• So war der Aktionstag der Potsdamer Kultur: Sechs Stunden Wiederauferstehung
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So war der Aktionstag der Potsdamer Kultur : Sechs Stunden Wiederauferstehung

Alle für sich, alle miteinander: Potsdams Kultur feierte sich am 13. März einen fulminanten Abend lang selbst. Und trotzte mit Schauspiellust, Musik, Kunst und Prominenz digital der Krise. 

Die "Tanzdiele taktvoll" im Spatial Chat des Aktionstages der Potsdamer Kultur, eingerichtet von Sina Schmidt und dem Theaterkollektiv FritzAhoi!.
Die "Tanzdiele taktvoll" im Spatial Chat des Aktionstages der Potsdamer Kultur, eingerichtet von Sina Schmidt und...Foto: FritzAhoi!

Potsdam - Einer der schönsten Momente an dem Abend, mit dem das Netzwerk KulturMachtPotsdam fulminant sechs Stunden lang die Wiederauferstehung der Kultur aus dem Dauerlockdown feiert, ist auch einer der traurigsten. Ort des Geschehens: die virtuelle „Tanzdiele taktvoll“, im „Spatial Chat“ – klingt kompliziert?  

War es nicht. Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich in ein Computerspiel begeben. Wären eingeloggt, von dem Moderatorenduo Kalle und Mieze (echte! Menschen!) auf dem Bildschirm begrüßt worden und hätten sich per Mausklick gegen „Klosett keck“ und für „Tanzdiele taktvoll“ entschieden. Eine Bar, zauberhaft nostalgisch designt.

Alle für sich, aber irgendwie auch miteinander

Hier wären Sie, in Form eines Symbols auf dem Bildschirm, Betty und Robi begegnet. Ein Duo, das live musikalische Wünsche erfüllt. Kurz vor 21 Uhr also singt Betty: „If I only could“ von Kate Bush. Die Curser beginnen, sich zu bewegen, kreisen, hüpfen. Die Anwesenden in der digitalen Spelunke „Tanzdiele taktvoll“ tun das im Moment Unmögliche: Sie tanzen. Zu Live Musik. In einer Bar. Alle für sich, alle miteinander. Und alle nur als Button auf einem Bildschirm. „If I only could.“

Alle für sich und irgendwie miteinander: Dass dieses Ding der Unmöglichkeit ein paar Stunden lang tatsächlich gelungen ist, darf als Triumph des Aktionstages am 13. März gelten. Am meisten ist das dem Format zu verdanken, das sich am stärksten auf die Digitalität eingelassen hat: dem unter Federführung der Regisseurin Sina Schmidt und ihrem Theaterkollektiv FritzAhoi! eingerichteten „Spatial Chat“. Der war Schmidt zufolge pausenlose 8 Stunden und 45 Minuten on Air. Laut Nutzungsstatistik wurden im gesamten Zeitraum 1.462 Nutzer:innen erreicht.

Schauspieler Jörg Schüttauf zu Gast beim Bühnenprogramm des Hans Otto Theaters am Aktionstag von KulturMachtPotsdam.
Schauspieler Jörg Schüttauf zu Gast beim Bühnenprogramm des Hans Otto Theaters am Aktionstag von KulturMachtPotsdam.Foto: Andreas Klaer

Das Grundrauschen, das Festivals ausmacht

Im „Spatial Chat“ wurden Räume wieder ansatzweise als Räume erlebbar, und auch das schmerzlich Vermisste wieder möglich: Austausch. Wer wollte, konnte hier ins Gespräch kommen. Wer nicht wollte, konnte anderen lauschen. Den „Raum“ wechseln, Konzerte hören, Filme sehen, in das flirrende Grundrauschen eintauchen, das Festivals ausmacht. Sich an dieses fast vergessene Festival-Gefühl erinnern: Toll, aber das Beste passiert bestimmt gerade woanders. Es ist das Gegenteil des Corona-Gefühls: Wann passiert endlich wieder was? 

