Kultur : Spurensuche im Stein

Malerei von J. Heinrich Olbrisch und Skulpturen von Klaus Müller-Klug in der Galerie Samtleben

Astrid Priebs-Tröger

Ein steinernes graues „Theatrum“ und zwei große rote Quader des Bildhauers Klaus Müller-Klug begrüßen den Besucher. Mächtig und anmutig zugleich thronen die Skulpturen auf ihren geschweißten Eisensockeln. Einer der Quader zeigt eine geschlossene Front, der andere ist frontal längs und quer gespalten. Seine Einschnitte orientieren sich organisch am Verlauf der in ihm gewachsenen Ader. Die so entstandenen Öffnungen haben fast die Form eines Ankers, der den Stein auseinander treibt und sich gleichzeitig in ihm festsetzt. Genau wie bei der anderen Skulptur entsteht der Eindruck, als könnten sie sich wie ein „Sesam öffne dich“ bewegen. Nicht ohne Grund tragen sie die Namen „Palazzo Rosso“ I und II.

An der Wand daneben hängt eine großformatige Leinwand des Malers Johann Heinrich Olbrisch. Auch auf ihr sind Behausungen zu sehen. Zumindest die Reste davon: Fensteröffnungen verschiedener Größen, die vielleicht mal zu einem oder zu mehreren Häusern gehört haben. Aber genau ist das nicht auszumachen. Die Zeit, der Wind, Wasser und Sand scheinen das meiste verwischt zu haben. Nur Bruchstücke, Hieroglyphen, Ritzungen sind zu erkennen, manches in mehreren Schichten übereinander abgelagert, anderes scheint immer wieder aufgetragen. Auch das ist bei der „Sequenz“ genannten Arbeit aus dem Jahr 2004 nur zu erahnen.

Klar wird aber, was die beiden so unterschiedlichen Künstler in der neuen Ausstellung der Galerie Samtleben miteinander verbindet: Sie suchen Spuren im Stein. Der Bildhauer Müller-Klug in den natürlich gewachsenen Jahrtausende alten Materialien wie Impala, Grüner Andeer oder Roter Ceral. Und der Berliner Maler Olbrisch, der auch Architekt ist, an von Menschenhand errichteten Wänden.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass seine Hintergründe wie geputzte Fassaden anmuten, über die sich dann ein Netz von unterschiedlichsten Zeichen legt. Mal Beobachtungen von Reisen, mal Abdrücke von anderen Lebewesen, die ihre Spuren hinterlassen haben oder auch zarte Kalligraphien. Schicht für Schicht legt Olbrisch seine wenigen Farben und die verschiedenen Zeichen übereinander, um zum Schluss über alles noch so etwas wie ein Pergament zu decken.

Das ist sehr geheimnisvoll, ähnlich wie die Reise in den Stein. Klaus Müller-Klugs Skulpturen erkunden das Innere unserer natürlichen Welt. In seiner Arbeit spaltet er Kerne, zeigt ihre Einschlüsse, ihre Körnigkeiten und Widerstände und lässt den Betrachter teilhaben an ihrer Farbigkeit, Konsistenz und Temperatur. Er gewährt außerdem Einblicke in große Zeiträume, zeigt die Härte des Materials und die Kraft des Bezwingens. Und es wird deutlich, was es für eine große künstlerische Herausforderung ist, diese ursprüngliche Materie dem Betrachter zugänglich zu machen.

Müller-Klug, der das erste Mal in der Galerie Samtleben ausstellt, ist in Potsdam kein Unbekannter. 1993 nahm er an der Kunstaktion „Zehn aus Europa für Potsdam“ teil und schuf eine Plastik, die heute noch in der Hegelallee zu sehen ist. Außerdem errichtete er gemeinsam mit seiner Frau und einem großen Freundeskreis den berühmten Skulpturengarten in Damnatz an der Elbe. Während der jetzigen Ausstellungszeit organisiert die Galeristin Ute Samtleben eine Exkursion für alle Interessenten an diesen bemerkenswerten Ort im Wendland. Außerdem findet in der Langen Nacht der Potsdamer Galerien und Museen, der so genannten „Kunst-GenussTour“ am 30. September eine Finissage zum Thema „Stein-Farbe-Licht-Klang“ statt, die sich auf die Spuren der beiden „Künstlerarchäologen“ begibt.

Ausstellung bis 30. September, Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr, Sonnabend 11 bis 14 Uhr.

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