• Sachbuch von Niklas und Grit Poppe: Umerziehung in der DDR

Sachbuch von Niklas und Grit Poppe : Umerziehung in der DDR

„Die Weggesperrten“: Niklas und Grit Poppe berichten in ihrem Buch erschütternd über Umerziehung in der DDR – mit Bögen von der NS-Zeit bis ins Heute.

Niklas und Grit Poppe vor der Gedenkstätte Lindenstraße. 
Niklas und Grit Poppe vor der Gedenkstätte Lindenstraße. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Als Sylvia Schmeißer im Oktober 1986 die Gefängnisschleuse des Jugendwerkhofs Torgau durchquert, denkt sie: „Hier kommst du nicht mehr raus. Das überlebst du nicht.“ Zu dem Zeitpunkt ist sie siebzehn, ihre Mutter ist gerade an Krebs verstorben. Der Vater, von dem sie seit dem fünften Lebensjahr missbraucht worden war, war da schon tot. Sylvia Schmeißer hat bereits einen Aufenthalt in dem Durchgangsheim Bad Freienwalde hinter sich. Hat das erste Mal Gewalt von denen erfahren, die sich ihre Betreuer nennen. Den ersten Einzelarrest. Ihr Vergehen? Sie ist Waise, und sie ist noch nicht erwachsen.

Poppes Sohn, der Historiker Niklas Poppe, schrieb mit an dem Buch 

Die Potsdamer Autorin Grit Poppe, die in diesem Jahr für „Verraten“ für den Jugendbuchpreis nominiert, hat die erschütternde Geschichte von Sylvia Schmeißer gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Historiker Niklas Poppe in „Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR“ aufgeschrieben. Ein Sachbuch, alles hier ist so geschehen. Am Dienstagabend wurde das Buch in der Gedenkstätte Lindenstraße vorgestellt – das Interesse war so groß, dass kurzfristig eine zweite Lesung anberaumt werden musste. Es ist kein leichter Abend, keine leichte Lektüre. Man steigt, wie Moderator Henrik Röder es formulierte, „immer tiefer hinab in die Hölle.“ 

Drill, Häme und Strafen 

In Torgau werden Sylvia Schmeißer die Haare geschnitten, sie muss erniedrigende Leibesvisitationen über sich ergehen lassen. Vom Direktor erhält sie schon bei der ersten Begegnung eine Ohrfeige. Sie weint, bis sie nicht mehr kann. Dann entschließt sie sich: „Du machst denen das Leben so schwer wie möglich.“ Sie singt. Kampflieder. Kommt in Einzelhaft. Singt weiter. Zerstört eine dicke Glasscheibe mit bloßer Faust. Schneidet sich, um sich überhaupt wieder zu spüren. Mitgefühl erfährt sie nirgends. Nur Drill, Häme, Strafen. Wie teuflisch dieser Ort war, wird in einem lapidar klingenden Satz deutlich: „Trotzdem war ich lieber im Arrest als in der Gruppe.“

Die Berichte, Resultate langer Gespräche, sind in der ersten Person aufgeschrieben: ein Grund dafür, dass man sich dieser Lektüre nicht entziehen kann. Dieses Unrecht, die Verletzungen, die bis heute nicht vollständig verheilt sind, sie schreien der Leserin ins Gesicht. Die Autoren treten dahinter fast völlig zurück. Die Erlebnisberichte sind nur durch kurze, erklärende Passagen zu den jeweiligen Orten unterbrochen. Im Mittelpunkt stehen die Traumatisierten selbst.

Erziehung einer sozialistischen Persönlichkeit

Von Mitmenschen ist keine Hilfe, kein Trost zu erwarten: Diese Erfahrung eint fast alle Beiträge in „Die Weggesperrten“. Wie auch die Tatsache, dass viele der Kinder und Jugendlichen nie begriffen, was sie eigentlich getan hatten, um im Durchgangsheim, Spezialheim oder Jugendhof zu landen – Orte, die eindeutig als Gefängnisse wahrgenommen und auch konzipiert waren. Oft wurden sie wie Sylvia Schmeißer für die Lebensumstände bestraft, in den sie aufwuchsen. Oder für mangelnde Anpassung. 

