Kultur : Unterwegssein ist alles

Däumelinchen bei den 12. Kinderkulturtagen im T-Werk

Astrid Priebs-Tröger

Wer ein Feen gleiches winziges Flügelwesen in einer Nussschale oder Blüte erwartete, wurde enttäuscht. Das Däumelinchen in der Inszenierung des Hermannshoftheaters kam am Sonntagnachmittag im T-Werk mit einem freundlichen Riesenmaikäfer auf die Bühne gefahren. Der war bepackt mit Lederkoffer und Hutschachtel und die Pilotin (Antje König) trug eine entsprechende Kluft mit dazugehöriger Lederkappe. Außerdem hatte sie Landkarte, Kompass und Fernglas dabei und musste sich erst mal orientieren, wo sie denn hingeraten war auf ihrer Reise.

Schnell stellte sich heraus, dass sie auf der Suche nach einem weißen Schmetterling war, der ihrer Hilfe bedurfte und dass sie bis hierher schon eine ganze Menge erlebt hatte.

Die Geschichten und ihre Protagonisten traten nach und nach aus ihrem umfangreichen Gepäck zutage: eine vollbusige Krötenmama in rotem Kleid, deren tanzmusikbegeisterter fescher Sohn, sowie eine alte Feldmaus mit Strickstrumpf und zum Schluss ein geiziger Maulwurf mit Rechenbrett. Von einem liebreizenden Blütenkönig wiederum keine Spur. Ist das denn überhaupt die Andersensche Geschichte vom kleinen Däumelinchen? Dass kaum, dass es der armen Frau geschenkt, wieder von ihr fortgerissen wird auf eine abenteuerliche Reise durch die große kleine Welt und schlussendlich glücklich in den Armen eines ihr gemäßen Gemahls landet. Sie war es und sie war es nicht. Denn sie wurde mit viel Witz aus der Mitte heraus erzählt und in der Regie von Karl Huck ziemlich gegen den Strich gelesen.

Und das eröffnete gerade für die größeren Kinder und die Erwachsenen interessante Blickwinkel und neue Horizonte: Däumelinchen ist unterwegs. Dabei trifft sie die unterschiedlichsten Leute, die sehr verschiedene Ansprüche an sie stellen. Sie ist nicht bedauernswert sondern flexibel, sie kommt durch und weiter. Auf der Strecke bleiben eher die anderen, wie beispielsweise der Sohn der Krötenmama. Ihre Integrität und ihr Durchsetzungsvermögen wirken beispielhaft. Andere schließen sich ihr an. Die beiden „Muttis“, weil sie doch wieder jemanden für ihre Ermahnungen und zum Betüteln brauchen, der Maikäfer, weil er gemeinsam Reisen fast so schön wie Heiraten findet. Und der Märchenprinz? Das Ziel aller Träume? Wer weiß.

Vorerst heißt die Devise: Zu Reisen heißt leben. Das ist sehr modern und anspruchsvoll. Und wurde phantasievoll mit Ironie und viel Spielfreude umgesetzt. Erst am Schluss der Vorstellung ist die Blüte offen, doch Däumelinchen schon lange in der Welt. Sehr bodenständig, aber mit Flügeln. Ein Vater ein paar Plätze weiter wirkte irritiert. Ob das schon was für 4-jährige gewesen sei?

Die meisten der kleinen Zuschauer waren eine knappe Stunde interessiert bei der Sache, halfen dem Däumelinchen immer wieder bei der Orientierung in der Geschichte, amüsierten sich köstlich ob des Fliegensalats bei der Froschfamilie und konnten es auch diesmal kaum erwarten, das Maikäferflugobjekt in Augenschein zu nehmen.

Nach herzlichem Applaus war die Puppenspielerin von einer neugierigen Kindertraube umringt.

Astrid Priebs-Tröger

Am 31.5. / 1.6. um 10 Uhr Theater Tineola, Prag, mit „Morgenstern & Abendstern“, Figurentheater nach Gedichten von Christian Morgenstern

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.