• Tanz in der Unterwelt „Styx“: Figurentheater zwischen Leben und Tod

Kultur : Tanz in der Unterwelt „Styx“: Figurentheater zwischen Leben und Tod

Astrid Priebs-Tröger

Schon immer übte das Reich der Toten eine große Faszination auf die Menschen aus. Unzählige Mythen berichten von Auserwählten, denen es gelingt, das Gesetz des Todes zu durchbrechen, der schaudernden Mitwelt Kunde zu geben von den Gefahren der Unterwelt, ihren mächtigen Herrschern und nicht zuletzt den Schatten ehemals Lebender. Vom Glanz dieses düsteren Motivs waren auch drei junge Schau- und Puppenspieler angezogen, die am Wochenende die Figuren-theaterperformance „Styx“ im T-Werk aufführten.

Zwei gänzlich graugekleidete Gestalten (Wiebke Holm und Florian Feisel) mit von innen beleuchteten runden Hüten gehen über den schmalen Grat zwischen Ober- und Unterwelt: Mit ihren Fingern über den Draht einer einseitigen Harfe. Deren schaurig schöne Töne (Musik: Morgan Daguenet) ihnen dann den weiteren Weg weisen. Wie auch die sympathische Stimme dieser Sphäre, die ständig über einen Bildschirm präsent und oftmals mit guten Ratschlägen zur Stelle ist.

„Niemand hat gelitten“, wird ihnen und den Zuschauern versichert, und sogleich beginnt ein ungemein bizarres Knochenballett. Bei dem sich Unterschenkel- und Oberarmknochen, Rippen und Wirbelkörper sogleich zu den seltsamsten „Wesen“ oder Gegenständen zusammenfinden. Ein „Schweinehund“ wird abgelöst von einem „Knochenmikado“, einer Jonglage folgt ein riesiges knöchernes Rad, in dem die beiden Protagonisten gefangen sind. Seltsam schöne und skurrile Bilder tun sich auf in dieser im Wortsinn leichtsinnigen und überaus spielerischen Inszenierung des Figurentheater-Stückes unter der Regie von Antje Töpfer.

Die aber niemals leichtfertig oder gar pietätlos erscheint, sondern einigermaßen „abgeklärt“ und dabei immer fantasievoll einen sehr ästhetischen Totentanz inszeniert. Bei dem nicht nur die Gebeine untereinander starke magnetische Anziehungskraft ausüben, sondern auch die beiden Unterwelt-Reisenden in den Bann geschlagen werden. Das alles findet in einer ästhetisch-reizvollen buchstäblichen Schattenwelt und unter Zuhilfenahme einer gehörigen Portion Humor statt. Denn, dass da noch viel Leben in den toten Gebeinen steckt, muss die lebenspralle kräftige Frau nicht nur einmal erfahren. Und nur der allgegenwärtige Herrscher der Unterwelt kann dem ziemlich handgreiflichen Treiben mit einer Rauswurfdrohung Einhalt gebieten.

Und am Ende kommt das Nichts? Bei „Styx“ jedenfalls nicht. Das Licht im Hut weist den Weg. Aber wohin? Das ist nicht zu erfahren. Und wird der Fantasie der – am Samstagabend sehr begeisterten – Zuschauer überlassen. Schade allerdings, dass nur sehr wenige Besucher den Weg in das Theater fanden und damit der Faszination des Schattenreichs und seiner großartig tanzenden und spielenden Protagonisten erliegen konnten. Die Performance des jungen multikulturellen Teams aus Deutschland, Frankreich und Südafrika machte jedenfalls Appetit auf mehr und wird hoffentlich noch auf vielen Bühnen zu sehen sein. Astrid Priebs-Tröger

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