• Psychedelisch geprägter Krautrock Eat Ghosts

Kultur : Psychedelisch geprägter Krautrock Eat Ghosts

spielten in der fabrik

Oliver Dietrich

Die Zeit war reif für eine Neuerfindung: Bis eben gab es noch die Potsdamer Band Minerva, jetzt hat sie sich einen neuen Namen verpasst. Eat Ghosts nennt sich das Quartett jetzt – und am vergangenen Freitag gab es das erste Potsdam-Konzert mit dem neuen Namen, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sound(g)arten“ in der fabrik in der Schiffbauergasse. Die findet den Sommer über eigentlich open air statt, doch für ein Konzert unter freiem Himmel spielte das Wetter nicht so richtig mit. Kurzerhand wurde es also nach innen verlegt.

Der Veranstaltung tat das keinen Abbruch, und trotz neuen Namens ist die Band ja Profi. „Wir wollten die Songs innovativer angehen, weniger verkopft“, sagt Bassist und Sänger Enrico Semler über die Neuerfindung. Dabei verwendeten Minerva sehr viel Energie dafür, eine schwere Metaphorik zu entwickeln: Das Debütalbum „Germinal“ arbeitete sich an der industriellen Revolution ab, ein Konzeptalbum, dessen Uraufführung mit einem Theaterstück verschmolz.

Diese kreative Wucht haben sich Eat Ghosts jedoch erhalten, von einem Schlussstrich ist am Freitag nichts zu spüren. In tief psychedelischem Duktus zelebriert die Band einen durch die 1970er-Jahre geprägten Krautrock, dessen gewaltige Komplexität jedoch nicht erschlägt, sondern tief hineinsaugt. Kein Wunder – gab es doch schon vor der offiziellen Bandgründung das Projekt Stoned forget the Cookies, bei dem Songs von Jimi Hendrix gecovert wurden. Hendrix ist auch heute noch spürbar: Viel Hall, viel Gegenläufiges – und nach jedem Ausbruch kehrt der jazzige Frieden wieder ein. Unfassbar, wie man eine so erzählerische Struktur in Musik verfrachten kann: Der mäandernde Bass von Enrico Semler schiebt das virtuose Gitarrenspiel von Jan Waterstradt, Schlagzeuger Martin Mann spielt präzise und aus dem Handgelenk im Vordergrund, während Saxofonist Benjamin Ihnow die Parts dominiert, in denen die Geschwindigkeit reduziert wird. Eingerahmt wird die schräge Szenerie durch zwei Türme aus Fernsehern links und rechts der Bühne, auf denen Bilder flackern. Eine beinahe anachronistische Traumwelt.

Das Ganze besitzt eine gewisse Schrulligkeit, zumal die Songs nicht in wenigen Minuten heruntergespielt werden, sondern sich in bluesartigen Schemata entwickeln. Doch dabei wird so viel lyrisches Potenzial frei, dass es einen schlicht aus den Angeln hebt. Angesichts so viel Genialität setzt leichter Schwindel ein. Am Ende fügt sich alles. Selten geht man so emotional nach Hause.

Für die Zukunft von Eat Ghosts gibt es auch schon große Pläne: Am 22. September erscheint das Album „ANT/EGO“ auf dem Label „Sonic Attack“, danach geht es auf Tour durch Deutschland, die Schweiz und Italien. Und da wird es mit Sicherheit auch einen Zwischenstopp in der Heimat geben. Oliver Dietrich