Kultur : Reformation im Farbenmix

Orgelsommerkonzert mit Mami Nagata aus Japan

Peter Buske

Sie sind beide Preisträger internationaler Orgelwettbewerbe, als fundiert ausgebildete Kirchenmusiker in Stuttgart tätig und gehen gemeinsam auf Tournee. Gibt die eine (Mami Nagata) ein Orgelkonzert, kann der andere (Kensuke Ohira) die Registrantenpflichten übernehmen. Oder umgekehrt. Kurzum: eine vorzügliche künstlerische Übereinstimmung und Partnerschaft, die ihre innige Fortsetzung im persönlichen Leben findet.

Manchmal, wie am Mittwoch beim Potsdamer Orgelsommer-Auftritt in der Erlöserkirche, sitzen sie auch gemeinsam auf der Orgelbank, um im vierhändigen Einvernehmen den vierten Satz aus der Sinfonie Nr. 5 d-Moll „Reformation“ vorzutragen. Dafür haben beide aus zwei unterschiedlichen Bearbeitungen für Orgelsoli ein eigenes Arrangement für vier Hände geschrieben. Mit diesem Stück sorgen sie bei dem zweiten Preisträgerkonzert des diesjährigen Orgelsommers mit Mami Nagata für den beeindruckenden Höhepunkt. Den Bachelor- und Master-Abschluss hat sie in der Tasche, nun bereitet sie sich an der Musikhochschule Stuttgart auf das Konzertexamen vor.

Um es zu bestehen, gehört sicherlich auch eine gute Programmdramaturgie dazu. Deshalb hat sich die Organistin entsprechend der vom Veranstalter vorgegebenen Reformationsthematik weitgehend auf entsprechende Luther-Choräle konzentriert. „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ ist der eine, der – mehrfach variiert – jenem vierten Satz aus Mendelssohns „Reformationssinfonie“ zum krönenden Finale verhilft. Selbstbewusst lassen Nagata und Ohira das Thema in geradezu orchestraler Rhetorik erklingen. Es braust in den Mittelstimmen, erfährt raffinierte harmonische Klangschattierungen, um schließlich in den voluminösen, glaubensbekennenden Hymnus zu münden. Den zweiten Luther-Choral „Vater unser im Himmelreich“ entdeckt die Organistin im reformatorischen Mendelssohn-Fundus, seiner Orgelsonate VI d-Moll op. 65/6. Der vorangestellten Melodie folgt die erste Variation in einem gläsern klingenden Diskantregister, begleitet von einer pulsierenden Bassstimme. Wenn es gefühlvoll klingen soll, kommen die Register des Schwellwerks zum Einsatz. Den gleichen Choral hat auch der Barocker Georg Böhm eher getragen vertont, wobei Mami Nagata die Melodiestimme mit der Sesquialtera, einem durchdringenden Farbregistermix aus Quint und Terz, vorträgt und sie dadurch aus dem glanzvoll schimmernden Gesamtgefüge effektvoll hervorhebt.

In der Manier einer solistischen Oberstimme über raffinierte Begleitfiguren hat auch Max Reger den „Adagio assai“-Satz aus der 1. Suite e-Moll op. 16 komponiert, in dem er die Choralzitate „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ und „Wenn ich einmal soll scheiden“ eindrucksvoll vertont hat. Weiche, gedeckte Farben und ein geradezu „singendes“ Orgelspiel erzeugen trotz anschwellender Lautstärken eine eher getragene Stimmung. In europäischer Tradition steht auch die melodiöse Novität Gebet I „Christ unser Herr zum Jordan kam“ des in Stuttgart ausgebildeten Japaners Asahi Matsuoka (geboren 1985), die einer filigranen und sehr farbigen Pinselzeichnung gleicht. Doch was wäre die Reformation ohne Johann Sebastian Bach? Und so erklingt gleich zu Konzertbeginn dessen Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564 in einer strukturklaren, temporasanten, seelenerbaulichen und strahlenden, von brillanten Prinzipalstimmen bestimmten Wiedergabe. Peter Buske

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