• Stück "People respect me now“ am Hans Otto Theater: Die Streiflichternde

Stück "People respect me now“ am Hans Otto Theater : Die Streiflichternde

Zurück in Potsdam: Annette Pullen bringt mit Schauspielschülern den bescheiden-maßlosen Text „People respect me now“ zur Erstaufführung.

Wieder da. 2009 gab die Regisseurin Annette Pullen ihren erfrischenden Einstand am Hans Otto Theater mit einem gewagt gekürzten „Clavigo“. Jetzt stellt sie die deutsche Erstaufführung „People respect me now“ vor.
Wieder da. 2009 gab die Regisseurin Annette Pullen ihren erfrischenden Einstand am Hans Otto Theater mit einem gewagt gekürzten...Foto: Andreas Klaer

Es ist eine schwierig-schöne Aufgabe, immer wieder aufs Neue. Jedes Jahr sucht das Hans Otto Theater ein Stück, in dem die Schauspielstudenten der Filmuniversität Babelsberg zeigen können, was sie gelernt haben. Für die Schauspielschüler ist das eine ersehnte, gefürchtete Zäsur in ihrer Laufbahn: das erste Mal gemeinsam auf einer großen Bühne. Das erste Mal ein Kostüm auf den Leib geschneidert bekommen. Das erste Mal große Öffentlichkeit. Umso wichtiger wird da die Frage nach dem Text: Wo können alle am besten zeigen, was sie zeigen wollen?

Die Regisseurin Annette Pullen kennt das gut, diese Mischung aus Vorfreude und Lampenfieber. Sie hat schon oft mit Schauspielschülern zusammengearbeitet, zuletzt in Stuttgart, wo sie Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ mit Studierenden der dortigen Schauspielschule inszenierte. Tolles Stück, nur: „Es können eben nicht alle Biedermann sein. Und wer den Chor spielt, freut sich erst mal nicht so sehr.“

Ein Problem, das die Schauspielschüler am Hans Otto Theater definitiv nicht haben werden. Die Stückvorlage „People respect me now“ von Paula Stenström Öhman wartet mit rund 20 Rollen auf – „in gefühlten 98 Szenen“, wie Annette Pullen sagt, lachend. In Wirklichkeit sind es nicht ganz so viele. Dennoch lag in der raschen Szenenfolge, in der großen Bandbreite der Figuren sicher ein Grund dafür, dass HOT-Dramaturgin Ute Scharfenberg den Text extra aus Schweden eingeflogen und sogar selbst übersetzt hat. Was dem Theater zu einem willkommenen Extra-Quäntchen Erstaufführungsaufmerksamkeit verhelfen dürfte. Ein weiterer Grund ist der Stoff selbst. Annette Pullen beschreibt ihn in einem charmanten Paradoxon als „bescheiden und maßlos“. Es geht um einen Gewaltvorfall an einer Schule, und darum, was sich dahinter alles verbirgt. Es geht um Mobbing und Missbrauch, um Hass und Ausgrenzung, um besorgte Lehrer und verzweifelte Eltern, um Kinder als Opfer und Täter zugleich. Das sei überhaupt das Spannende: Jeder Einzelne, sagt sie, ist hier Täter und Opfer zugleich. Was daran maßlos ist, liegt auf der Hand, aber Bescheidenheit? Die mag darin liegen, dass es, wo so viele Themen angeschnitten werden, keinen Anspruch auf Vollständigkeit gibt. Ein Text, der sich mit Streiflichtern begnügt.

Das passt, denn: Annette Pullen, geboren 1974 im Ruhrpott, ist so etwas wie die Spezialistin fürs Streiflichternde unter den jüngeren Regisseuren, allerdings eine mit gestochen scharfem Blick. Wie das im besten Fall aussehen kann, konnte man auch schon in Potsdam erleben. Zum Eröffnungsreigen der Intendanz von Tobias Wellemeyer trug sie 2009 einen „Clavigo“ bei, der für Goethesche Verhältnisse fast unverschämt verknappt war – und dennoch, oder gerade deshalb, hochgradig rhythmisch und tiefenscharf inszeniert, mit unverstelltem Blick für das Wesentliche. Am Schluss legte sie Clavigo eine Rede von Joschka Fischer in den Mund und machte so das Ganze zu einer allgemeingültigen Parabel auf den Wandel eines Idealisten zum „Realo“.

Obwohl in Gießen ausgebildet – der wichtigsten Talentschmiede für Theaterformen jenseits des Stadttheaters –, ist Annette Pullen beim Stadttheater gelandet. Und geblieben. „Die Ablehnung des Stadttheaters ist ja immer mal wieder schick“ – kein Trend, den sie mitmacht. Stattdessen erzählt sie, wie sie es doch einmal mit der freien Szene versuchte und angesichts bekiffter Techniker die Demut vor dem Stadttheater lernte.

Dass Annette Pullen jetzt wieder in Potsdam inszeniert, hat mit Zufall zu tun, aber nicht nur. Einerseits stimmte jetzt einfach der Zeitpunkt. Denn nachdem sie vier Jahre lang die Schauspielsparte in Osnabrück geleitet hatte, ist sie seit 2015 wieder frei – „endlich wieder“. Der Osnabrücker Rhythmus von vier bis fünf Inszenierungen pro Jahr ließ wenig Zeit für anderes. Es zog sie weg aus der kleinen Stadt ins große Hamburg, wo sie heute, wie zu Beginn ihrer Lehrjahre am Thalia Theater unter Ulrich Khuon, wieder lebt.

Eine andere Station, und der zweite Grund für Annette Pullens wiederbelebte Potsdam-Connection, war Magdeburg. Annette Pullen und Tobias Wellemeyer kennen sich, seitdem Wellemeyer dort Intendant war. Der hatte die Regisseurin 2003 entdeckt, als sie einem anderen Text zur Uraufführung verhalf: „Dog eat dog“ von Nuran David Calis. Der Autor war damals unbekannt. Inzwischen ist er ein gefragter Mann.

„People respect me now“ hat am 10. Dezember um 19.30 Uhr in der Reithalle Premiere