Die Kreativität, auch die Tatsache, dass die ADD-Künstler der Yamakasi ihren Sport noch mit weit über 40 Jahren problemlos ausüben können. ADD hat viel mit Körperkontrolle und Kraft zu tun, aber auch damit, seine Grenzen zu kennen. Weniger damit, sie zu überschreiten. Zumindest für Koglin und Schapp. 

Berühmt geworden sind die Yamakasi mit schwindelerregenden Challenges – Wettkämpfen im Großstadtdschungel, die sich im Internet wie Lauffeuer verbreiteten. Die „Manpowergap“ gehört dazu. Ein Sprung von einem Gebäude auf ein anderes, in schwindelerregender Höhe. Beton und Banlieue, Challenges und Mutproben: Das schwingt als Vorgeschichte in der Arbeit von Stevie Koglin und Lukas Schapp mit – aber ihnen geht es um anderes. „Ich habe eigentlich immer Schiss“, sagt Lukas Schapp. 

Eine neue Challenge: eine eigene Choreografie

Und Stevie Koglin sagt: „Genau darum geht es bei ADD auch: um Ehrlichkeit.“ Um eine eigene Körpererfahrung, und das Vermitteln dieses Körpergefühls. 2015 gründeten die beiden die Akademie „Potsdam in Bewegung“, die sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen konzentriert. Vermittelt werden ADD, aber auch Elemente von Breakdance oder Capoeira.

„Schiss“ hat Lukas Schapp auch vor der Challenge, die „101 Concrete“ heißt. Es ist die erste Performance des Duos, am heutigen Samstag hat sie im Rahmen der 30. Tanztage Premiere. Ein Projekt, das Schapp schon lange im Kopf hatte, durch die Corona-Pause war die Zeit dafür jetzt reif. 

Vier Meter hohe Installation aus Bambusstangen

Das Terrain, auf dem sie sich bewegen, haben sie diesmal selbst gebaut: eine vier Meter hohe Installation aus Bambusstangen. Auf der kann man wippen, von der kann man springen – und was noch? Das auszuloten, darum geht es. „Wir sind keine Tänzer“, sagt Stevie Koglin. Und dennoch: Wie Sport wird es nicht aussehen. Wohl eher wie die Kunst, den Beton zu bezwingen.

101 Concrete“, Uraufführung am 3. Juli um 18 Uhr an der fabrik in der Schiffbauergasse, Eintritt frei. Weitere Aufführungen am 07.08. am Rechenzentrum, am 14.08. am Bürgerhaus am Schlaatz, am 29.08. auf der Dreieck-Wiese auf der zwischen fabrik und Hans Otto Theater und am 04.09. am Begegnungszentrum Oskar in Drewitz.

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