• Sitarspieler Sebastian Dreyer: Märchen aus dem Mogulreich

Sitarspieler Sebastian Dreyer : Märchen aus dem Mogulreich

Potsdams einziger Sitarspieler Sebastian Dreyer lädt zu einer Reise durch Indien und Persien ein. Im Studio Gosha gibt er ein Konzert.

Sitarspieler Sebastian Dreyer und Märchenerzählerin Silvia Ladewig.
Sitarspieler Sebastian Dreyer und Märchenerzählerin Silvia Ladewig.Foto: Varvara Smirnova

Potsdam - Die Sitar ist wahrlich ein märchenhaftes Instrument: Sobald das Obertonreiche Schwirren und Schnarren der 20-saitigen Langhalslaute erklingt, beginnt die Phantasie zu arbeiten und lässt geheimnisvolle Paläste, kostbar gekleidete Prinzessinnen und sagenhafte Könige vor dem inneren Auge zu einem imaginären Schauspiel emporsteigen. Potsdams einziger professioneller Sitarspieler, Sebastian Dreyer, fügt beide Welten – die Musik und das Erzählen – zusammen: Unter dem Titel „Naghmeh-o-Afsaneh – Geschichten und Klänge aus dem persischen Indien“ wird am Samstag, 12. Oktober eine Mischung aus Raga-Konzert und Märchenlesung im Studio Gosha in der Dortustraße stattfinden. 

Dreyer sitzt auf dem Boden seines Arbeitszimmers neben einem Messing-Teeservice, aus dem frisch aufgegossener Darjeeling dampft. Drei Sitars stehen an der Wand, daneben noch eine Basssitar und eine Tampura, die Regale an den Wänden sind gefüllt mit Büchern über Indien, Hindi und die traditionelle Musik des Subkontinents. „Es gibt viele Parallelen zwischen Ragas und der Erzählkunst: Man widmet sich einem Thema und arbeitet es aus, man improvisiert und erzählt“, sagt Dreyer. „Man könnte sagen: Am  Samstag werden Geschichten mit und ohne Worte zu hören sein.“ 

Als Raga wird ein jahrhundertealtes Konzept der klassischen indischen Musik bezeichnet, auf das Dreyer sich spezialisiert hat: Es handelt sich dabei nicht um eine feststehende Komposition, sondern um ein musikalisches Stimmungsbild, eine Klangreise, die von Improvisationen lebt und quasi während des Spielens entsteht. Dreyer gibt etwa acht Mal im Jahr Konzerte in Potsdam, die Kombination mit indischen Märchen ist eine Premiere.

Die drei Märchen werden nicht einfach nur im Wechsel mit den Ragas vorgelesen, sondern frei erzählt und mit Ausschmückungen, Abschweifungen und Einbeziehung von Publikumsreaktionen ergänzt: „Es wird unter anderem Texte aus dem sogenannten Papageienbuch geben, eine indische Märchensammlung, die im 13. Jahrhundert unter dem Namen ‚Tuti nameh’ auf persisch veröffentlicht wurde“, sagt die Potsdamer Geschichtenerzählerin Silvia Ladewig, die am Samstag die Märchen vortragen wird. Das Papageienbuch erinnert in seinem Aufbau an die „Märchen aus 1001 Nacht“: Die Rahmenhandlung erzählt von einer Frau, deren Mann auf Geschäftsreise ist, und die nun ihren Liebhaber besuchen will. Der Papagei des Mannes versucht sie jedoch davon abzuhalten, indem er eine Geschichte nach der anderen erzählt.

Foto: Varvara Smirnova

Indien und Persien teilten mehr als 400 Jahre lang eine gemeinsame Kulturgeschichte: 1526 hatte Persien Teile des nördlichen Indien erobert und dort das Mogulreich errichtet, das bis 1858 bestand. Das hatte nicht nur Einfluss auf Märchenüberlieferungen zwischen den beiden Ländern sondern auch auf die Musik: „Die Sitar geht auf persische Ursprünge zurück, sie hat sich aus der Setar entwickelt, einer dreisaitigen Langhalslaute“, sagt Dreyer. „Auch der nordindische Zweig der Raga-Musik hat sich am Mogulhof weit entwickelt und ist sehr wichtig für die heutige klassische indische Musik.“

Auch sprachlich bestehen Verwandtschaften: „Farsi war lange Zeit Amtssprache am indischen Hof, Hindi und Urdu haben einen Großteil des Vokabulars aus dem Persischen entlehnt“, sagt Dreyer. „Einige Dichtungen aus Persien wurden auch in der indischen Musik vertont.“ Doch keine Sorge: All das Hintergrundwissen ist nicht nötig, um den Konzertabend zu genießen, bei dem neben der Sitar auch noch die persische Rubab und die Oud zu hören sein wird, eine arabische Laute. 

Tatsächlich habe ein Großteil seines Publikums meist keine Vorbildung zum Thema klassische indische Musik, sagt Dreyer: „Die meisten Zuhörer sind sehr aufmerksam und haben eher einen emotionalen Zugang zu der Musik. Sie haben einfach den Wunsch, sich dieser Art von Klangkultur hinzugeben.“ Für manche wecke die Musik Erinnerungen an die Hippie-Zeit oder die Beatles, andere kommen, weil sie einige Zeit in Indien gelebt haben und dadurch eine Verbindung zu dem Land haben.

Dreyers eigener Zugang erfolgte ganz unspektakulär durch den Musik-Unterricht an der Schule: „In einer Stunde haben wir außereuropäische Musik behandelt und es wurde eine Schallplatte mit indischer Musik aufgelegt – das hat mich total weggehauen“, erinnert sich Dreyer. Zu Hause liefen Sitar-Platten daraufhin in Dauerschleife, später fand er mit Gisela Tarwitt in Berlin seine erste Lehrerin für das Instrument. „Sie war damals die einzige in Berlin, die überhaupt Sitar-Unterricht anbot“, sagt Dreyer. 

Dreyer ging im Anschluss bei indischen Sitarmeistern in die Lehre, machte viele Reisen und unterrichtet seit 2006 selbst klassische indische Musik. „Heute bin ich der einzige Sitar-Lehrer in Berlin“, sagt Dreyer und wundert sich selbst ein bisschen. Für andere indische Instrumente wie Tabla gebe es nämlich sehr viel mehr Lehrer. Die einzige andere Person, die bis vor kurzem noch Sitar-Unterricht in Berlin anbot, war kurioserweise ebenfalls ein Potsdamer: Matyas Wolter vom Weltmusik-Projekt Pulsar Trio, der mittlerweile jedoch nicht mehr in Potsdam wohnt. Die Sitar, so scheint es, ist ein Instrument für ausgewählte Liebhaber. Was dem Erfolg von Dreyers regelmäßigen Konzerten keinen Abbruch tut: Die Raga-Abende im Studio Gosha sind gutbesucht, wer interessiert ist, sollte früh da sein. 

>>Am Samstag, 12. Oktober um 20 Uhr im Studio Gosha in der Dortustraße 55