Kultur : Stürmische Böen

Mit Verve und Feingefühl: Sol Gabetta mit der Cappella Gabetta im Potsdamer Nikolaisaal

Babette Kaiserkern
Warmer Ton.
Warmer Ton.

Die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach und Luigi Boccherini ist dem musikalischen Resonanzraum von Potsdam unzertrennlich eingeschrieben. Beide Komponisten dienten preußischen Königen und ihre Werke erklangen im Schloss Sanssouci, im Neuen Palais, im Marmorpalais und in der Orangerie im Neuen Garten. So war das Konzert der Cellistin Sol Gabetta mit der Cappella Gabetta im ausverkauften Nikolaisaal am Freitagabend in gewisser Weise ein Heimspiel.

Indessen kann die Musik nicht nur Zeiten überschreiten, an diesem Abend 250 Jahre, sondern auch Räume. Die musikalische Städtereise begann in Madrid, wo José de Nebra Blasco am spanischen Königshof als Kapellmeister wirkte und eine Vielzahl von geistlichen und weltlichen Werken schrieb, darunter mehrere Zarzuelas. Aus dieser typisch spanischen Form des Musiktheaters stammten die knappen, folkloristischen Stücke, mit denen die Cappella Gabetta das Konzert temperamentvoll eröffnet. Unter der Leitung von Andrés Gabetta auf der Violine spielen die rund 20 Musiker auf Originalinstrumenten im Stehen.

Die folgende Sinfonia Es-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach steht in punkto Rasanz nicht nach. Stürmische Streicherböen, vehemente Wechsel zwischen Legato und Staccato, muntere Einwürfe der Oboen und Hörner prägen den mitreißenden ersten Satz, der höchst ungewöhnlich für jene Zeit mit Prestissimo überschrieben ist. Da rumort der Sturm und Drang der neuen Epoche schon gewaltig und C. Ph. E. Bach zeigt sich als einer ihrer bedeutendsten Komponisten. Dass man aus der Seele spielen solle, lag ihm am Herzen. Viele Seufzer erklingen denn auch im Larghetto über einer nachdenklich schreitenden Basslinie.

Straffes Musizieren prägt das kraftvolle Cellokonzert Es-Dur des zweiten Bachsohns. Sol Gabetta spielt es mit Verve und Feingefühl auf einem wertvollen Guadagnini-Cello, dessen warmer Ton in allen Registern leuchtet. Im betrüblichen zweiten Satz weckt eine Solo-Kadenz expressive Klänge, bevor das Konzert energisch endet. Tosender Beifall belohnt die formidable Cellistin, die auch das Cellokonzert D-Dur von Luigi Boccherini kunstvoll gestaltet.

Erst nach dem Tod des Flötenliebhabers Friedrich II. brach die große Cellozeit am preußischen Hof an. Für dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. komponierte Boccherini, der bis zu seinem Tod in Madrid lebte, regelmäßig Kammermusik, wohl aber nicht dieses bereits 1784 gedruckte Konzert. Die Solistin findet sich oft in den Dialog oder im Gleichklang mit der ersten und zweiten Geige und der Oboe. Zusammen mit dem nicht obligaten Cembalo bekommt das einen barocken Beiklang, bei dem die zart ziselierten Figurationen des Cellos manchmal ein wenig in den Hintergrund geraten.

Dass Boccherini auch kräftige Töne anschlagen kann, beweist die Sinfonie d-Moll mit dem Beinamen La Casa del diavolo (Das Haus des Teufels). Unter Bezug auf ein Werk von Chr. W. Gluck, das der junge Boccherini einst in Wien gehört hatte, erklingt ein atemberaubender Parforceritt durch die Unterwelt. Gruselige Geister, fahle Schatten, untote Seelen ziehen ihre schaurigen Kreise, als sei es eine musikalische Version von Dantes Inferno. Nur schade, dass immer nur diese eine Sinfonie gespielt wird, dabei gäbe es unter den über 30 Sinfonien von Boccherini noch einiges Schönes zu entdecken.

Die Zuhörer im Nikolaisaal belohnen das spritzig-routinierte Konzert der Geschwister Gabetta mit rauschendem Beifall, als Zugabe erklingt noch einmal der feurige Fandango, der spätestens jetzt auch zu Potsdam gehört.Babette Kaiserkern