• Premiere am HOT: Symphatie für die Kaputten

Premiere am HOT : Symphatie für die Kaputten

Am Hans Otto Theater hatte Tennessee Williams 50er-Jahre-Stück „Orpheus steigt herab“ Premiere - und verharrte leider ein wenig in der Logik der 1950er-Jahre.

Ariane Lemme
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Foto: HL Böhme/ Hans Otto Theater
13.04.2014 21:35

Das Fremde muss brennen. Immer wieder. Synagogen während der Novemberpogrome 1938, Flüchtlingsheime – in Rostock-Lichtenhagen in den 1990er-Jahren, in Hamburg und Germering erst Anfang dieses Jahres. Und das sind nur Beispiele aus Deutschland, die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen. Der Hass ist überall derselbe, nur was das Fremde jeweils ist, das ändert sich.

In Tennessee Williams „Orpheus steigt herab“, das am Freitag im Hans Otto Theater Premiere hatte, ist es der singende Vagabund mit der losen Moral. Wie ein junger Bob Dylan schlurft dieser Val Xavier (Holger Bülow) mit seiner Gitarre auf die Bühne und wiegt ein wenig die Hüften in seinen engen Lederhosen. Dazu immer dieser leicht schräge Blick von unten nach oben, den kleine Jungs aufsetzen, wenn sie etwas ausgefressen haben, auf das sie insgeheim ziemlich stolz sind. Mitgebracht in diese namenlose Kleinstadt hat ihn eine andere Außenseiterin: Carol Cutrere (Melanie Straub) ist in der Inszenierung von Elias Perrig die einzige Nebenfigur, die tatsächlich so etwas wie Charakter entwickeln darf. Eine verzweifelte Seele ist das, die da im roten Slip und mit nur noch einem roten High Heel umherstakst, mit dem Gesicht eines Kindes, das zu viel gesehen hat im Leben. In der Stadt will sie schon lange niemand mehr haben, seitdem lässt sie sich treiben – auf der Flucht vor der Gewöhnlichkeit, auf der Suche nach Liebe. Die glaubt sie in Val getroffen zu haben, dem Einzigen, der so vogelfrei ist wie sie selbst. Und „was zum Teufel kann man auf dieser Welt anderes tun, als nach allem greifen, das einem nahekommt – bis einem die Finger brechen“, fragt sie immer wieder.

Aber Val interessiert sich nicht für sie, sondern für Lady Torrance (Christiane Hagedorn), die auf den ersten Blick das komplette Gegenteil von Carol ist: elegant, aufgeräumt, durchsetzungsstark. Zumindest auf den ersten Blick, in Wahrheit ist sie genauso gebrochen wie Carol. Lady Torrance führt den Laden in der Stadt und ist mit einem alten kranken Tyrannen verheiratet, den sie nicht liebt. Sie ist die dritte Außenseiterin in Tennessee Williams Stück von 1957: Ihr Vater war ein italienischer Einwanderer, der in der Stadt ein Gartenlokal hatte und selbst angebauten Wein ausschenkte – auch an Schwarze. Eine Zeitlang ging das gut, die jungen Leute trafen sich in den weißen Lauben im Weinberg, „in jeder gab es eine Lampe, und jeden Abend ging eine nach der anderen aus“, erinnert sich Lady Torrance. Fantastische Zeiten müssen das gewesen sein für die kleine Stadt, voller Begegnungen und zärtlicher Gefühle.

Doch irgendwann brannte ein Mob das Gartenlokal nieder, Ladys Vater starb in den Flammen. Jetzt vertreiben sich die Kleinstädter ihre Zeit mit herumlungern und tratschen. Bräsig sitzen sie da – ohne jede Empathie und ohne Konturen. Das war die Strategie von Tennessee Williams: Die Ausgestoßenen in ein besonderes Licht zu rücken, Platz für sie zu schaffen im Herz des Publikums. Deswegen bleibt die Mehrheitsgesellschaft, die Wohlsituierten und Wohlanständigen, eine gesichtslose graue Masse mit irgendwie schalem Geschmack. Genau so hat es Elias Perrig auch umgesetzt – und scheitert eben daran. Ja, seine Außenseiter packen einen, allen voran Christiane Hagedorn. Es gibt da diese Szene, in der Lady Torrance ihre Jugendliebe wiedertrifft und ihr dabei gegen ihren Willen ihre ganze Selbstkontrolle entgleitet. Wie ein schlechtes Blatt blättert sie ihm all ihre Verluste hin – und das tut schon beim zuschauen weh.

Der das alles auslöst, der mit seiner silbernen Jacke aus Schlangenleder Wärme in Lady Torrents leeres Leben bringt, ist natürlich Val – der mit seiner schnodderingen und oft kindlichen Art auf den ersten Blick so gar nicht zu dieser italienischen Prinzessin zu passen scheint. Gemeinsam aber bauen sie die weißen Lauben aus dem Weingarten ihres Vaters wieder auf, das, was verbrannt ist, soll wieder leben. Aus nichts anderem als weißen Partyzelten für den Garten hat Wolf Gutjahr die Bühne gebaut, in jeder baumelt lose eine bunte Lichterkette – und mit jedem neuen Zelt, das auf die Bühne getragen wird, erwacht das Leben in dieser miefigen Stadt ein bisschen mehr – zumindest für kurze Zeit, zumindest für Lady Torrance. Weil Liebe aber immer nur zusammen mit Wahrheit funktioniert, reißt Val gleich auch noch ein paar Lügengerüste ein – und alles endet, wie schon im griechischen Mythos, in der Katastrophe. Die drei Kaputten, Lebendigen – Lady, Val und Carol – scheitern zwar im Stück, rennen aber natürlich mit ihrem abgewrackten Charme, ihren Unsicherheiten und Macken beim Publikum nur offene Türen ein.

Denn mal ehrlich: Was Mitte der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch als wild und abwegig galt – Rockmusik, sexuelle Offenheit, brüchige Lebensstrukturen – das ist heute selbst in der Mitte der Gesellschaft akzeptiert. Spannend wäre also die Frage gewesen, ob die Gesellschaft inzwischen tatsächlich toleranter, liebesfähiger geworden ist – oder ob einfach nur die Feindbilder gerade andere sind. Um diese Frage zu beantworten, muss man nur ganz kurz an die Debatte um die sogenannte Armutszuwanderung, die Hetze, die Thilo Sarrazin und andere gegen Muslime betreiben, oder eben die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime denken. Perrigs Inszenierung stellt diese Frage nicht – und bleibt deshalb trotz seiner brillanten Schauspieler leider so schal wie Nebenfiguren im Stück.

„Orpheus steigt herab“ gibt es im Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, wieder zu sehen am 17., 18. und am 29. April jeweils um 19.30 Uhr und am 4. Mai um 17 Uhr, Karten kosten zwischen 7,50 und 32 Euro

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