Kultur : Russischer Abend

Sommertheater des Poetenpack mit Tschechow im Q-Hof

Astrid Priebs-Tröger

Sommertheater des Poetenpack mit Tschechow im Q-Hof Potsdam-West, Lennéstraße 37, 150 Meter vom Kuhtor entfernt – der neue Spielort des Poetenpack ist einen Ausflug wert. Am Samstag herrschte zur zweiten Vorstellung des „Russischen Abends“ mit zwei Einaktern („Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“) von Anton Tschechow laues Sommerwetter und die Besucher kamen zahlreich und bunt gemischt. Von der Straße aus sieht man ein unsaniertes, eher städtisch anmutendes Haus und dahinter – dahinter beginnt die russische Provinz mit einem stilvoll heruntergekommenen Hof, grob gepflastert, mit Holunderbüschen, maroden Stallgebäuden, allerlei Utensilien ländlichen Lebens und einem einsamen Geiger, der mit melancholischen Weisen wunderbar auf die Vorstellung einstimmt (Simon Gorelik). Und dann geht es los, nachdem noch zusätzliche Stühle herbei getragen worden sind. Lomow (überzeugend Tilmar Kuhn), ein 35-jähriger Hypochonder und sitzen gebliebener Gutsbesitzer will die ebenfalls noch immer unverheiratete Tochter seines gutsherrlichen Nachbarn Tschubukow (Benjamin Kernen) ehelichen. Doch ehe er dazu kommt, seiner Angebeteten sehr förmlich einen Antrag zu machen, fliegen die Fetzen in einem handfesten Streit, in dem sie (sehr temperamentvoll Barbara Maria Sava) auch schon mal zum Beil greift. Das Ganze wird auch nicht besser als der Schwiegervater in spe wieder auf der Bildfläche erscheint, im Gegenteil, dann geht es ans Eingemachte und zu guter Letzt liegen beide Männer am Boden. Und die Tochter heult, denn erst jetzt erfährt sie vom eigentlichen Anliegen des Nachbarn und kurz bevor der an Herzversagen zu sterben glaubt, fängt das eigentliche Familienglück doch noch an? Die Zuschauer fanden sich wieder in den pointierten Szenen und den derben und direkten Anspielungen, Volkstheater im besten Sinne eben. Nach der halbstündigen Pause, in der der Garten illuminiert, der Geiger musiziert und die Besucher sich an russischem Zupfkuchen, Wariniki (Teigtaschen mit Kirschfüllung und Sahne) und Tee aus dem Samowar labten, eine völlig veränderte Szene. Der Hof nun die „gute Stube“ der Gutsherrin Popowa (Barbara Maria Sava): Aus dem Strohballenberg ist ein üppiger roter Diwan geworden, es gibt eine weiße Tafel mit Polsterstühlen sowie einen geschmückten Hausaltar und Grablichter in allen verfügbaren Fensteröffnungen. Denn die Hausherrin trauert und das schon seit einem Jahr und sie will bis zu ihrem eigenen Tode niemanden mehr sehen. Und plötzlich erscheint er – Smirnow, der Bär (kräftig Benjamin Kernen) und will 1200 Rubel von ihr haben, sonst ist er morgen selbst ein toter Mann. Das pralle Leben nimmt seinen Lauf, mit Missverständnissen und Eingeständnissen, Gefühle auf der Achterbahn, und viel zu spät erscheint Luka (Tilmar Kuhn), der alte Diener mit der Mistgabel und versteht die Welt nicht mehr. Die Zuschauer waren begeistert mitgegangen und spendeten lange Applaus für das spielfreudige junge Ensemble (Leitung: Benjamin Kernen). Jemand sagte: „Sehr schön, mit wenig Aufwand viel Vergnügen“. Sommertheater im besten Sinne, mit Abendrot und Schwalben oben drüber.Astrid Priebs-Tröger