• Rede zum Potsdamer Theaterpreis: „Wir sind keine Diskursgefäße“

Rede zum Potsdamer Theaterpreis : „Wir sind keine Diskursgefäße“

Gegen Kunst als Durchlauferhitzer: Zur Verleihung des Potsdamer Theaterpreises hält die Autorin Julia Schoch ein Plädoyer für mehr Debattenenthaltsamkeit. Ein Auszug aus ihrer Rede.

Julia Schoch
Die Schriftstellerin Julia Schoch am Hans Otto Theater, wo sie am 2. Juli ihre Grundsatzrede halten wird.
Die Schriftstellerin Julia Schoch am Hans Otto Theater, wo sie am 2. Juli ihre Grundsatzrede halten wird.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Es gab Zeiten, da wurde den Schreibenden, ja allgemein Künstlern, eingeflüstert, sie würden gebraucht, zum Beispiel zur Erneuerung des Denkens oder gar zum „Aufbau einer neuen Gesellschaft“. Heute scheint es mir weder das Bedürfnis nach der heilsamen Belehrung durch die Kunst zu geben noch „die Gesellschaft“, die ein solches Bedürfnis formulieren könnte oder wollte. Kann nicht „die Gesellschaft“ ohnehin nur noch in Anführungszeichen gedacht werden?

„Es ist eine Neigung von Intellektuellen, sich gern in die Mitte des Lebensstroms gestellt zu fühlen. Sinngefühl ist die stärkste Droge.“ Die Sätze stammen von Peter Sloterdijk. Wenn dem so ist, und das glaube ich, versteht man, warum so viele Künstler neuerdings wieder das Gleis wechseln und zu Wortführern von Debatten oder Unterzeichnern von Petitionen werden. 

Kunstschaffende müssen heute vor allem blind sein

An den Sinn der schöpferischen Kraft, der Kunst ganz allgemein, zu glauben, ist derzeit - mal wieder, möchte man fast sagen - nicht leicht. Angesichts der äußeren politischen Umstände, dem Druck der Debatten, der Erregungszustände auf allen Kanälen und der beinahe schon zur Gewohnheit gewordenen Aussichtslosigkeit müssen Kunstschaffende heutzutage vor allem blind sein. Eine Art absichtlicher Blindheit. Die kräftezehrendste Aufgabe, mit der wir uns herumschlagen müssen, besteht im Ausblenden des bedrückenden Informationstsunamis und dem Einblenden oder eher: der Autosuggestion der eigenen Bedeutsamkeit.

Dabei half mir in den letzten Monaten unter anderem eine kleine Liste, die ich angelegt habe. In unregelmäßigen Abständen und eher zufällig habe ich AutorInnen und ihre Reaktionen auf die politischen Zustände ihrer jeweiligen Zeit notiert. Ich habe das getan, weil ich mich in meiner eigenen Ratlosigkeit nicht ganz so allein fühlen wollte.

Es heißt: Wer nichts sagt, wird nicht gehört

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass jede Generation ihre Zeit als eine Zeit der Krise, der drohenden Gefahr oder der gerade noch überstandenen Katastrophe wahrgenommen hat und wahrnimmt. Eine Beständigkeit, die mich in Verzweiflung stürzt und gleichzeitig beruhigt. Es heißt: Wer nichts sagt, wer sich nicht zu Wort meldet, wird auch nicht gehört. 

Bei meiner Liste ist es umgekehrt. Ich habe nach auffälligem Schweigen gesucht, nach der verweigerten Unterschrift, nach der Leerstelle. Eines Tages rief jemand bei Peter Handke an und fragte: „Was sagst du zu dem Waffenstillstand in Vietnam?“ Handke antwortete nichts, fluchte nur und redete von etwas anderem. „Was zu sagen war, wäre nicht von mir gewesen, und ich bin mir immer dann besonders fremd vorgekommen, wenn von mir verlangt wurde, etwas zu sagen, was genauso gut auch eine Maschine hätte ausspucken können“, heißt es einem Aufsatz von 1973.

