• Sehsüchte Festival in Potsdam: Analytikerin mit Bauch

Sehsüchte Festival in Potsdam : Analytikerin mit Bauch

Regisseurin Jules Herrmann ist selbst Absolventin der Filmuni Potsdam. Beim diesjährigen Sehsüchte-Festival sitzt sie in der Jury. Was ihr dabei wichtig ist.

Politische Haltung. Wenn Regisseurin
Politische Haltung. Wenn Regisseurin

Potsdam - Ein gutes Bauchgefühl ist ihr wichtig. Nicht nur im Alltag, sondern auch beim Arbeiten. Im kreativen Prozess, bei der Ideenfindung – und immer wieder in der Jury-Tätigkeit. Die übernimmt Regisseurin Jules Herrmann öfter. Aktuell sitzt sie in der Jury des Sehsüchte-Festivals der Filmuniversität Babelsberg und urteilt über den „Spielfilm lang“. Eine anspruchsvolle Aufgabe, wie sie sagt. Weil die zu bewertenden Filme alle sehr verschieden sind. Sowohl formal als auch genremäßig. „Jeder Film erzählt etwas Neues, steht für sich, das ist ganz toll“, sagt Herrmann. Nur das Prämieren werde dadurch etwas komplizierter.

Wie groß der Druck als Filmstudierender sein kann, weiß Jules Herrmann gut. Sie ist selbst Regieabsolventin der Potsdamer Filmuni. Über Umwege ist sie dorthin gekommen, studierte zunächst Betriebswirtschaftslehre in ihrem Heimatort Saarbrücken und in Dublin. Das Analytische liegt ihr, vielleicht sogar ein bisschen zu sehr, wie sie sagt. „Ich gehe oft viel zu sehr in die Analyse, dabei muss ich einfach mal machen“, erzählt die Wahlberlinerin, die ihr Alter nicht verraten möchte.

Formales und Inhaltliches gehört zusammen

Bei ihrem Langfilmdebut „Liebmann“, der 2016 auf der Berlinale lief, war das kein Problem. Der Film war innerhalb von zwei Wochen abgedreht und dabei voll von ästhetischen Ausbrüchen aus dem üblichen Filmerzählrahmen. Etwa durch werbespotähnliche Traumsequenzen oder an Gemälde angelehnte Szenen.

Auch bei der Jury-Arbeit achtet sie auf Filme, die über das bereits Gesehene hinausgehen. Formales und Inhaltliches gehört für sie allerdings zusammen. „Ein Film, der ästhetisch überzeugt, inhaltlich aber schwach bleibt, funktioniert bei mir nicht“, sagt sie. Trotzdem sei das Handwerk extrem wichtig, bei ihrer Beurteilung achte sie auf jedes Gewerk – von der Kamera bis hin zum Schauspiel.

„Ein Film muss gut gespielt sein, ansonsten geht auch die beste Botschaft verloren“, erklärt Herrmann. Sie rät Studenten mutig zu sein, sich in jeder Form von Fernsehformaten zu lösen und über die Grenzen zu gehen. Ihre eigenen ästhetischen Ansprüche möchte sie dabei niemandem aufdrücken. „Ich kann mich davon gut frei machen, aber es gibt natürlich Aspekte, die mir schon wichtig sind“, sagt die Regisseurin.

Sensibler Umgang mit Genderthemen

Etwa die politische Haltung der Filme – auch wenn sie nicht offensichtlich politisch sein wollen. Wenn zum Beispiel in einer harmlosen Komödie das Unvermögen eines Ausländers, Deutsch zu sprechen als lustig verkauft werde, fände sie das höchst problematisch. Auch der Umgang mit Genderthemen ist ihr wichtig, es ist ein Schwerpunktthema für sie. „Stereotype Rollenbilder trägt jeder mit sich rum, aber wir müssen darauf achten, wie wir damit umgehen.“ Sie selbst flicht Genderthemen ohne viel Aufhebens in ihre Filme ein. Ihr Protagonist in „Liebmann“ – gespielt von Godehard Giese – beginnt ganz selbstverständlich eine Affaire mit einem jungen Franzosen, vorher flirtet er ein wenig mit seiner Nachbarin.

In einem zukünftigen Projekt, an dem Herrmann gerade arbeitet, wird es um das Rollenbild der Frau gehen. Als „feministisches Biopic-Parodie“ bezeichnet sie den geplanten Film selbst, der sich inhaltlich um die Schauspielerin Vanessa Stern drehen soll. Stern hat sich aus einer Krise ihr Leben humoristisch in Texten aufgearbeitet, die Herrmann wiederum als Grundlage nutzen möchte. „Deswegen 'Biopic-Parodie', weil ihr Leben quasi schon durch die Texte verfremdet ist“, erklärt die Regisseurin.

Sowohl an sich selbst als auch an andere hat sie den Anspruch, dass ein Film beim ersten Sehen überzeugen muss: „Es ist sehr selten, dass sich bei einer Wiederholung meine Haltung zum Film ändert“, sagt sie. Auch die sieben Sehsüchte-Langspiel-Wettbewerbsfilme hat sie jeweils nur einmal gesehen, das genüge für eine analytische Bewertung. Den Rest entschied das Bauchgefühl. 

Die 47. Sehsüchte finden vom 25. bis 29. April in der Filmuniversität Babelsberg, Marlene-Dietrich-Allee 11, statt