• Potsdams vergessene Impressionistin Hannah Schreiber de Grahl

Potsdam Museum erweitert seinen Bestand : Potsdams vergessene Impressionistin

Sie war eine Schülerin des Malers Karl Hagemeister und eine Schlüsselfigur in der Potsdamer Kunstszene um die Jahrhundertwende: die heute nahezu vergessene Impressionistin Hannah Schreiber de Grahl. Jetzt hat das Potsdam Museum zwei ihrer Werke erworben.

Die heute nahezu vergessene Hannah Schreiber de Grahl – hier 1905 – war eine Schülerin von Karl Hagemeister.  
Die heute nahezu vergessene Hannah Schreiber de Grahl – hier 1905 – war eine Schülerin von Karl Hagemeister.  Foto: Nachlass, Repro: Andreas Klaer

Der Werderaner Maler Karl Hagemeister (1848–1933) galt als ziemlich einzelgängerischer Kauz. Sprach nicht viel mit den Bewohnern seines Geburtsortes, stand stattdessen bei Eis und Kälte mit Staffelei im märkischen Gelände und versuchte, der Natur ihre „intimsten Stimmungen abzulauschen“, wie er das mal beschrieb – ganz wie seine impressionistischen Vorbilder aus Frankreich. Zumindest einer Künstlerin aber scheint er sich geöffnet zu haben, er fotografierte sie sogar. Mal mit Sohn im sommerlichen Feld, mal mit Schleier und Muff. Immer mit extravagantem Hut.

Hannah Schreiber de Grahl (1864–1930) hieß die außergewöhnliche Frau, der das gelang. Die um die Jahrhundertwende eine bekannte Mäzenin war, ein Fixpunkt in der Potsdamer Kunstszene, und auch selbst malte. Anders als Karl Hagemeister ist sie heute so gut wie vergessen. Dabei pflegte sie, die Frau eines bis zur Inflationszeit schwerreichen Professors, Korrespondenzen mit den künstlerischen Größen ihrer Zeit, vor allem mit der 1898 gegründeten Berliner Secession, der auch Karl Hagemeister angehörte. Hannah Schreiber de Grahl hatte Umgang mit Lesser Ury und Hans Klohss, sammelte die Werke von Lovis Corinth, als diese noch verpönt waren. Ein Gemälde von Corinth aus dem Jahr 1901 zeigt sie als elegante Frau in Schwarz. Der Blick offen, prüfend, die vollen Lippen gespitzt, als wollte sie soeben etwas sagen.

Von Hagemeister übernahm sie den Stil: bei Wind und Wetter draußen

Seit 1893 lebte Hannah Schreiber de Grahl mit ihrer Familie in Potsdam in der Lennéstraße und unterhielt parallel eine Villa auf dem Franzensberg in Geltow. Ungefähr zeitgleich begann sie, sich mit Malerei zu beschäftigen, wovon sie auch die fünf Kinder, die sie später gebar, nicht abhalten sollten. Etwa zu dieser Zeit muss sie auch Karl Hagemeister begegnet sein, dessen Arbeitsstil sie schnell annahm: bei Wind und Wetter draußen, in direkter Nähe zu dem Sujet, das sie gemeinsam hatten. Die märkische Landschaft.

Wie eng die Arbeitsverbindung mit Karl Hagemeister war, war lange nicht bekannt. Das wurde erst im Sommer dieses Jahres im Rahmen einer Ausstellung in Langerwisch deutlich, die sich Hagemeister und Schreiber de Grahl widmete. Im Katalog von Kuratorin Hendrikje Warmt kann man die künstlerische Nähe zwischen den beiden motivgenau nachvollziehen. Hier sind auch die Fotos abgebildet, die Hagemeister von seiner Schülerin machte. 30 Werke aus dem Familiennachlass waren in Langerwisch zu sehen und auch zu kaufen.

