Kultur : Reden ist Macht

Das Festival „ueberMacht“ im Filmmuseum

Astrid Priebs-Tröger

Für Frauen hierzulande ist undenkbar, was Mukhtar Mai geschah. Die damals 30-Jährige wurde 2002 in dem pakistanischen Dorf Meerwala das Opfer einer Massenvergewaltigung, zu der der Ältestenrat aufgerufen hatte. 200 Menschen, zumeist Männer, schauten dabei zu, wie dadurch die „Ehre“ einer der einflussreichsten Familien des feudal regierten Dorfes wieder hergestellt werden sollte. Danach wäre es „normal“ für die gedemütigte und entehrte Frau gewesen, sich selbst umzubringen oder das Land zu verlassen. Mukhtar Mai tat nichts von beiden. Die Analphabetin schüttelte ihre Angst vor Rache und weiteren Demütigungen ab und begann, für ihr Recht zu kämpfen. Ihre beeindruckende und berührende Selbstbefreiung ist in dem 2006 entstandenen Film „Die Schuld, eine Frau zu sein“ von Mohammed Naqvi dokumentiert. Dieser bildete am Samstagabend im Filmmuseum den Abschluss und einen der Höhepunkte des bundesweit stattfindenden Filmfestivals „ueberMacht“.

Dokumentarfilme aus aller Welt setzten sich mit dem Thema Macht in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft auseinander. Das einwöchige Filmfestival, das in Potsdam nur etwa 600 Besucher hatte, wollte sensibilisieren für explizite und implizite Machtstrukturen, für legitime und illegitime Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Und dazu ermutigen, die Machtfrage im Alltag, in der Öffentlichkeit und in Politik öfter und nachhaltiger zu stellen. Die Pakistanerin Mukhtar Mai gelangt genau an diesen Punkt. In einer archaischen männlich dominierten Gesellschaft verliert sie alles, was ihren „Wert“ als Frau ausmacht. Im Film sagt sie, dass ihr irgendwann klar wurde, dass das Schlimmste schon passiert war und daraufhin die Angst von ihr abfiel.

Sie beginnt, ihre Demütigung öffentlich zu machen und ihre Peiniger anzuklagen. Weil sie sich nicht davor scheut, auch mit dem Imam ihres Dorfes und der örtlichen Presse darüber zu sprechen, gelangt ihr „Fall“ in die Weltpresse. Von da an hat sie eine Stimme und die Macht, viel in ihrem Dorf zu verändern. Sie baut von einer staatlichen Entschädigung eine Mädchenschule. Der Staat lässt das Dorf endlich elektrifizieren, eine Polizeistation einrichten, eine Straße sowie eine Schule für Jungen bauen. Doch als die inzwischen in den USA berühmte Aktivistin für Frauenrechte dorthin reisen will, um über die Zustände in Pakistan zu reden, lässt der Staat sie nicht.

Die „Nestbeschmutzerin“ erlebt nochmals im Großen, was sie in ihrer eigenen Familie und im Heimatort bereits durchgestanden hatte. Das Beispiel Mukhtar Mais ist auch hierzulande vorbildhaft. Im Anschluss an die Filmvorführung diskutierten die pakistanische Journalistin Qurratulain Zaman und eine Mitarbeiterin der anonymen Berliner Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund, „Papatya“, wie wichtig es für von Gewalt betroffene Frauen ist, ihre Stimme gegen das erlittene Unrecht zu erheben. Auch der Schritt aus der Familie hinaus könne Änderungen im System bewirken. Allerdings oftmals auch um den Preis des völligen Kontaktverlustes und einer jahrzehntelang andauernden Verfolgung.

Mukhtar Mai hat den engen Zusammenhang zwischen Opfersein und fehlender Bildung am eigenen Leib verspürt. Der Film zeigt in eindrücklichen Bildern, wie jetzt schon die Jüngsten in Meerwala – Mädchen und Jungen – lernen, öffentlich ihre Stimme zu erheben. Doch dieser hoffnungsvolle Ausblick lässt nicht vergessen, dass auch in unserer Gesellschaft Frauen, wie mehrere Zuschauerinnen sagten, die Opfer von sexueller Gewalt wurden, öffentlich kaum eine Stimme haben.Astrid Priebs-Tröger

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