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"Sehsüchte"-Studentenfilmfestival 2020 : Wie aus dem Licht eine Leinwand wurde

Das Studentenfilmfestival "Sehsüchte" trägt dieses Jahr das Motto "20:20 Vision" - und begibt sich auf die Suche nach dem klaren Blick. Das zeigen auch die nominierten Kurz- und Dokumentarfilme.

Lena Schneider
"Opera Glasses", ein Dokumentarfilm von Mila Zhluktenko, ist bei den Sehsüchten 2020 zu sehen.
"Opera Glasses", ein Dokumentarfilm von Mila Zhluktenko, ist bei den Sehsüchten 2020 zu sehen.Foto: Promo

Potsdam - Im Trailer für die aktuellen Sehsüchte, die 49. Ausgabe des Stundentenfilmfestivals, macht sich eine Gruppe von jungen Menschen auf, einer Lichtquelle auf den Grund zu gehen. Man ist in freier Natur unterwegs, eine große weißstrahlende Fläche lockt sie an. Ein Fremdkörper. Sie nähern sich, bis die Finger das Licht berühren, es durchstechen. Denn: Das Licht ist kein Licht, es ist eine Leinwand. Das eigentliche Leuchten findet dahinter statt.

"20:20 Vision" lautet das Motto der Sehsüchte 2020, das abgewandelte Höhlengleichnis im Trailer erzählt davon. Im Mittelpunkt steht die Suche nach dem klaren Blick. Wie vielfältig diese Suche sein kann, wie vielgestaltig der Blick auf die Welt, das zeigt sich bei einem Blick auf die für einen der vier Preise nominierten Dokumentar- und Kurzfilme des Festivals. 

Mit den Händen sehen, gemeinsam den Blicken anderer trotzen

Da ist zum Beispiel Jero, der junge Mann in "Record Disco", einem argentinischen Kurzfilm von Juan Luis Araya. Jero putzt nach Ladenschluss in einer Tanzbar, und zwischendrin fragt er seine Kollegin Susy, ob sie mit ihm schlafen will. Das hast du was missverstanden, antwortet sie. Jero arbeitet weiter, sie schweigen. Jero ist blind. Was er nicht sieht: Wie Susy zu schmachtender Musik mit ihrem Putzlappen tanzt, die Hüften wiegt, Jero betrachtet. Was er dennoch sieht: Wie sie seine Nähe sucht. Am Ende tastet er über ihr Gesicht, sieht sie so das erste Mal. Das Ende des Films ist ein Beginn. Auch in "Lolo" von Leandro Goddinho und Paulo Menezes sehen die am klarsten, von denen man es womöglich am wenigsten erwartet.

"Lolo" ist ein Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre, und er hat Liebeskummer - wegen eines anderen Jungen. Das diskutiert Lolo ausführlich, in geradezu Woody-Allen-hafter Spitzfindigkeit mit seinen beiden Freunden. Sie werfen sich in Schale, färben sich die Haare, probieren Küsse aus - und am Ende gehen sie als glamrockiges, vorpubertäres Trio infernal in wilden Kostümen zu einer Klassenfeier. Erst die Blicke der anderen zeigen, dass die drei Außensteher sein könnten. Sind sie aber nicht: denn sie stehen zusammen. 

"Record Disco", ein Kurzfilm aus Argentinien, erzählt die Annäherung zweier Putzkräfte in einem Club nach der Schließzeit.
"Record Disco", ein Kurzfilm aus Argentinien, erzählt die Annäherung zweier Putzkräfte in einem Club nach der Schließzeit.Foto: Promo

Jugend, die ihre Lebenszeit absitzt, ein Paar, das sich in Rollen versteckt

Der niederländische Beitrag "Shalky" spinnt die Suche nach Gruppenzusammengehörigkeit fort. Lance Hossein Tangestani zeigt eine Gruppe von jungen Menschen in einem Plattenbauviertel, zwischen Videospielen, kleinen Klauereien, Gras und Langeweile. Zu alt für die Schule, viel zu jung für die Rente. Shalky ist einer von ihnen. Er jagt einem verlorenen Autoschlüssel hinterher, klaut Deos, verschenkt sie wieder. Das sieht ziemlich cool aus. Bis man ihn kurz vor Ende allein auf einer Parkbank sitzen sieht und denkt: das Porträt von einer Jugend, die ihre Lebenszeit abzusitzen scheint.

