• Unidram-Festival in Potsdam: Hinter den sieben Salzbergen

Unidram-Festival in Potsdam : Hinter den sieben Salzbergen

Das renommierte Unidram-Festival eröffnet diesmal mit einer beeindruckenden Produktion aus Israel. Neben Krieg und Terror sind auch postmoderne Identitäten ein großes Thema.

Ariane Lemme
Wie gefährlich ist die Plüschkatze? Ariel Doron, Puppenspieler aus Tel Aviv, macht mit seinem Stück „Plastic Heroes“ mobil. Gegen den Krieg. Das ganze Stück – ein einziger Disziplinverstoß. Macht das Spaß? Oh ja.
Wie gefährlich ist die Plüschkatze? Ariel Doron, Puppenspieler aus Tel Aviv, macht mit seinem Stück „Plastic Heroes“ mobil. Gegen...Foto: promo

Potsdam - Hellsichtig soll es sein, das Theater. Alles, was politisch und gesellschaftlich passiert, nicht nur zerlegen, zertrümmern und dadurch erkennbarer machen. Sonden am besten auch noch voraussehen, was wird. Den Machern von Unidram, dem Theaterfestival des T-Werks, wird das dieses Jahr vielleicht gelingen. „Es gibt einen Schwerpunkt Israel“, sagt Jens-Uwe Sprengel, künstlerischer Leiter des T-Werks und auch des Festivals. Dass das Thema gerade jetzt – durch die Welle palästinensischer Terrorattacken – so brisant ist, konnte er freilich nicht wissen, als er im Februar dieses Jahres anfing, die eingereichten Produktionen zu sichten und auszuwählen.

Aber ob nun hellsichtig oder nicht: Hell ist der Stoff, aus dem das Eröffnungsstück gemacht ist. „Salt of the Earth“ – Salz der Erde – heißt es, und Salz wird hier bergeweise verschüttet. Verteilt, angehäuft, eingeebnet zu Dünen, Gräben, Kratern, Bergen und Plätzen. Was so entsteht, lässt an Landschaften des Mittleren Ostens denken: Krisen- und Kriegsgebiete, Regionen des Militärs, der Angst, des Schmerzes und der Zerstörung. Ausgedacht hat sich diese Mischung aus Film, aus Erzähl-, Objekt- und japanischem Bunraku-Theater Zvi Sahar. Der Schauspieler, Regisseur und Puppenspieler gründete 2009 in Tel Aviv seine Kompanie PuppetCinema.

„Interessant dabei ist das Mittel des Live-Videos, das sie verwenden“, sagt Sprengel. Also die Technik, bei der das aktuelle Bühnengeschehen gefilmt wird und als Videosequenz gleich ins Stück einfließt. „Das macht die Frage nach Wahrheit und Lüge gerade in der Kriegsberichterstattung plastisch“, so Sprengel. Wie kann man den Bildern trauen, in einer Welt, die voller – oft suggestiver – Bilder ist? Das sei, so Sprengel die Frage, die sowohl PuppetCinema als auch ihn als Festival-Macher immer wieder umtreibe.

Digitale Bilder für die Wirklichkeit

Das ist ja überhaupt immer die Frage: Wie kann man auf einer Theaterbühne etwas real erscheinen lassen, obwohl immer sichtbar bleibt, wie es gemacht – inszeniert – wird? Indem es gefilmt wird, bekommt diese Inszenierung einen authentischeren Charakter, der fast im Widerspruch zum Spiel auf der Bühne steht. Mit digitalen Bildern, das ist der Clou hier, lässt sich Wirklichkeit viel leichter behaupten.

Um einen Bruch in der Wahrnehmung geht es auch in der zweiten israelischen Produktion „Plastic Heroes“. Auch hier ist Krieg das Thema. Allerdings: Alle Waffen und Soldaten sind aus Plastik. Der Puppenspieler Ariel Doron, ebenfalls aus Tel Aviv, arbeitet mit Kinderspielzeug. Ein Stück für Kinder ist „Plastic Heroes“ dennoch nicht. „Er schafft es damit, eine Wirklichkeit zu kreieren, gerade durch diese Brechung wird die Geschichte berührender, humaner“, sagt Sprengel. Sowohl Ariel Doron als auch Zvi Sahar kommen aus dem Figurentheater, genauso der deutsche Florian Feisel.

Der wird bei Unidram mit einem weiteren Extrem dieses Genres antreten. „Puppen sterben besser“ heißt seine Lecture-Performance, in der er fragt: Wieso ist der Kasper unsterblich? Warum frisst das Krokodil Gummipuppen? Weshalb kennen Puppen keine Depressionen? In welchen Gliedern wohnt die Zeit und wer zieht an ihren Fäden? Und schließlich: Wie viel Mensch braucht eine Puppe und wer haucht wem das Leben ein? Indem er im Unbeseelten, im Totgeglaubten nach dem Lebendigen sucht, enthüllt er viel von den Unmöglichkeiten des Mensch- Seins. „Das ist schon sehr unterhaltsam, wenn er etwa eine Plastiktüte mit zwei Augen bemalt – und dann erschießt. Da sind dann alle schockiert“, sagt Sprengel.

Abwechslung und Überraschung

Einen großen Plan, ein Thema vor den eingereichten Bewerbungen hatten sie – Sprengel und seine drei Mitarbeiter – auch diesmal nicht. Sie sichten, werten aus – und diskutieren, was sie bewegt. Klar ist nur: Es muss Abwechslung geben. Mehr als zwei Stücke – ob aus Israel, Tschechien oder Frankreich – soll es nicht geben. Am Ende sind sie oft selbst überrascht: Etwa, wie politisch das Programm diesmal geworden ist.

Denn da gibt es noch die Inszenierung von anonymUs – „Inside Man“. Sie handelt vordergründig von Bankraub, Geiselnahme und historischen Verstrickungen – macht damit aber all die neoliberalen Selbstvermarktungspraktiken, die so alltäglich geworden sind, schmerzhaft sichtbar: Jeder verkauft sich selbst, seine Ideen vom guten Leben, seine Bedürfnisse. Und das Publikum wird – natürlich anonym – Teil dieses Selbst- und Fremdbefragungsexperiments. Die Freiheit für radikale Kritik schafft sich die anonyme Theatergruppe anonymUS, die sich eigens für dieses Projekt gegründet hat, durch die für die ganze Anonymus-Bewegung typischen weißen Guy-Fawkes-Masken. Dahinter steckt natürlich auch die Frage: Welche Rolle spielt Identität eigentlich heute – wo jeder schnell eine x-beliebige Fake-Identität im Netz kreieren kann, überhaupt? Und was wird aus ihr?

Das Unidram-Festival beginnt am Dienstag, 20 Uhr, mit der Europa-Premiere von „Salt of the Earth“ im T-Werk, Schiffbauergasse. Bis Samstag sind dort täglich drei, vier Stücke und ein Konzert zu erleben.

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