Kultur : Theresienstadt

Gelesene Erinnerungen des Rabbiners Richard Feder

Moritz Reininghaus

„Weinen müssen Sie nicht, ich bin froh, dass er gestorben ist, solange ich noch hier war.“

Es war eine seiner bittersten Stunden in Theresienstadt, als Rabbiner Richard Feder mit diesen Worten gebeten wurde, einen Sohn zu bestatten. Denn die Bitte äußerte ein Vater angesichts der eigenen, bereits beschlossenen Deportation nach Auschwitz. Wenn Feder so etwas erzählen muss, verfällt er mitunter in verzweifelten Sarkasmus, vergisst seinen Wunsch nach Objektivität.

Am vergangenen Freitag, als weltweit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht wurde, mahnte eine Lesung aus Feders schriftlich festgehaltenen Erinnerungen in der Stadt- und Landesbibliothek zugleich, den Holocaust nicht auf die Vernichtungslager zu reduzieren. Denn durch das Bemühen Feders hindurch, seinen bereits 1945 begonnenen Bericht möglichst unpersönlich zu halten, sind Menschenverachtung und Brutalität, wie sie auch in Theresienstadt herrschten, zu begreifen.

In angemessen zurückhaltender Art trug die Schauspielerin Barbara Geiger die „Jüdische Tragödie – Letzter Akt“ des 1970 mit 95 Jahren verstorbenen Rabbiners vor, die erst jetzt für deutsche Ohren verständlich gemacht wurde. Denn fast 60 Jahre nach der tschechischen Originalausgabe ist nun die Übersetzung erschienen.

Obwohl der Autor weitgehend auf die Beschreibung eigener extremer Erfahrungen wie körperlicher Schmerzen verzichtet, vermag sein Text, eine Legende zu zerstören, die man auch eine Lüge nennen kann. Bekanntlich wollte die nationalsozialistische Propaganda anhand des „Ghettos“ Theresienstadt aller Welt vorgaukeln, dass man ausgesprochen menschlich mit den Juden umgehe. Nicht nur das Rote Kreuz ließ sich täuschen, sogar die Verfolgten selbst glaubten nicht selten, dass hier ein sicherer Ort für Ältere und Privilegierte sei. Oft genug gaben sie ihr letztes Geld, damit sie in die „Musterstadt“ kamen.

Eine fatale – allerdings teilweise bis heute erhaltene – Fehleinschätzung. Sicher, das Straßenbild in Theresienstadt war nicht von gestreiften Häftlingskleidern geprägt, auch eintätowierte Nummern gab es keine. Wie Michael Philipp, der Feders Bericht nun herausgab und akribisch kommentierte, erläuterte, waren jedoch die unmenschlichen Lebensbedingungen von jenen der Konzentrationslager kaum zu unterscheiden; die Angst vor der Deportation bestimmte den Alltag auch dieser Häftlinge. „Transport“ bedeutete für fast 90 000 Menschen, die von hier aus in Vernichtungslager verbracht wurden, den sicheren Tod. Doch bereits in Theresienstadt selbst starben über 30 000 von ihnen, meist an Unterernährung oder Krankheiten.

Richard Feder, Rabbiner im tschechischen Kolín, wurde 1941 im Alter von fast 67 Jahren in die zum Lager umgebaute Festung nördlich von Prag deportiert. Michael Philipp erläuterte, dass Feders Bericht aus verschiedenen Gründen weitgehend unbeachtet blieb. In der Tschechoslowakei nicht zuletzt, weil er dortige Mittäter genau beschrieb. Aber auch die deutsche Ausgabe wurde nur möglich, weil Gustav Just auf eigene Rechnung mit der Übersetzung begonnen hatte und sich nun der „Verlag für Berlin-Brandenburg“ und die Potsdamer Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft des Buchs annahmen. Dabei ist Richards Feders sachlich präziser Text, der auch Fragen von Schuld, Rache und Vergebung nicht ausweicht, gerade deshalb einmalig, weil es so gut wie keine Berichte von Rabbinern aus Konzentrationslagern gibt.

Am Ende seines Rechenschaftsberichts verabschiedet Feder jedes einzelne ermordete Mitglied seiner Kolíner Gemeinde. Auch die Lesung endete mit diesen „Abschiedsworten“: Verzweifelt schleudert Feder den Tätern damit ein dann doch sehr persönliches Klagelied entgegen. Dabei steht das quälend unergründliche Schicksal von Freunden und Familie im Mittelpunkt. Den meisten von ihnen war nicht einmal der Platz auf einem Friedhof vergönnt. Moritz Reininghaus