Kultur : Straßenmusik auf Umwegen

Die Kammerakademie Potsdam erkundet mit „Street Music“ erneut die Klangräume der Stadt

Grit Weirauch

Gute Straßenmusik ist wie ein Augenblick der Anarchie. Sie überrascht – wenn es nicht gerade Panflöten- oder Akkordeongedudel ist – und muss, wenn sie gelingen will, die bestehende Ordnung auseinanderbrechen. Denn Passanten müssen stehen bleiben, sozusagen aus dem Takt kommen. „Ein kreativer Straßenmusiker schafft es, die Passanten aus der Eile zu bringen und für Sekunden in eine andere Welt zu versetzen“, sagt Tobias Lampelzammer. Er ist kein Straßenmusiker, sondern Kontrabassist der Kammerakademie Potsdam, hat aber ein Faible für das Anarchische der Musik.

2008 gründete er zusammen mit der Flötistin Bettina Lange und dem Schlagzeuger Friedemann Werzlau das Ensemble KAPmodern und ist nunmehr seit fast zehn Jahren verantwortlich für die gleichnamige Reihe. Mit zeitgenössischer Musik soll die Reihe klassische Hörgewohnheiten aufbrechen und festgefahrene Kategorien zwischen Wohlklang und Störgeräuschen aufweichen. Auch das Klischee der Sperrigkeit, der intellektuellen Herausforderung und der Unemotionalität Neuer Musik wollen Lampelzammer und seine Kollegen wegwischen. Neue Musik soll ein Erlebnis sein, der Zuhörer auf das pure Wahrnehmen zurückgeworfen werden, ohne die Klänge zu klassifizieren. In dieser Saison nun steht, wie insgesamt das Programm der KAP darauf ausgerichtet ist, die Stadt als Thema im Zentrum. Bereits zwei Konzerte („Interpares“ und „Klangspaziergang“) gab es im Nikolaisaal, das dritte und letzte findet am kommenden Dienstagabend unter dem Titel „Street Music“ statt.

Straßenmusik versteht KAPmodern dabei in einem weitgefassten Sinne. Zum einen geht es dabei um die Ästhetik der Straße. Wie in dem Stück der Italienierin Lucia Ronchetti. Die 1963 in Rom geborene Komponistin realisierte vor allem Musiktheaterproduktionen, so an der Staatsoper Unter den Linden, an der Dresdner Semperoper und komponierte Theatermusik unter anderem für das Berliner Ensemble. In ihrem 2010 entstandenen Scherzo für Ensemble mit dem Titel „Rosso pompeiano“ verbinden sich Straßenmusik und zeitgenössische Musik auf kongeniale Art: Die Vorlage dafür war eine Tonbandaufnahme einer neapolitanischen Rumba, live gespielt von Straßenmusikern in Süditalien. Diese Art Etnomusik ist für ein Ensemble wie die KAP eigentlich unspielbar. Ronchetti allerdings hat die Aufnahme mit ihrer im Tonfall rauen und unpolierten Ästhetik transkribiert – und über den „netten Umweg der zeitgenössischen Partitur“, wie Lampelzammer sagt, zugänglich gemacht.

Zur Programmatik der dreiteiligen Konzertreihe gehört in erster Linie allerdings, den Klang der Stadt einzufangen: die rastlose Hektik, das Maschinenhafte, die vielen gleichzeitigen Geräusche. Wie kaum ein anderer hat der ungarische Komponist György Ligeti mit seinem 1962 entstandenen Poème Symphonique – inzwischen ein Klassiker der Neuen Musik – diese Klangwelten beschrieben: 100 Metronome spielen wie Soloinstrumente, ein jedes in seinem eigenen Rhythmus. Lediglich der Start und die konstanten Tempi der Metronome sind vorgegeben. Dem Stadtkörper gleich soll die Vielzahl einzelner Bewegungen ein Gesamtorganismus ergeben.

Auch diesmal, wie in den vorangegangenen Konzerten, steht wieder Georg Friedrich Haas Werk „aus freier Lust...verbunden“ auf dem Programm. Das gleiche Stück dreimal in einer Konzertreihe zu spielen, ist für den klassischen Musikbetrieb eigentlich ein No-Go. Lampelzammer und seine Kollegen setzen das Mitte der 1990er-Jahre komponierte Stück allerdings bewusst ins Zentrum der Abende. Es ist, um im Bilde der Veranstalter und des städtischen Raums zu bleiben, der Knotenpunkt, die Umsteigestation verschiedener Fahrstrecken. Grund dafür ist zum einen, dass Haas sein Stück für verschiedene Instrumentierungen geschrieben hat; diesmal wird es in der Besetzung Bassklarinette, Posaune, Violoncello und Kontrabass aufgeführt. Zum anderen – und hier fügt es sich in Lampelzammers Konzept zum Umgang mit Neuer Musik bestens ein – gewinne das Stück, wenn man es mehrmals höre, so der Kontrabassist. Sodass sich schließlich auch bei Neuer Musik eine gewisse Gewohnheit einstellen kann. Grit Weirauch

„Street Music“ am Dienstag, 28. Februar, um 20 Uhr im Foyer des Nikolaisaals, Wilhelm-Staab-Straße 11, Karten: 15 Euro