Dieses Festival-Gefühl wurde wesentlich von den drei Live-Programmen befeuert, die sechs Stunden lang parallel im Hans Otto Theater, Nikolaisaal und Kunsthaus Sanstitre gestemmt wurden. Herrlich, diese Qual der Wahl! 

Olaf Scholz im Rahmen des Aktionstages KulturMachtPotsdam zu Gast im Nikolaisaal.
Olaf Scholz im Rahmen des Aktionstages KulturMachtPotsdam zu Gast im Nikolaisaal.Foto: Nikolaisaal

„Klick-Kultur“ kein Dauerzustand

Digitale „Klick-Kultur“: So hatte der Tag sich selbst beworben. Diese ruft in Zuschauer:innen freilich auch eine analog nicht gelebte Grausamkeit wach: Was nicht sofort fesselt, wird weggeklickt. Schon allein deshalb ist so eine „Klick-Kultur“ trotz allem niemandem dauerhaft zu wünschen.

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Ein Versuch, gegenzusteuern, war das Virtuelle Museum: ein wunderbar weiter Raum, geschaffen von André Stiebitz, wo zeitgenössische Kunst aus Potsdam zu sehen war – und bleibt. Dass Jenny Alten, Frank Gaudlitz, Kathrin Ollroge, Jana Wilsky, Simone Westphal, K.T Blumberg, Ira von Kunhardt, Mikos Meininger und andere gebündelt hier zu sehen sind, ruft laut nach einer analogen Umsetzung. Allein dafür hätte sich dieser Tag gelohnt. 

Das Virtuelle Museum von André Stiebitz mit zeitgenössischer Kunst aus Potsdam bleibt auch nach dem 13. März offen.
Das Virtuelle Museum von André Stiebitz mit zeitgenössischer Kunst aus Potsdam bleibt auch nach dem 13. März offen.Foto: André Stiebitz

Minutiös geplante Bühnenprogramme

Und damit wurde noch nicht mal von den minutiös geplanten Bühnenprogrammen gesprochen. Conférencier Michael Dühn führte im Nikolaisaal unter anderem durch Polit-Talks mit Schwergewichten wie Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) (moderiert von Heike Bohmann und Alexander Hollensteiner) – alle im Wahlkampfmodus und voll des Lobes für Kultur. Nachhaltiger war da schon die erfreuliche Wiederbegegnung mit Schauspielerin Marianna Linden, deren Monolog „Niemand wartet auf dich“ für das Recht auf den Zweifel auch in der Politik plädiert. 

Beckett am Potsdam Museum. Gela Eichhorn schmückte am Aktionstag von KulturMachtPotsdam den Alten Markt mit einer Lichtinstallation.
Beckett am Potsdam Museum. Gela Eichhorn schmückte am Aktionstag von KulturMachtPotsdam den Alten Markt mit einer...Foto: Andreas Klaer


Im Hans Otto Theater moderierten Franziska Melzer und Jörg Dathe den Abend, charmant und schillernd, sprachen mit Kombinat und Michael Ihnow und vielen anderen, und gaben zwischendrin ab an „Kollegas“ Kristin Muthwill und Henning Strübbe. In clownesken Kostümen, mit rollendem R und unerhörter Spiellust suchten sie nach einem Oberhaupt für ihre Insel: „Kultopia“. Die prominenten Bewerber:innen mussten Führungskraft beweisen. 

Was würden sie tun, als Herrschende? Jörg Schüttauf: „Dafür sorgen, dass Kultur bitte nicht wieder als Letztes aufmachen darf.“ Bodenski: „Durch Stipendien dafür sorgen, dass ich überrascht werde durch die Kunst“. Nina Gummich: den Kindern Fantasie beibringen. Julia Schoch: Kinoprogramme ab morgens um neun. 

Günther Jauch befand, man brauche Kultur, weil sie das Herz berühre. Und Andreas Dresen zeigte in einem Videogruß, wie das geht: An diesem wichtigen Abend wolle er nicht reden, sondern singen, und zwar Gundermanns „Immer wieder wächst das Gras“. „Wir kommen wieder.“

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