Kultur : Trink, Brüderlein, trink

Christiane Ziehl adaptiert Joseph Roth

Astrid Priebs-Tröger
Trinkbrüder. Mathias Iffert und Christiane Ziehl im „Heiligen Trinker“.
Trinkbrüder. Mathias Iffert und Christiane Ziehl im „Heiligen Trinker“.Foto: Theaterschiff

Ein unrasierter Mann mit Wollmütze, Nickelbrille und heller Kutte geht im Gastraum sanft auf die Besucher des Theaterschiffes zu. Er hält ihnen fröhlich eine winzige Spieldose ans Ohr und kurz danach die Hand auf. „Alle Vögel sind schon da“, tönt es aus der Dose und Matthias Iffert verkörpert den Obdachlosen Andreas aus der Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“, die am Freitag auf dem Theaterschiff zur Premiere kam.

Die Regisseurin und Schauspielerin Christiane Ziehl, die bis vor Kurzem das Theater der Stadt Brandenburg um ein höchst umtriebiges Jugendtheater bereicherte, hat die weltberühmte Novelle des selbst an Alkoholismus leidenden Autors Joseph Roth adaptiert. Wie ihre pointierte Fassung zeigt, hat sie sich entschlossen, vor allem die heiteren Seiten des Lebens von Andreas zu zeigen. Man muss sich diesen/ihren Trinker als einen glücklichen Menschen vorstellen. Genau wie bei Roth erlebt der Pariser Obdachlose in ihrer kurzweiligen Inszenierung eine letzte vierwöchige Lebensphase voller wunderbarer Zufälle.

Zuerst erscheint ihm ein reicher Mann, der ihm ungebeten 200 Franc schenken will. Und weil Andreas diese nicht annehmen will, wird mit ihm verabredet, das Geld nach Wochenfrist bei der Heiligen Therese von Lisieux zurückzugeben. Auf dieses „Wunder“ folgen weitere – und Andreas, der eine schwierige Vergangenheit hat, gerät ohne sein Zutun in eine fast sorgenfreie Gegenwart. Er lebt restlos im Hier und Jetzt, freut sich seines Lebens, ist dankbar, lacht gern und trifft alte und neue Freunde in diesem Stationendrama, das leichtfüßig und musikalisch daherkommt.

Andreas könnte ein glücklicher Mensch sein. Und doch greift er immer wieder zur Flasche, um „seine Leere“ zu betäuben, wie er einmal in der stark gekürzten Bühnenfassung des Textes sagt. In der Fassung von Christine Ziehl, die mithilfe von runden Pappmasken selbst die Gegenspieler von Andreas verkörpert, wird sehr viel Wert darauf gelegt, die Würde dieses an sich haltlosen Trinkers zu bewahren.

Er erscheint niemals wie ein versoffener, verwahrloster Clochard, sondern eher als überaus anpassungsfähiger (Über-)Lebenskünstler. Matthias Iffert stattet ihn mit großer Einfühlsamkeit für die jeweilige Situation aus, er verkörpert ihn beinahe als einen feinsinnigen Menschen. Dass die Inszenierung dann aber so weit geht, das Publikum im Theaterschiff nicht nur einmal zum Singen von „Trink, Brüderlein, trink“ und zum gemeinsamen Schunkeln zu animieren, ist dann doch ein Tick zu viel des Guten.

Vielmehr hätte man sich stärker das melancholisch Schwebende der Rothschen Novelle gewünscht, die ja durchaus diese positive Intention auch in sich trägt – jedoch auch die brutalen Abstürze des Alkoholikers und seine fatalistische Weltsicht nicht ausblendet, sondern als harte Brüche setzt. Ein wenig mag das ihrer epischen Form geschuldet sein, die sich mehr Zeit nimmt, die Dinge auszuerzählen. Aber in den Begegnungen mit der früheren Freundin Caroline oder mit der Hotel-Zufallsbekanntschaft wäre auch in der Inszenierung von Christiane Ziehl dafür durchaus Raum gewesen.

Stattdessen schnurrt sie wie am Schnürchen auf das (glückliche) Sterben des Andreas zu, der es zwar nicht schafft, seine Schulden bei der katholischen Heiligen zu begleichen, aber bis zuletzt viel Freude am Leben respektive Trinken hat. Und auch wenn dies alles lebensprall und -nah erzählt wird, hinterlässt es doch ein schales Gefühl. Vor allem, wenn man sich selbst in der Pause nichts zu trinken besorgt hat. Astrid Priebs-Tröger

„Die Legende vom heiligen Trinker“, nächste Vorstellungen am 11., 17. und 25. November um 19.30 Uhr

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