Literatur sollte das Redenwollen für Augenblicke zum Schweigen bringen

In einem Fernsehinterview hat die Autorin Zeruya Shalev neulich entsetzt aufgelacht, als eine Journalistin sie fragte, ob sie mit ihrem Roman „Schicksal“ eine Debatte anstoßen wolle. Nein, nein, wehrte Shalev ab, wie abwegig dieser Gedanke, eine Debatte mit einem Roman entfachen zu wollen. Literatur sollte nicht zu Debatten führen, sie sollte das Redenwollen für Augenblicke zum Schweigen bringen und in ein Innehalten verwandeln.

Im Jahr 1977 erschien in „Le Monde“ ein Aufruf, den sämtliche Intellektuelle und Künstler im damaligen Frankreich unterschrieben hatten, von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir bis hin zu Louis Aragon und Roland Barthes. Gefordert wurde darin die Aufhebung des Verbots der Pädophilie. Die Verherrlichung des Sex mit Minderjährigen war damals kultureller Usus, man hielt sich für fortschrittlich. 

Wie glücklich ich war, ich bin es noch immer, als ich entdeckte, dass Marguerite Duras als Einzige NICHT unterschrieben hat. Wie schwer muss es gewesen sein, nicht einzuknicken unter dem Ansturm der öffentlichen Meinung. Das wichtigste Ereignis in der Epoche, in der Shakespeare seine Stücke schrieb, war die Zerschlagung der spanischen Armada. Über diese politische Großzäsur schweigt sich der Autor in seinen Dramen aus.

Woolf und Mansfield schrieben nicht über den Krieg

Als 1940 deutsche Flugzeuge London bombardieren, zieht sich Virginia Woolf aufs Land zurück, kaum 150 Kilometer entfernt. Eigentlich müsste sie gegen die Deutschen und den Krieg anschreiben. Stattdessen schreibt sie ihre Kindheitserinnerungen auf: Es entsteht „Skizze einer Vergangenheit“. Ihr letzter Text.

1916 reist die neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield mitten im Ersten Weltkrieg von England an die Mittelmeerküste. Sie sucht nach einem geeigneten Haus in Frankreich, um ihre angeschlagene Gesundheit in einem milderen Klima zu behandeln. Ihr jüngerer Bruder stirbt währenddessen im Norden des Landes in einer der blutigen Schlachten. In keiner der Erzählungen Mansfields ist je vom Ersten Weltkrieg die Rede.

Als die Berliner Mauer fällt, hat Annie Ernaux eine leidenschaftliche Affäre zu einem Russen, also eigentlich ja noch Sowjetbürger. In ihrem Roman „Passion Simple“ ist auf jeder Seite von Sex und allem, was dazugehört, die Rede, nicht aber vom Ende des Kommunismus.

Die zukunftmächtige Kraft poetischen Denkens

Zuerst dachte ich, ich nenne diese Liste eine Liste der Unterlassungen. Aber da war ich noch in der Logik der medialen Welt, die uns beständig umzingelt. Nein, in Wirklichkeit ist es eine Liste der Erinnerung. Die Beispiele präsentieren mir keine Denkansätze, ich erinnere mich einfach nur wieder: An die begriffsauflösende und damit zukunftsmächtige Kraft des poetischen Denkens.

Sie erinnern mich - mal wieder - daran, dass Literatur (oder das Theater) der Ort ist, an dem es keine Abkürzungen, keine Schlagzeilen, noch keine Erleichterungen und auch keine Totalitätsansprüche gibt. Sie ist die Freiheit gegenüber allem schon Fertiggedachten, dem Herkunftsmorast, allem, was uns festlegen will: Klasse, Rasse, Milieu, Gruppenansicht. Sie schafft eine völlig neue Zugehörigkeit, fern von sonstigen sozialen, politischen und geografischen Einteilungen.