Offiziell waren die Heime für Kinder, die als „schwer erziehbar“ galten. Was aber heißt das? Bei Eberhard Mannschatz, der den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau aufbaute: „ein System von Bedürfnissen, Bestrebungen und Gewohnheiten, das den kollektiven Interessen entgegensteht.“ Umerziehung hieß hier: Erziehung zu einer sozialistischen Persönlichkeit. Das pädagogische Werkzeug lieferte Anton Makarenko in den 1920er-Jahren. Wichtigstes Stichwort: „Kollektiverziehung“. Bei Vergehen oder Misserfolgen einer Gruppe soll die Gruppe strafen.

Perfide Folgen

Von den perfiden Folgen dieses Systems berichten die Betroffenen. Es gibt keine Freundschaften. Die Kinder werden angehalten, andere körperlich zu züchtigen – und wer eine Weile dabei ist, tut es ohne Aufforderung des Erziehers. René Brockhaus, der im Spezialkinderheim Bräunsdorf in Sachsen war, weil er sich „USA“ auf die Hand gemalt hatte, nennt rückblickend das Schlimmste: „dass ich nicht besser war als die Erzieher.“ 

Am ersten Tag in Bräunsdorf, ein heißer Tag, habe er das Gefühl gehabt, unter der Sonne zu erfrieren, sagt René Brockhaus. Das Spezialheim Bräunsdorf war im 19. Jahrhundert schon „Erziehungs- und Korrektionsanstalt“ gewesen und blieb es nach 1933. Die Anstalt Bräunsdorf spielte eine Rolle im Rahmen der Euthanasie-Morde. Und auch zu DDR-Zeiten blieb die Anstalt weiter in Betrieb. 

Biografien von Euthanasie-Opfern 

Kontinuitäten wie diese thematisieren Grit und Niklas Poppe in ihrem Buch, indem sie den Berichten aus Umerziehungsheimen der DDR zwei Biografien von Euthanasie-Opfern zur Seite stellen. Gisela R. etwa. Ein dreijähriges Mädchen, dessen Mutter sich mit der Erziehung überfordert sieht und sich 1941 an das Jugendamt in Halle wendet. Gisela wird untersucht und zunächst für „erziehungsfähig“ befunden. Sie wird hin- und hergeschoben, schließlich als „gemütsarme Psychopathin“ diagnostiziert. Ihr Todesurteil. Im November 1943 stirbt sie in der Jugendheilanstalt Uchtspringe. Die Todesursache („Marasmus“) ist ausgedacht.

In der DDR gab es keine Euthanasie. Aber es gab in Rüdersdorf kurzzeitig ein Jugend-Arbeitslager, es gab drakonische Strafen und „Erzieher“ ohne pädagogische Ausbildung, mit Allmachtsgebaren. Und ähnlich wie Grit Poppe Kontinuitäten zwischen der Heim-Erziehung zu NS- und DDR-Zeiten sieht, sieht sie auch Schatten dieser „schwarzen Pädagogik“, die bis ins Heute reichen. Eine Betroffene berichtet von „Verdingkindern“ in der Schweiz. Ein anderer von traumatischen Erlebnissen in einer brandenburgischen Einrichtung der Haasenburg GmbH – in den frühen 2000er-Jahren. Grit Poppe sagt: „Bestimmte Maßnahmen gibt es immer noch. Heute heißen sie nicht Einzelhaft, sondern Time-Out-Räume“.


Grit Poppe, Niklas Poppe: Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR – Schicksale von Kindern und Jugendlichen. Propyläen 2021, 414 Seiten für 22 Euro. 

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.