• Saisoneröffnung des Potsdamer Nikolaisaals: Zwei ungewöhnliche Biografien

Saisoneröffnung des Potsdamer Nikolaisaals : Zwei ungewöhnliche Biografien

Am Wochenende startete der Nikolaisaal in seine neue Saison. Das Format „Soundtrack des Lebens“ startete mit Marion Brasch und Matthias Platzeck.

Andrea Lütkewitz
Die Autorin Marion Brasch (links) wünschte sich unter anderem die Titelmusik von zwei Western, in Erinnerung an ihre Brüder.
Die Autorin Marion Brasch (links) wünschte sich unter anderem die Titelmusik von zwei Western, in Erinnerung an ihre Brüder.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Max Moor hatte das Publikum am Samstag zu Veranstaltungsbeginn vorgewarnt: Die Premiere von „Soundtrack des Lebens“ im Nikolaisaal sei ein Experiment. An diesem Abend, so kurz nach dem Saisonauftakt am Freitag, lasse der Zuschauer sich ein auf „eine Autorin ohne Buch, einen Politiker ohne Wahlomat und einen Moderator ohne Fernsehkameras“ – sowie auf eine besondere Livemusik-Darbietung.

Eingeladen und gemeint waren Radioeins-Moderatorin und Buchautorin Marion Brasch, der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck und Moor selbst, bekannt als Moderator von „titel thesen temperamente“. Die Idee des Formats: Die Talkrunden wechseln, die Musikwünsche erfüllt das 50-köpfige Filmorchester Babelsberg unter Leitung von Scott Lawton, und die Lieder fungieren als Impulsgeber für die Gespräche. Moor verriet, dass es Orchester-Intendant Klaus-Peter Beyer gewesen war, der die Grundidee für die Veranstaltung gehabt habe.

Filmmusik aus den 70er Jahren

Wie gut diese Idee war, zeigte sich von Anfang an – und es war vor allem die bravouröse Leistung des Filmorchesters, die ankam. Schon mit dem ersten Musikwunsch, der Marion Brasch erfüllt wurde, kam sichtbar gute Stimmung auf, es wurde mitgewippt und kräftig applaudiert für die Titelmusik des Kultfilms „Shaft“ des amerikanischen Regisseurs Gordon Parks von 1971. Selbst wer den Film nicht kannte, atmete das New York der 70er-Jahre ein, wurde in verrauchte Klubs versetzt, in Lederjacken und schnelle Autos. Unverkennbar dabei die charakteristische Funkgitarre jener Zeit, gespielt von Max Knoth.

Die 1961 in Berlin geborene Brasch hatte den Film Anfang der 90er-Jahre in einem kleinen Kino in New York gesehen, auf einer ihrer ersten einprägsamen Reisen nach der Wende – das Stichwort zu ihrer Familiengeschichte war damit gesagt. Als sie 14 war, starb ihre Mutter, ihr Vater Horst Brasch, stellvertretender Minister für Kultur der DDR, folgte 1989. Und auch ihre älteren Brüder verlor die Autorin: Schauspieler Klaus starb 1980, die Schriftsteller Thomas und Peter beide 2001. Verarbeitet hat Brasch das in ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“. In ihrem Leben spielten alle Brüder eine sehr große Rolle, erzählte Marion Brasch – und so hätten sie auch maßgeblich ihren Film- und Musikgeschmack geprägt. Vor diesem Hintergrund brachte das Filmorchester auch die Titelmusik der Western „Spur des Falken“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu Gehör – letztere mit Matthias Stolpe an der Mundharmonika.

Appell für die Demokratie

Mit einem Augenzwinkern leitete die Titelmusik aus „Der Pate“ schließlich zu Matthias Platzeck über. Und sogleich wurde es politisch. „Sehnen die Menschen sich gerade nach einem ,Godfather’?“, fragte Moor, woraufhin Platzeck mit einem „ich glaube leider ja“ antwortete und einen Appell für die Demokratie hielt: „Diese ist nicht einfach, die braucht Leute, die mitmachen.“ Die Politik müsse zudem dranbleiben, das Gespräch mit denen zu suchen, die sich benachteiligt fühlen, „wenn diese nicht den Respekt und die Würde“ anderer Menschen verletzen würden.

Dass Platzeck – anders als Marion Brasch, die nur DDR-Fernsehen zu Hause sehen durfte – zu einem Nachbarn ging, um „Sport aktuell“ zu schauen, erfuhr der Besucher. Darüber hinaus ging es um seine familiären politischen Prägungen nach 1989, wobei persönliche Bezüge zur ausgewählten Musik etwas kurz kamen. So blieb am Ende offen, was genau der ehemalige Oberbürgermeister Potsdams mit den James Bond-Filmmusiken aus „Goldfinger“ und „Licence to kill“ verbindet, die am Samstag leidenschaftlich von Angelika Weiz gesungen wurden.

Das Filmorchester bewies, dass es auch ohne Filmvorführung für mitreißendes Kino inklusive Gänsehaut sorgen kann. Dennoch: So unterhaltsam Max Moors Moderation auch war, vor dem Hintergrund der ungewöhnlichen Biografien der Gäste, wäre es umso spannender gewesen, ein wenig mehr über die Gründe ihrer Musikauswahl zu erfahren. Beim anschließenden von mehreren Hundert Menschen besuchten Straßenfest vor dem Nikolaisaal dürfte das allerdings schnell vergessen worden sein: Hier wurde noch lange zu temperamentvollem Ska, Polka und Balkan Beats getanzt.