• Potsdam: Fotoausstellung von Guido Stoll im Treffpunkt Freizeit

Seltsames Gefühl der Leere : Fotoausstellung von Guido Stoll im Treffpunkt Freizeit

Der Fotograf Guido Stoll zeigt im Treffpunkt Freizeit in Potdam Erinnerungen an seine Großmutter und setzt sich mit dem Tod auseinander.

Erinnerungsstück. Was bleibt, nachdem ein nahestehender Mensch gestorben ist? Mit dieser Frage hat sich der Berliner Fotograf Guido Stoll beschäftigt.
Erinnerungsstück. Was bleibt, nachdem ein nahestehender Mensch gestorben ist? Mit dieser Frage hat sich der Berliner Fotograf...Foto: Guido Stoll

Potsdam - Ein Kleiderbügel, an dessen Haken ein dunkler Rock, hängt an der Außenseite des Kleiderschranks. Daneben Tücher in unterschiedlichen Farben, abgelegt über einem auf dem Boden stehenden Spiegel, dazwischen an der Wand ein schwarzweißes Hochzeitsfoto. Sonnenstrahlen dringen von außen herein, lassen Lichtstreifen in warmen Tönen entstehen. Es ist eine fast beiläufige Szenerie, aus der auch Melancholie spricht. Denn die Aufnahme zeugt von längst Vergangenem.

Der Berliner Fotograf Guido Stoll hat sich nach dem Tod seiner Großmutter in deren Wohnung im mecklenburgischen Neubrandenburg begeben und persönliche Gegenstände, die er mit ihr in Verbindung bringt, fotografisch festgehalten. Kurz bevor der ganze Haushalt aufgelöst, alles verkauft oder verschenkt werden musste. Es ist eine besondere Würdigung ihrer ehemaligen Wohnstätte, ihres Refugiums. 50 Jahre ihres Lebens hat Helena Podlasly dort verbracht.

Unter dem Titel „Abschied“ sind etwa 35 Fotografien bis zum 22. November in der Galerie im Potsdamer Treffpunkt Freizeit zu sehen. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Fotogalerie Potsdam entstanden, die 2013 bereits eine Fotoreihe von Stoll aus New York City ausgestellt hat.

Unter den Aufnahmen im Treffpunkt Freizeit sind auch mehrere Porträts von Stolls Großmutter, in schwarz-weiß und in Farbe. Die enge Bindung zwischen ihr und dem Enkel ist darin zu spüren. Mal wirkt sie nachdenklich und ein wenig in sich gekehrt, mal lässt sich der Ansatz eines Schmunzelns vermuten. Die Porträts sind lange vor ihrem Tod entstanden, als es ihr noch gut ging. Anfänglich sei sie ein wenig skeptisch gewesen, habe ihn gefragt, was er mit all diesen Fotos vorhabe, erzählt Stoll. Der Sinn des Ganzen stellte sich erst viel später heraus: „Um sich an sie zu erinnern.“ Die Fotografie als Mittel, um etwas festzuhalten, bevor es dem Gedächtnis entschwindet. Dass all diese Aufnahmen einmal Teil einer Ausstellung werden würden, sei ursprünglich nicht seine Intention gewesen.

Erst später wurde die Großmutter schwer krank. Acht Wochen vor ihrem Tod kam Helena Podlasly in ein Hospiz in Neubrandenburg. Fast täglich besuchte Stoll seine Großmutter im Hospiz und begleitete sie in ihren letzten Lebenswochen. Im Februar 2018 verstarb sie im Alter von 94 Jahren. In mehreren Fotos werden in der Ausstellung auch die Mitarbeiter des Hospizes und deren Arbeit gewürdigt. Schließlich spielten sie in der Phase des Abschiednehmens sowie auch in der Auseinandersetzung mit dem Tod eine entscheidende Rolle. Durch die Gespräche sei ihm bewusst geworden, dass der Tod an sich nichts Schreckliches sei, sagt Stoll, zumal nach einem langen und erfüllten Leben wie im Fall seiner Großmutter, und „dass man die Chance bekommt, würdevoll zu sterben“.

Nach ihrem Tod setzten sich Stoll und seine Familie in der Wohnung der Großmutter mit der Hinterlassenschaft auseinander. Für Stoll die letzte Gelegenheit, den persönlichen Dingen mittels Kamera ein Fortleben zu ermöglichen.

So bleibt zum Beispiel die blaue Wollstrickjacke bestehen. In einem Bild hängt sie über einem Stuhl. Ein seltsames Gefühl der Leere findet darin Ausdruck, wird die eigentliche Besitzerin das Kleidungsstück doch nie wieder tragen können. Eine andere Aufnahme zeigt einen kleinen Tisch mit zahlreichen Topfpflanzen. Akkurat stehen sie nebeneinander. Auf einem weiteren Foto ist eine metallene, rot-weiße Gießkanne zu sehen. Sie thront elegant auf einem Hocker mit einer weißen Tischdecke. Die Aufnahmen wirken liebevoll, rücken scheinbar belanglose Alltagsgegenstände in den Fokus. Und dennoch haftet ihnen auch etwas Steriles an. Schließlich ist diejenige, die den Dingen ihre Bedeutung zukommen ließ, nicht mehr da. Birte Förster

„Abschied“, Ausstellung mit Fotografien von Guido Stoll bis zum 22. November, im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64, geöffnet ist montags bis freitags von 8 bis 21.30 Uhr