Kultur : Nicht zu erschüttern

Hannes Kreuziger stellt sein neues Album vor

Oliver Dietrich

Ein bisschen angeschlagen wirkt er noch, leicht erkältet, als sei er gerade noch dem Schnupfen von der Schippe gesprungen. Aber so genau weiß man das bei dem Potsdamer Liedermacher Hannes Kreuziger nicht, dessen Angeschlagenheit ja auch Teil seiner Persönlichkeit sein kann, zumindest bei dessen Konzerten. Wenn leiden, dann richtig: Am Ende des Abends wird er dreimal die Bühne verlassen, und dreimal wird ihn der tobende Applaus wieder zurück an den Flügel bringen.

Das Konzert am Mittwochabend in der „Garage du Pont“ an der Glienicker Brücke war schließlich ein ganz besonderes: die Premiere seines neuen Albums „Wir können Helden sein“. Es ist Kreuzigers mittlerweile achtes Album, und das zweite, das er per Crowdfunding finanziert hat. Die intime Atmosphäre ist den ausgewählten Gästen geschuldet: nur Freunde, Fans und Unterstützer sind an diesem Abend da.

Die sitzen ganz heimelig bei Kamin und Kerzenschein, drinnen ist es wohlig warm, draußen ist finsterer November. Eine bessere Jahreszeit hätte Kreuziger sich nicht aussuchen können für einen Abend nur für ihn am Flügel. Dort wird er das Album live durchspielen – die CD hingegen lässt noch auf sich warten, die gibt es an diesem Abend leider nicht. Die Pressung hat sich kurzfristig verschoben, zwei Wochen später erst kommt die Scheibe.

Und „Wir können Helden sein“ knüpft geräuschlos an das tragisch-schöne Vorgängeralbum „warp neun“ an. Keine Experimente, Kreuziger hat seinen Stil gefunden: Den Flügel spielt er ausladend und sicher, ohne überflüssige Virtuositäten, nicht mehr als das passende Begleitinstrument. Die Kraft der Lieder liegt zum einen in den Texten, die banale Melancholie mit unerschütterlichem Optimismus verknüpfen. Es geht um den Halt im Leben, um das Ankommen, um Engel – Fallstricke der Trivialität eigentlich, aber Kreuzigers Pathos ist echt, da ist kein Platz für plakative Metaphorik. Außerdem hat er diese Stimme, sonor und präsent – bei der immer diese latente Verbrauchtheit mitschwingt, als hätte sie jemand angesägt. Ein Zusammenspiel, dem sich niemand entziehen kann, der ein Herz besitzt.

„Ich brauch von Zeit zu Zeit ein bisschen Dunkelheit, um wieder okay zu sein“, singt Kreuziger, und man ahnt den geschundenen Charakter dahinter, der schon so oft vor dem Nichts stand, vor der Selbstaufgabe, der aber aus dem Fallen den Schwung nach oben gezogen hat – und wieder glücklich geworden ist, durch bedingungslose Liebe als emotionale Triebfeder: Immer wieder tauchen ikonische Metaphern und beinahe religiöse Überhöhungen auf. An seiner Authentizität kratzt das kein bisschen: Das ist Hannes Kreuziger, man hört ihm zu.

Verausgabt und verschwitzt verabschiedet er sich dann irgendwann in die Novembernacht, seine Stimme bricht fast, aber er strahlt übers ganze Gesicht. „Heut wird ein schöner Tag gewesen sein“, singt er zum Schluss. So ist es. Oliver Dietrich