Ungestüm. „Wasserampfer“ (1910–1915) wurde vom Potsdam Museum erworben.
Ungestüm. „Wasserampfer“ (1910–1915) wurde vom Potsdam Museum erworben.Repro: Andreas Klaer

Nicht das erste Bild Hannah Schreiber de Grahls im Potsdam Museum 

Dem Potsdam Museum, das bereits viele Werke Hagemeisters in seinem Bestand hat, gelang es mithilfe der Fielmann-Stiftung, zwei großformatige Bilder von Hannah Schreiber de Grahl zu erwerben. „Ein Sechser im Lotto“, freut sich Museumsdirektorin Jutta Götzmann. Es sind nicht die ersten Werke der Künstlerin im Bestand. In der aktuellen Schau „Umkämpfte Wege der Moderne. Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ ist ihr „Birkenwald“ von 1903 zu sehen: ein Grüppchen schlanker Birkenstämme an einem Gewässer, Herbstblätter treiben auf der Wasseroberfläche, ein Schilfhalm ragt geradezu dreidimensional der Betrachterin entgegen. Die Künstlerin übergab das Gemälde dem Vorgänger des Städtischen Museums, nur wenige Jahre zuvor gegründet, 1913 als Geschenk.

Hannah Schreiber de Grahl hatte bereits 1907 erstmals in Potsdam ausgestellt, Ölgemälde und Pastelle unter ihrem Mädchennamen Hannah de Grahl. Wenige Jahre später nahm sie an einer Ausstellung bei dem berühmten Berliner Verleger und Galeristen Paul Cassirer teil – ein Mann, der für die damalige Avantgarde einstand. Auch bei der heute legendären Ausstellung des Potsdamer Kunstvereins im Jahr 1927 war sie dabei, eine Schau, die von der Presse damals als „Markstein im Kulturleben Potsdams“ gefeiert wurde.

Mithilfe der Fielmann-Stiftung konnten zwei maßgebliche Werke Hannah Schreiber de Grahls für das Potsdam  Museum erworben werden. 
Mithilfe der Fielmann-Stiftung konnten zwei maßgebliche Werke Hannah Schreiber de Grahls für das Potsdam  Museum erworben werden. Foto: Andreas Klaer

Die Neuzugänge: Nicht auf den ersten Blick avantgardistisch

Auf den ersten Blick avantgardistisch sehen die beiden Bilder, die das Potsdam Museum nun neu in seinem Bestand hat, nicht aus. Zwei Naturmotive: eine strahlend gelbe „Wasseriris“ im Schilf von 1900 und ein herbstlich gefärbter „Wasserampfer“, entstanden zwischen 1910 und 1915. Und doch tun sich trotz der zahmen Naturmotivik beim genaueren Hinsehen Welten zwischen den beiden Werken auf. Während die Iris grafisch fein gearbeitet, fast brav in der Ausführung wirkt, struppt sich einem der Wasserampfer ungestüm entgegen, der Farbauftrag ist pastoser, kräftiger, unbändiger. Hier ist Natur alles andere als lieblich. Die Künstlerin scheint näher am Puls der Landschaft zu sein, mit weniger realistischem Bienchenfleiß am Werk.

Für 2020 ist eine große Hagemeister-Werkschau am Potsdam Museum geplant, dann wird man diese Werke der vergessenen Künstlerin wieder ausführlicher neu entdecken können. Davor schon, ab Februar 2019, grüßt Hannah Schreiber de Grahl mit einer weiteren Facette ihres Werkes im zweiten Teil der Schau „Umkämpfte Wege der Moderne“ herüber. Hier wird die Stadtansicht „Alte Luisenstraße“ zu sehen sein, die heutige Zeppelinstraße. Das 1925 entstandene Bild in Öl zeigt den Blick durch zierliche Baumstämme auf eine Straßensituation. Zu ahnen ist ein gelbes Haus, ein Pferdekarren. 

Die Szene wirkt wie rasch dahin geworfen, fast skizzenhaft, mit sicherer Hand. „Ein Blick auf Potsdam, wie wir ihn sonst noch nirgendwo gesehen haben“, sagt Jutta Götzmann. Von einer Künstlerin, die ihre eigene Handschrift gefunden hat. Fehlt nur noch der Platz in den Annalen, gleich neben dem Kauz aus Werder.


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