Potsdamer Kunstprojekt über Deniz Yücel : Mit Kunst und Kleber

Am heutigen Dienstag erhält der Berliner Journalist Deniz Yücel den Medienpreis 100. Zuvor hatte er ein Jahr lang in der Türkei in Haft gesessen. Ohne Anklage. Die Potsdamer Künstlerin Annette Strathoff hat die Berichterstattung über Yücels Haft in Kunst verwandelt.

Richard Rabensaat
Annette Strathoff hat die Berichterstattung zur Inhaftierung von Deniz Yücel zu Kunst gemacht. 
Annette Strathoff hat die Berichterstattung zur Inhaftierung von Deniz Yücel zu Kunst gemacht. Foto: Annette Strathoff

Deniz Yücel scheint auf den Bildern von Annette Strathoff langsam zu verschwinden. Auf ihren Collagen hat sie Zeitungsnotizen, Fotos, Ausschnitte von Berichten zu dem viel diskutierten Fall des Berliner Journalisten zusammengefügt. Vier gerahmte Bildertafeln sind es insgesamt. Die erste ist dicht beklebt, auf der letzten sind nur noch wenige Elemente zu sehen. Es dominiert das Gitter des Papiers, auf dem die Dokumente appliziert sind.

Der Journalist, der 368 Tage ohne Anklage in der Türkei inhaftiert war, erhält am heutigen Dienstag den renommierten M100 Preis, der in Potsdam von einer hochkarätigen Jury von Medienschaffenden vergeben wird. „Ich habe die ganze Zeit mit Spannung und Betroffenheit verfolgt, wie es ihm ergeht und gehofft, dass er noch einmal freikommt“, sagt die Künstlerin. Yücel war in der Türkei wegen seiner kritischen Berichterstattung über das Regime des Präsidenten Erdogan unter fadenscheinigem Vorwand verhaftet und inhaftiert worden. Dann kam er frei und zurück nach Deutschland – das Verfahren aber wird fortgeführt, eine neue Gerichtsverhandlung steht an.

Engagiert. Annette Strathoff verfolgt seit 1974 die Entwicklungen in der Türkei.
Engagiert. Annette Strathoff verfolgt seit 1974 die Entwicklungen in der Türkei.Foto: Richard Rabensaat

Strathoffs Collagen bestehen aus Akten, Artikeln, Notizen zu Yücels Haft

Diese Geschichte kondensiert sich in dem Deniz Yücel gewidmeten Zyklus "DY" von Annette Strathoff. Aus alten Akten, Dokumenten, Notizzetteln setzen sich ihre Bilder zusammen. Die werden collagiert, übermalt, überdruckt und so zu einem neuen Ganzen zusammengefügt. „Natürlich sollen die Bilder auch ästhetisch wirken, aber es geht mir um die Inhalte“, erklärt Strathoff. So schafft sie eine bemerkenswerte Verbindung aus einerseits gewichtigen Inhalten, andererseits aber einer künstlerischen Ästhetik, die aus sich selber heraus wirkt und ihre Bilder als eigenständige Kunstwerke erkennbar macht.

Strathoff ist immer auf der Suche nach Unterlagen und Dokumenten, aus denen Geschichte und Zeitgeschehen sichtbar wird. Manchmal kommt ihr der Zufall oder ein Bekannter zur Hilfe, der von ihrer künstlerischen Arbeit gehört hat und sie auf ein Aktenlager, einen Keller oder eine verschollene Fotosammlung hinweist.

Der Fall Deniz Yücel: nur einer von vielen in der Türkei

Das Interesse für den Journalisten hatte allerdings noch einen anderen Grund. „1974 war ich das erste Mal in der Türkei und seitdem fasziniert mich das Land“, sagt Strathoff. Erschrocken habe sie jedoch registriert, wie sich das Klima dort in den vergangenen Jahren unter Präsident Erdogan verändert habe. Wie Meinungsfreiheit und der offene gesellschaftliche Diskurs immer weiter eingeschränkt worden sind. Der Fall Yücel ist für sie daher auch nur einer von vielen – aber eben einer, der besonders gut sichtbar sei und über den auch diese Zeitung kontinuierlich und engagiert berichtet hätte.

2003 kam Strathoff nach Potsdam, zunächst infolge einer beruflichen Veränderung ihres Mannes, dann aber aus Überzeugung: „Als ich aus Wuppertal hierherkam, wusste ich gar nicht so recht um die Besonderheiten Potsdams. Aber je länger ich hier bin, desto schöner finde ich es und will hier nicht mehr weg.“

Der Bilderzyklus fügt sich in das sonstige Werk der Künstlerin, der die Schönheit in der Kunst zwar wichtig ist, die aber nie Werke schaffen wollte, die nur um ihrer Ästhetik Willen wirken. Dies hat seinen Grund wohl auch darin, dass Strathoff nie ein abgeschiedenes Künstlerdasein führte, sondern als Lehrerin an staatlichen Schulen immer mit der Realität ihrer Schüler und dem Austausch mit den Kollegen konfrontiert war. Mehrere Jahrzehnte unterrichtete die 1953 in Gütersloh geborene Pädagogin Bildende Kunst. Mittlerweile aber befasst sie sich mit Projekten, die häufig von der EU oder anderen Institutionen gefördert werden. 

Gesellschaftlich engagiert, als Künstlerin und als Pädagogin

Mit Schulklassen arbeitet sie an Themen, die im Schulalltag häufig zu kurz kommen, aber doch wichtig sind: dem Zusammenwachsen Europas, der Auseinandersetzung mit denjenigen, die neu nach Deutschland kommen, dem Alltag der Schüler außerhalb des Unterrichts. So entstehen gelegentlich Ausstellungen mit den Arbeiten der Schüler. Auch Kalender oder andere Präsentationen werden erstellt, diskutiert und dann in der Schule oder anderen Ausstellungsräumen gezeigt.

„Das ist ein ganz anderes Arbeiten als früher als Lehrerin. Ich kann viel intensiver auf die Schüler eingehen und die Themen gründlicher bearbeiten. Die Hingabe an die Kunst, die ich schon immer hatte, kann ich nun auch in meine pädagogische Arbeit einbringen“, so Strathoff. Dennoch ließen sie Akten und Papiere nicht los, denn die geförderten Projekte müssten ja auch abgerechnet werden. Dabei würde von den Institutionen ein Nachweis über jede Tube Kleber und jeden Meter Faden erwartet, jede Arbeitsstunde müsse genau abgerechnet werden. Dennoch sagt sie: „Ich breche ja ein Schulprojekt nicht ab, nur weil das Geld aufgebraucht ist.“ So hat Strathoffs gesellschaftliches Engagement weiterhin zwei Pfeiler: die Pädagogik und die Kunst.


Annette Strathoffs Zyklus "DY" ist vom 26. September bis 27. November in der Kleinen Galerie der Stadt Eberswalde, Michaelisstraße 1 in 16225 Eberswalde, zu sehen.