Kultur : Reis und Domino

Herbstleuchten in der Potsdamer Tanz-fabrik

Astrid Priebs-Tröger

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Dieses Zitat von Matthias Claudius könnte auch noch heute von Bedeutung sein. Am Samstagabend in der fabrik erging es einem jedoch eher wie den Protagonisten von „Notebook“, die in ihrer medienübergreifenden Performance ihre Reiseeindrücke aus Südkorea und Japan künstlerisch zu verarbeiten suchten. Der insgesamt dreiteilige vorletzte Herbstleuchten-Abend bot zwar viele einzelne, durchaus interessante „Reiskörner“, die insgesamt aber wenig „Spuren“ hinterließen.

Das Anfangsbild von „Notebook“, der zweiten Aufführung, machte sofort neugierig. Langsam ließ David Brandstätter mehrere Kilo Reis aus einem schwarzen Beutel auf den Boden rieseln. Jedes Korn des aufgetürmten Haufens stand für einen Eindruck einer mehrwöchigen Asienreise. Sehr ästhetisch begann er mit einem breiten Besen die Reiskörner in langen Geraden kunstvoll auf dem Boden zu verteilen. Sein lineares Erzählen kontrastierte wirkungsvoll mit der eher intuitiven Erzählweise seiner Begleiterin Malgven Gerbes, die Gesten, Geräusche und Empfindungen beisteuerte. Eine kurze gemeinsame Dialogphase ließ auch etwas von der Beziehungsgeschichte der beiden Reisenden aufscheinen.

Bis dahin war man als Zuschauer dran am Geschehen, das durch Videobilder von Landschaften und Stadtansichten, Alltagsszenen und Tempelgärten komplettiert wurde. Aber etwa nach der Hälfte der Aufführung wünschte man sich eine stärkere Reibung, eine überraschende Wendung oder einen sonstigen dramaturgischen Einfall, der „Notebook“ wirklich spannend werden lässt. Und auch die Schlussbilder erschienen unausgereift und einigermaßen willkürlich. Schade, denn das Thema ist bei vielen Reisenden sehr präsent.

Ähnlich erging es einem bei Jefta van Dinters Choreografie „The way things go“. Eine interessante Versuchsanordnung erwartete die etwa 40 Besucher auf der völlig leeren Bühne der fabrik. Sie verteilten sich erst einmal willkürlich, saßen, standen und hockten im Raum, einige in der Mitte, viele am Rand. Die fünf Tänzer mischten sich relativ unauffällig unter sie. Und als einer den Anstoß dafür gab, taumelten und rutschten seine Partner in sich zusammen. Die nach dem Domino-Prinzip aufgebaute Choreografie brachte anfangs ziemlich überraschende Figuren und Konstellationen mit sich. Die Zuschauer guckten genau hin, manche waren so dicht dran am Geschehen, dass sie sich selbst auf die Bühne legten.

Doch die konsequente Verweigerung einer (tatsächlichen) Einbeziehung des Publikums – ganz am Beginn wurden zwei Besucher ziemlich ungeschickt beiseite geschoben – war Stärke und Schwäche der Choreografie zugleich. Wenn die Bewegungs- und Fallintensität auch im zweiten Teil variierte, stellte sich doch bald das Gefühl von Wiederholung und Langeweile ein, das manche mit Gähnen und zwei Teenager mit Tuscheln und Kichern zum Ausdruck brachten. Für ihren Mut zum Experiment wurde die niederländischen und schwedischen Tänzer allerdings am Ende mit langanhaltendem Beifall belohnt.

Als Höhepunkt des vorletzten Abends stand zu vorgerückter Stunde der Schweizer Christoph Hefti auf dem Programm, der mit seinem aufwändig gearbeiteten Pfauenfedern-Paradiesvogelkostüm jedoch vor allem ein Augen- denn ein Ohrenschmaus war. Astrid Priebs-Tröger

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