• Monika Schulz-Fieguth im Potsdam Museum: Annäherung an Stein und Falten

Monika Schulz-Fieguth im Potsdam Museum : Annäherung an Stein und Falten

Das Potsdam Museum zeigt berührende Bilder der Fotografin Monika Schulz-Fieguth

Flüchtige Begegnung. In einem Wiener Lokal kam Schulz-Fieguth 2008 mit einer älteren Dame ins Gespräch und fertigte dieses Porträt von ihr.
Flüchtige Begegnung. In einem Wiener Lokal kam Schulz-Fieguth 2008 mit einer älteren Dame ins Gespräch und fertigte dieses Porträt...

Die Augen sind gesenkt, vielleicht sogar geschlossen. Der Körper im scheinbaren Schlaf irgendwo zwischen aufrechter Würde und Entspannung. Es ist ein Ausdruck tiefen Vertrauens, der von Monika Schulz-Fieguths Portrait von Schwester Martha aus dem Jahr 1980 ausgeht. Mehr noch: ein Ausdruck von Geborgenheit. Denn so, wie die alte Frau dort am Tisch sitzt, erweckt sie den Eindruck, sie wäre allein im Raum. Allein in einem Augenblick der Ruhe, in dem sie kurz den Alltag ausblenden kann und ganz bei sich ist. Es entsteht fast ein Paradoxon, denn obwohl das Foto wohlige Einsamkeit vermittelt, ist es doch gleichzeitig das Zeugnis dafür, dass keine da ist. Um zu entstehen, braucht es einen zweiten Menschen im Raum, den Fotografen. In diesem Fall Monika Schulz-Fieguth. Das Potsdam Museum zeigt bis zum 21. August Werke ihrer verschiedenen Schaffensperioden.

„Lumen et Umbra“ heißt die Retrospektive, in der Bilder der Potsdamer Fotografin aus den Jahren 1980 bis 2015 ausgestellt werden. Heute Abend spricht sie vor Ort mit Museumsdirektorin Jutta Götzmann über ihre Arbeiten und deren ästhetische Veränderung. Diese Wandlung des Schaffens der Fotografin lässt sich in der Ausstellung gut nachvollziehen. Sie breitet sich wie ein Buch vor dem Besucher aus. Jedes Bild ist eine Seite, jede thematische Annäherung ein Kapitel. Um sie alle lesen zu können, braucht es Zeit. Nicht etwa weil es zu viele sind, sondern weil jedes seine eigene Geschichte erzählt, in die sich das Auge immer aufs Neue vertiefen kann.

Beginnend bei den Porträts der Diakonissinnen des Babelsberger Oberlinhaus, die Schulz-Fieguth während ihrer Arbeit begleitete, oder den Aufnahmen von älteren Frauen im Haus Tante. Schon hier zeigt sich die vertraute Nähe zu ihren Motiven, die sich wie ein roter Faden durch ihre Werkschau zieht. Egal, ob sie dabei Diakonissinnen im Gespräch oder eine alte Dame in der Küche sitzend zeigt. Niemals entsteht der Eindruck eines Unwohlseins der Fotografierten. Schulz-Fieguth ist nicht nur bei, sondern auch mit den Menschen. Besonders deutlich wird das in der Porträtreihe „Künstlerfreunde“. Obwohl die Fotografierten zum Teil sehr direkt in die Kamera blicken, wirken die Aufnahmen nie gestellt, die Essenz der Persönlichkeit bleibt erhalten.

Besonders schön ist eine Aufnahme der Potsdamer Malerin Barbara Raetsch aus dem Jahr 1986. Sie sitzt nachdenklich vor einem Fenster. Die Kamera, die sie einfängt, scheint ähnlich wie bei Schwester Martha ausgeblendet. 24 Jahre später hat Schulz-Fieguth Raetsch noch einmal porträtiert, in ihrer Reihe „Schwarze Porträts“. Der Fokus liegt hier ganz auf den Porträtierten, erscheint auf den ersten Blick etwas härter durch den schwarzen Hintergrund. Die Nähe bleibt jedoch. Sie sind Menschen, keine Objekte. Sogar bei ihren Aktaufnahmen gelingt Schulz-Fieguth diese Gratwanderung. Es sind Bilder, in denen sich in keiner Weise Erotik aufdrängt, und die genau dadurch erotisch werden. Sie bildet darin Körper ab, wie sie eben sind. Mit Bauchfalten, hängenden Brüsten, Rundungen. Mal sind sie selbstbewusst stark, wie in „Renate“, mal zerbrechlich schön, wie in „Petra“, beide von 1987. Auch Männer hat sie nackt eingefangen. Sowohl 1988, als auch 2015 in typischen Sitzposen, die Hände abgestützt auf den Beinen, das Geschlecht ohne Scham freigegeben. Es wirkt beinahe, als hätte Schulz-Fieguth die Kleidung lediglich wegretuschiert.

Trotz der faszinierenden Nähe, die sich in den Porträts widerspiegelt, überschreitet die Fotografin nie die gewisse würdevolle Distanz. So hat sie mehr als 25 Jahre den Wissenschaftler Hans-Jürgen Treder begleitet. Sie fotografierte ihn auch unmittelbar vor seinem Tod im Jahr 2006. Sein Gesicht ist alt, es trägt Falten, der Blick ist fast verhärmt, und doch liegt ein kraftsprühender Stolz über den Bildern.

Ein anderer, mehr in sich gekehrter Stolz schimmert auf den Porträts der Reihe „ora et labora“ durch, die in einem Wiener Kloster aufgenommen wurden. Wie gemalt wirken die Gesichter hier, genauso wie die Aufnahmen im Kloster selbst. Eine entrückte Welt, durch die Fotos greifbar gemacht, dennoch bleibt sie unnahbar. Greifbar nah scheinen die Aufnahmen aus der Glindower Ziegeleiwerkstatt. Fast automatisch bewegt sich die Hand zu den porträtierten Arbeitern, um die rauen Hände und Gesichter zu berühren, die hier mit jeder Pore erkennbar sind.

Zur Berührung verführen auch die Bilder, die Monika Schulz-Fieguth von den Skulpturfragmenten fertigte, die zum ehemaligen Stadtschloss gehörten. Hier drängt sich Erotik auf. Morbide zwar, aber der Anziehungskraft von kokett aneinander reibenden Beinen oder langen Haarlocken, die eine Brust umschmeicheln, lässt sich nur schwer entgehen. Seien sie auch noch so steinern. Genauso lebendig wirkt bei Schulz-Fieguth das Rote Haus am Heiligen See. Aufgenommen in den verschiedenen Stimmungen der vier Jahreszeiten, liegt es wie im verwunschenen Feenschlaf. Die Zeit scheint stillzustehen in dieser Märchenwelt, die den Augen eine wohltuende Auszeit gönnt. Sarah Kugler

Gespräch mit Monika Schulz-Fieguth heute um 18 Uhr im Potsdam Museum, Am Alten Markt 9. Der Eintritt kostet 6 Euro.

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