• Potsdamer Regiestudent mit Botschaft: Der Vermittelnde

Potsdamer Regiestudent mit Botschaft : Der Vermittelnde

Can Tanyol verehrt Fatih Akin und plädiert für mehr Kommunikation in der Gesellschaft. Aktuell arbeitet der Potsdamer Regiestudent an einem Film mit Corona-Thematik.

Can Tanyol studiert Regie in Potsdam und arbeitet gerade an dem Kurzfilm „Infektion“.
Can Tanyol studiert Regie in Potsdam und arbeitet gerade an dem Kurzfilm „Infektion“.Foto: Sebastian Rost

Potsdam - Humor. Das ist für Can Tanyol die Antwort auf die gegenwärtige Corona-Panik. Beim Wort „Hamsterkäufe“ hat er sofort Einkaufstaschen voller Hamster als Bild im Kopf, sagt er. „Satire ist das erste, was mir dazu einfällt und ich stehe auf Satire.“ Deswegen wird auch sein aktueller Kurzfilm eine: „Infektion“ ist der Arbeitstitel, diese Woche beginnt der Dreh im Kellerstudio der Filmuniversität Babelsberg.

Tanyol studiert dort Regie, die Idee zu dem Film entstand bereits im Dezember 2019 als die ersten Corona-Infizierten in China bekannt wurden. Die Quarantäne-Situation auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ gab dann den letzen Anstoß: Der Kurzfilm wird von einem älteren Ehepaar – gespielt von den Potsdamer Schauspielern Petra Blossey und Hans-Jochen Röhrig – erzählen, das auf einem großen Schiff in seiner Kabine verharren muss, abgeschirmt von allem. Nur tröpfelnd fließen ihnen Informationen zu, aus denen sie sich ihr eigenes Narrativ, ihre eigene Realität zusammensetzen.

Das Set zum Film, eine Schiffskabine, entsteht im Keller der Filmuniversität.
Das Set zum Film, eine Schiffskabine, entsteht im Keller der Filmuniversität.Foto: Sebastian Rost

Satirische Werbe-Clip-Ästethik

Um das Ganze nicht als Drama aufziehen zu müssen, hat Tanyol Mockumentary als Genre gewählt. Es handelt sich also um einen fiktiven Film, der so tut, als wäre er eine Dokumentation. Damit parodiert er wiederum das Genre. „Die gesamte Stimmung wird sehr überzogen sein, mit bunten Farben und einer Werbeclip-Ästhetik“, sagt er. Der Film soll ein Kommentar sein. Vor allem auf die Reaktionen im Internet, die Panikmache. Bei allem Humor ist Tanyol die Ernsthaftigkeit des Themas vollkommen bewusst: „Nur Panikmache hilft meiner Meinung nach nicht. An der Uni sind wir zum Glück auch alle noch gelassen.“

Die Kulisse für den zehnminütigen Film entstand bereits in den letzten eineinhalb Wochen, aufgebaut von den Studierenden selbst. „Das Projekt entsteht in enger Zusammenarbeit unserer verschiedenen Gewerke“, sagt der 33-jährige Tanyol. Gemeinsam mit Kamera-Student Jacob Sauermilch und Szenograf-Student Carl Seifert hat er Geschichte und Konzept entwickelt. Mitte dieser Woche war die Schiffskabinenkulisse schon fast fertig: Nur einige Lampen mussten noch angeschraubt, Holzpanelen in ein Bett verwandelt werden. Das technisch hoch modern ausgestattete Uni-Filmstudio ermöglicht den Studierenden auch Spezialeffekte: Vor dem Kabinenfenster wird später dank eines Monitors das Meer zu sehen sein. „Die Möglichkeiten, die wir hier haben, sind ein absolutes Geschenk“, sagt Tanyol dazu.

Die "Schiffskabine" von innen. 
Die "Schiffskabine" von innen. Foto: Sebastian Rost

Zwischen den Kulturen vermitteln

Überhaupt studiere er unglaublich gerne in Potsdam, auch weil es ihn mehr an seine Heimatstadt Hamburg erinnere als Berlin, wo er jetzt lebt. „Ich bin viel in Potsdam unterwegs, habe mir die Schlösser angesehen“, erzählt er. Gerade das Historische fasziniere ihn und auch, wie Potsdam damit umgeht: „Das gehört hier so dazu, ist allgegenwärtig, das ist in Hamburg wiederum ganz anders.“

Historisches, Gesellschaftliches treibt den Regiestudenten um. Weil es sich bedingt, wie er sagt. Und Kommunikation darüber wichtig ist, um Kluften zu vermeiden. „In Hanau hat sich das wieder erschreckend gezeigt, diese grundlegende Spaltung der Gesellschaft.“ Gegen Rechtsterror, Homophobie, Diskriminierung jeglicher Art, setzt sich Tanyol ein. Er geht auf Demos, zeigt Gesicht, auch in seinen Werken. Sein letzter Film „Wie Wasser“ erzählt von der Vereinsamung eines türkischstämmigen Mannes, von Altersarmut. Mehr Diversität, die Sichtbarkeit aller Bewohner Deutschlands, das wünscht er sich.

Das liegt auch in seiner eigenen Familie begründet: Sein Großvater siedelte in den 1950er Jahren aus der Türkei nach Ostfriesland um und eröffnete dort irgendwann seine eigene Zahnarztpraxis. „Oft wird das falsch verstanden, so als ob Filmemacher mit Migrationsgeschichte nur noch Geschichten über sich machen wollen“, sagt er. Dabei möchten sie die Filmlandschaft lediglich anreichern, für eine realistische Durchmischung eintreten. „Ich sehe das als Filmemacher auch als meine Aufgabe, zwischen den Kulturen zu vermitteln, zu zeigen wie Sterni und Baklava zusammengeht.“ Der Film sei dabei ein gutes Mittel, um mehr Sichtbarkeit zu gewährleisten, wie er sagt. „Es ist einfach ein Medium, das sehr viele Menschen erreichen kann, das sollten wir nutzen.“ Und die Industrie sei bereits auf einem guten Weg, das zuzulassen.

Szenograf Assistent Paul Schille malt letzte Details.
Szenograf Assistent Paul Schille malt letzte Details.Foto: Sebastian Rost

Assistent bei Regisseur Fatih Akin

Bereits nach dem Abitur hat Tanyol an Filmsets gearbeitet, dann zunächst Musikproduktion studiert. Doch der Film hat ihn nicht losgelassen. „Ich bin Cineast durch und durch, eigentlich beschäftige ich mich ständig mit Filmen oder mache Musik“, sagt er und lacht. Das Musische hat er vom Vater, der Jazzmusiker ist, seine Mutter arbeitet als Architektin. „Das ist ja auch irgendwie Kunst.“ Selbst in den Semesterferien sammelt er noch Filmerfahrung: Während des Drehs zu „Der goldene Handschuh“ assistierte er Regisseur Fatih Akin, seinem großen Vorbild. „Sein Film ,Gegen die Wand’ war für mich so etwas wie ein auslösender Moment“, erzählt Tanyol. „Die Szene, in der sie betrunken auf der Hochzeit tanzen, da wusste ich: Das will ich auch machen.“ Die Zeit mit Akin am Set sei deswegen eine unglaubliche Erfahrung gewesen.

Überhaupt fühlt sich Tanyol dem deutschen Film verbunden, hat in den letzten Jahren auch die Werke des Potsdamer Regisseurs Andreas Dresen lieben gelernt, sagt er. Den gerade entstehenden Corona-Kurzfilm möchte er auf Festivals einreichen, sein Studienabschlussfilm ist bereits in Arbeit.


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