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"Girl meets Boy" von Ferdinand Arthuber führt nach Deutschland und erzählt die Geschichte von Gwen und Ben. Sie lernen sich zufällig kennen - oder besser: lernen sich in den Rollen kennen, die sie sich zugelegt haben. Sie probieren zusammen Klischee-Szenen von Ehe-Krisen, Romantic Dinner oder Küchenkauf durch wie Kostüme im Theater. Noch vor dem nackten Körper des anderen stehen sie wie vor einem Gemälde. Es muss erst ziemlich drastisch knallen, bevor sie bereit sind, ihre Masken abzulegen und Nähe zuzulassen.

Wer sagt, dass Frauen über 40 weise sein müssen?

In der desillusionierten Phase ihrer Beziehungslaufbahn steht auch Inna in dem russischen Dokumentarfilm "Puberty" von Elena Kondrateva. Geschieden, traumatisiert, Mutter von vier Kindern - und doch auf der Suche nach Liebe, wie ihre eigene pubertierende Tochter. Inna spricht offen mit ihren Kindern über Sex, Sehnsucht, Einsamkeit. Wer berät hier wen?, mag man sich fragen. Obwohl viel interessanter ist: Wer sagt eigentlich, dass Frauen moderat, weise, genügsam sein müssen, nur weil sie Mütter sind und über vierzig? "Puberty" erzählt Erwachsensein aus einer ganz anderen Perspektive.

"Opera Glasses" von Mila Zhluktenko beleuchtet die russische Gesellschaft noch einmal aus anderer Perspektive: die Welt der betuchten Bürgerlichkeit in Festtagskleidung aus dem Blick von betagten Garderobenfrauen in der Oper. Diese nehmen Pelzmäntel, Hüte und Schals entgegen, verleihen Operngläser und beobachten, wie die Zuschauerschaft vor den Garderobenspiegeln Krawatten zurechtzupft, Lippen schminkt, Selfies aufnimmt. Die Frauen an der Garderobe nehmen sie oft gar nicht wahr.

"Nacht über Kepler 452B", ein Dokumentarfilm von Ben Voit, ist eine Produktion von der Filmuniversität Babelsberg.
"Nacht über Kepler 452B", ein Dokumentarfilm von Ben Voit, ist eine Produktion von der Filmuniversität Babelsberg.Foto: Konrad Waldmann

Visuelles Neuland made in Babelsberg

Rein visuell betritt "Nacht über Kepler 452B", ein an der Filmuni Babelsberg entstandener Beitrag, noch einmal völliges Neuland. Der sehr sehenswerte Dokumentarfilm von Ben Voit ist weit entfernt vom realistischen Abbilden der Welt, die er zeigt: Obdachlose in einer deutschen Großstadt. Der Film begleitet zwei Sozialarbeiter auf ihrem Weg durch die Nacht und verzahnt den Blick von Außen mit intensiven Inneneinsichten: Die Menschen auf der Straße erzählen von eigenen Träumen, Problemen, Lebensfragmenten. Die Kamera zeigt eine durch Lichteffekte verfremdete, fast märchenhafte Welt. Vertraut und doch auch fremd. Wie der Planet Kepler 452B vielleicht, der vor ein paar Jahren entdeckt wurde: ein Cousin der Erde. Nur 1400 Lichtjahre entfernt.

Das Filmfestival Sehsüchte 2020 läuft bis zum 27.9. online, auf dem Gelände der Filmuniversität Babelsberg und im Thalia-Kino.

"Record Disco", am Sonntag, 27. September ab 19 Uhr im Kino 2 der Filmuni Babelsberg
"Lolo", am Donnerstag, 24. September ab 15:30 Uhr in der Waschhaus Arena – Indoor
"Shalky", am Samstag, 26. September ab 18 Uhr im Thalia Kino
"Girl meets Boy", am Freitag, 25. September ab 19:30 Uhr im Kino 1 der Filmuni Babelsberg
"Puberty", am Donnerstag, 24. September ab 20 Uhr im Waschhaus
"Nacht über Kepler 452B", Sonntag, 27. September ab 19 Uhr im Kino 2 der Filmuni Babelsberg


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