• Studierende der Filmuni stellen Drehbücher vor: Von Monstern, der Liebe und einem Knall

Studierende der Filmuni stellen Drehbücher vor : Von Monstern, der Liebe und einem Knall

Bereits seit fünf Jahren stellen Schauspielstudierende der Filmuniversität beim "Scenic Reading" Drehbücher ihrer Kommilitonen vor.  Dieses Jahr fand die Veranstaltung das erste Mal im T-Werk statt. 

Torsten Schulz organisiert das "Scenic Reading" seit fünf Jahren. 
Torsten Schulz organisiert das "Scenic Reading" seit fünf Jahren. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Vorsichtig löst die junge Frau die Hände vom Fahrradlenker. Erst eine, dann etwas wackelig die andere. Kurz verliert sie das Gleichgewicht, greift nach der Schulter neben ihr, Blicke treffen sich – ein Moment tiefer Verbundenheit entsteht. Es ist eine berührende Szene, die Riccarda Schemann in ihrem Drehbuch zu „Der langsame Tod eines sehr großen Tieres“ kreiert hat – am Dienstagabend wurde sie im T-Werk zum Leben erweckt.

„Scenic Reading“ nennt sich das Format, in dem Schauspielstudierende der Filmuniversität Potsdam Drehbücher ihrer Kommilitonen vorstellen. Gestartet wurde das Projekt vor fünf Jahren von Filmuniprofessor Torsten Schulz gemeinsam mit der damaligen Chefdramaturgin des Hans Otto Theaters , Ute Scharfenberg. Mit dem Intendantenwechsel am HOT musste das Format an einen neuen Ort umsiedeln, Ute Scharfenberg ist weiterhin als Dramaturgin involviert. 

Ute Scharfenberg war Chefdramaturgin am Hans Otto Theater und hat das Format "Scenic Reading" mit ins Leben gerufen. 
Ute Scharfenberg war Chefdramaturgin am Hans Otto Theater und hat das Format "Scenic Reading" mit ins Leben gerufen. Foto: Andreas Klaer

Zarte Romanze, peinliches Tanzen

Riccarda Schemanns „Der langsame Tod eines sehr großen Tieres“ ist eines von drei Drehbüchern, die jeweils in einer halbstündigen Lesung am Dienstag vorgestellt wurden. Was es mit dem sterbenden Tier auf sich hat, wird beim „Scenic Reading“ nur angedeutet. Protagonistin Elah sieht ab und an ein großes Schattentier – mehr wird nicht verraten. Vielmehr steht die 17-Jährige selbst im Mittelpunkt. Sie zieht zu ihrem Vater (am Dienstag  dargestellt von Frederik Maximilian Costea) aufs Land, renoviert mit ihm das Haus des verstorbenen Onkels und lernt vor Ort Hanja kennen. Zwischen den jungen Frauen entspinnt sich eine zarte Romanze, berührend intensiv gespielt von Amal Keller und Josephine Schumann. 

Letztere wirkte ebenfalls bei „Drei Häuser weiter“ von David Segler mit. Darin verkörperte sie Ruth, eine junge Frau, die vermutlich eine Beziehung mit ihrem etwas älteren Tennislehrer Rafael (gekonnt verschlossen: Lorenz-Maria Krieger) hatte. Dieser ist verschwunden, gemeinsam mit seiner Mutter Agnes macht sich Ruth auf die Suche nach ihm. Der Dynamik dieser beiden Frauen zuzusehen, macht viel Freude. Sie bringen nicht nur Ruhe in das mit Zeitsprüngen durchsetzte Drehbuch, sondern werfen auch Fragen darüber auf, was das Leben lebenswert macht. Besonders einprägsam ist eine Barszene, in der Agnes zu dem italienischen 80er Jahre Song „Felicità“ tanzt und Ruth etwas peinlich berührt daneben sitzt. Der Ohrwurm bleibt hängen. 

Gesellschaftlich hochaktuell

Den beschwingten Flair des Songs könnten auch Hanna und Matthias gebrauchen. Die Protagonisten aus Mareike Almedoms „Urknall“ sind ein junges Ehepaar, haben einen Sohn und sind beide damit beschäftigt, ihre Karrieren voranzubringen. Während Matthias (wandelbar: Fabian Stumm) den Chefarztposten anstrebt und dafür immer längere Schichten im Krankenhaus schiebt, muss Hanna (intensiv: Sarah Dulgeris) eine Wissenschaftsstelle in Paris der Familie wegen absagen. Die Balance zwischen Familienmanagement, Paardynamik und Berufsleben ist hier schon lange ins Wanken geraten. Wie Mareike Almedom diesen, sich immer mehr zuspitzenden Konflikt zeichnet, ist schmerzhaft – und hochaktuell. 

Insgesamt entsteht beim „Scenic Reading“ – das trotz seiner zwei Stunden Länge kurzweilig bleibt – der Wunsch, jeweils die gesamte Geschichte der Drehbücher kennenzulernen. Die berührende Fahrradszene von Riccarda Schemann etwa auf der großen Leinwand zu sehen. Es bleibt zu hoffen, dass alle drei Werke ihren Weg dorthin finden.