• Poetischer Auftakt des Potsdamer Winterzirkus: Mythos Schwerelosigkeit

Poetischer Auftakt des Potsdamer Winterzirkus : Mythos Schwerelosigkeit

Zum dritten Mal findet in der Schiffbauergasse der mehrwöchige Potsdamer Winterzirkus statt. Das australische Akrobatik-Ensemble „Gravity & Other Myths“ machte den Anfang.

Andrea Lütkewitz
"A simple space" heißt das Stück der Kompanie Gravity and other Myths, die den Winterzirkus eröffnete.
"A simple space" heißt das Stück der Kompanie Gravity and other Myths, die den Winterzirkus eröffnete.Foto: Promo

Potsdam - Die Schwerkraft ist eine unumstößliche Grundkraft der Physik - wer würde das in Frage stellen? Dass es trotzdem möglich ist, zumindest zeitweise daran zu zweifeln, das durften die Zuschauer:innen zum Auftakt des Winterzirkus' in der vollbesetzten fabrik in der Schiffbauergasse erleben. Als Schlusspunkt der Potsdamer Tanztage und als Auftakt des dritten Potsdamer Winterzirkus' macht das australische Akrobatik-Ensemble Gravity & Other Myths - zu Deutsch „Gravitation und andere Mythen“ - ihren Namen zum Programm.

Ein schlichter Raum 

„A Simple Space“, also eine einfache, nur wenige Quadratmeter messende quadratische Spielfläche, wird zu einem Universum rasanter Körper, die in ihrer Dynamik wie fliegende Kometen daherkommen. Sieben junge Artist:innen schaffen gleich zu Beginn die Illusion, die Zuschauenden hätten es mit einer Vielzahl an Menschen zu tun, die in der Luft schweben und fliegen können. Immer wieder lässt sich jemand der fünf Männer und zwei Frauen mit dem Ausruf „Falling!“ fallen und wird vor dem Aufschlagen auf dem Boden gerade noch festgehalten, in die Luft geschleudert und auf die Schultern oder den Kopf einer anderen Person gestellt. 

Fallhöhe und Spannung steigen dabei kontinuierlich an. Nicht ganz klar ist, was improvisiert und was einstudiert ist. Begleitet wird das Ganze von Musik von einem Drum- und Synth-Computer, live gespielt von einem Mitglied des Ensembles. Dieses Mitglied wird gegen Ende der Vorstellung auch noch seinen gesamten Körper als Schlagzeug benutzen und die Zuschauer:innen dabei in Sachen Rhythmus mit Händen und Füßen einbeziehen, ähnlich wie einst Freddie Mercury es bei den Konzerten der Band Queen tat.

Viel unerwartete Körperlichkeit

Das Publikum, davon noch nichts wissend, belohnt „A Simple Space“ schon zu Anfang mit Applaus, hält sich aber auch immer wieder in Teilen die Hände vors Gesicht - aus Angst, eventuell einem schlimmen Unfall der umherfliegenden Akrobaten beizuwohnen. Vorher aber wird es noch durch einen Seilspring-Wettbewerb dreier Ensemble-Mitglieder irritiert, der eher an ein Trinkspiel erinnert: Wer aus dem Rhythmus gerät und das Seil verliert, muss ein Kleidungsstück ausziehen.

Dass am Ende einer der Männer tatsächlich auch die Unterhose herunterlässt, kommt für das Publikum überraschend, nur vereinzelt gibt es Lacher und ein bisschen Applaus. Wieder sind jetzt Zuschauer:innen zu sehen, die sich die Hände vor die Augen halten - so viel unerwartete Körperlichkeit scheint dann doch verlegen zu machen.

In Zeitlupe durch eine Pfütze

Abgewechselt wird die kleine Striptease-Einlage von einer Darbietung, die verträumt und poetisch daherkommt. Hier werden Körper mit langsamerer Geschwindigkeit hin- und hergeworfen oder fallen herab, mit passender Musik entsteht ein Bild von Regentropfen, die auf die Erde fallen. Ähnlich ist es, wenn eine Akrobatin inmitten eines Kreises aus am Boden liegenden Körpern nur auf eine Hand gestützt den Eindruck erweckt, sie laufe in Zeitlupe durch einen See oder eine Pfütze. 

Mal berührt sie die liegenden Körper gar nicht, dann wieder läuft sie über sie - schwerelos wie über Wasser. Hier zeigt sich: „Gravity & Other Myths“ können nicht nur schnell und dynamisch oder frech-witzig. Ihre Körperbeherrschung zeigt sich ebenso beeindruckend in den ruhigeren Einlagen, bei denen langsame Bewegungen zum Kraftakt werden, was vor allem Respekt hervorruft.

So unterhaltsam, so unbeschwert

So unterhaltsam im Einzelnen die Darbietungen sind, lässt sich in der Abwechslung auch die Schwäche des Stücks sehen. Die Übergänge wirken manchmal nicht fließend. Wenn auf Poetisches das Aufblasen und Formen von Luftballons zu Tierfiguren mit einer urkomischen, quietschenden Geräuschkulisse folgt, erfordert das die Fähigkeit, sich blitzschnell auf eine ganz neue Stimmung einlassen zu können. 

Andererseits: Abwechslungsreich geht es ja auch in der Zirkuswelt zu. Nervenkitzel und Klamauk gehören zusammen. Und so lässt sich sagen, dass auch in diesem Jahr ein unbeschwerter, ja schwereloser Auftakt des Winterzirkus' gelungen ist, der neugierig macht auf die weiteren Vorstellungen, die bis zum 19. Februar zu sehen sein werden. 

"A simple space" ist nochmals am 28.12. in der fabrik Potsdam zu sehen. Die nächste Premiere des Winterzirkus ist "Runners" am 7.1. Der Winterzirkus läuft bis zum 19.2. an verschiedenen Orten der Schiffbauergasse.

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