Die Kunst kann nicht schweigen, aber sie ist auch kein Durchlauferhitzer

Beim Schreiben merke ich jedes Mal, wie ich weniger kleinkariert werde, weniger im Schachteldenken gefangen bin als außerhalb des Schreibens, in der sogenannten wirklichen Welt. (In diesem Zusammenhang habe ich mich übrigens in letzter Zeit einem kleinen Gedankenexperiment unterworfen: Was wäre mir lieber: ein Impfgegner, der ein manischer Theaterliebhaber ist oder ein Durchgeimpfter, der nie ins Theater oder in eine Buchhandlung geht? Schon tritt einem der Schweiß auf die Stirn die Wände verschieben sich.) Die Kunst kann doch angesichts der Zustände in der Welt nicht schweigen, heißt es. Nein, schweigen nicht, aber sie ist auch kein Durchlauferhitzer, keine Röhre, in der der äußere Erregungsstrom verstärkt wird. Wir sind keine Diskursgefäße.

Individualität, Souveränität drückt sich heutzutage anders aus. Eine souveräne Haltung wäre es, Brecher von Erregungswellen zu sein, anstatt auf ihnen zu reiten oder sich von ihnen irgendwohin spülen zu lassen. Eine Pause im Erregungsstrom zu schaffen. Vielleicht wäre es bereits ein Weg, keine Debatten dorthin zu tragen, wo eigentlich etwas anderes stattfinden soll als Empörung oder Aufklärung. Wir würden uns wundern, wie schwer es ist, aus unserer gewohnten auf-, nein abgeklärten Haltung, wieder zu einer wundersamen, rätselhaften, intensiven Betrachtung der Welt zu kommen. Zu einer „wahren Empfindung“, der Peter Handke so oft auf der Spur war.

Was soll man tun angesichts unfassbarer Gewalt?

Optimismus ist bloß ein Mangel an Information, hat Heiner Müller bekanntlich gesagt. Insofern ist klar, warum wir heute keiner frohen Zukunftsvision anhängen können. Wir sind viel zu gut und zu vollständig informiert. Wir haben gelernt, die Geschichte nackt und schonungslos anzusehen. Allerdings scheint sich nichts an fruchtbaren Hinweisen daraus ziehen zu lassen. Die Informationen überwältigen und lähmen uns oft genug. Sie machen uns nicht glücklicher, nicht handlungsfähiger. Wir sind ratloser, gewissensverbissener geworden. Wir fühlen uns einsam, wie allein gelassen im kalten, grellen Licht des totalen Wissens.

Vor 250 Jahren schrieb Voltaire seinen Roman „Candide oder der Optimismus“. Candide sah sich derselben Frage ausgesetzt wie heute ich. Was soll man tun angesichts unfassbarer Gewalt, von ewigen Kriegen und Naturkatastrophen? Voltaire lässt Candide und dessen Gefährten eine Art Landwirtschaftskommune gründen. Dort gilt der Grundsatz: Ob die Welt nun gut oder schlecht ist, der Garten muss trotzdem bestellt werden.

Ich lese das so: Als eine Aufforderung, zur physischen Präsenz zurückzukehren, etwas mit den eigenen Sinnen wahrzunehmen, anstatt bloß aufzuschnappen oder Gehörtes weiterzuerzählen. Die deutliche, tastbare, in der Regel mit einem Du und Wir verbundene Realität zu erleben. Manchmal hilft es ja schon, kleine Tiere zu versorgen, Kinder oder irgendein anderes Wesen zu streicheln. Gemeinsam einen Film zu schauen, im Theater zu sitzen, nachts im Park zu tanzen.

Verleihung und Rede heute um 21 Uhr im Großen Haus des Hans Otto Theaters, Anmeldung per E-Mail an [email protected] oder Tel.: (0331) 981 18.

Julia Schoch ist Schriftstellerin und lebt seit 1986 in Potsdam Zuletzt erschien ihr Roman "Das Vorkommnis".


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