Minerva-Konzert : Großartig

Die Brausehaus-Band Minerva führte im T-Werk ihr neues Konzeptalbum auf. Düster und theatralisch und insgesamt ergreifend war das.

Oliver Dietrich
Foto: Jan Niklas Hülsewig

Man sollte nicht zu viele Superlative benutzen, um eine Beschreibung glaubwürdig zu machen – das weiß doch jeder. Aber es gibt Fälle, in denen genau das schwer ist, weil die Superlative sich förmlich aufdrängen.

Das Konzert der Potsdamer Band Minerva, die am vergangenen Freitag im T-Werk ihr Konzeptalbum „Germinal“ aufführte, ist so ein Fall. Vielleicht auch gerade weil nicht einfach nur ein Konzert angekündigt war: Eine Aufführung in Licht, Bild und Ton wurde angekündigt, auf Plakaten, die der Kinowerbung der 50er-Jahre verbunden waren. Das klingt schon mal viel versprechend. Normalerweise sind es dann auch die Künstler, die vor den Konzerten angespannt sind und gegen ihre Aufregung kämpfen – aber am Freitag hatte man selbst etwas von dieser Nervosität im Blut, der Ungewissheit geschuldet, was einen nun erwarten würde. Der ganze Abend war das Abschlussprojekt von Robin Wittkowski, der im T-Werk eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker gemacht hat, und jetzt zeigen konnte, was er gelernt hat. Wohl auch deshalb der ungewöhnliche Ort für ein Konzert, finden doch im T-Werk hauptsächlich Theaterstücke statt.

Aber es geht auch nichts ohne Vorband: Boba Cat hatten sich in witzige Kostüme geworfen – Kittel, Jeans, Sonnenbrillen – und fielen zunächst damit auf, dass sie ziemlich viel Unsinn redeten. Aber danach ging es geradeaus los: ziemlich straighter Punk’n’Roll im Ramones-Format mit skandinavischem Einschlag. Verwirrend war eher, dass das Publikum ehrfürchtig auf den Sitzen verharrte, obwohl es bei dieser Musik wahrlich keinen Grund dazu gab. Aber da war die Atmosphäre des T-Werks wohl einfach stärker und ließ sich auch nicht durch Rock’n’Roll auftauen. Dennoch, Boba Cat gaben alles, selbst mit einer Konfetti-Kanone war die Band ausgerüstet.

Minerva war da weniger ausgelassen: Düster wurde es, in einem arhythmischen Stakkato wurde zunächst auf Fässer und Rohre geschlagen. Das war dem T-Werk angemessen theatralisch: Drei Schauspieler inszenierten mit Requisiten der Wanderer – Feldbett, Spaten, Kartoffelsäcke – ihre Ruhelosigkeit, getragen von den einwickelnden Songs von Minerva. Das war trudelnde, verspielte Musik, die so atemberaubend war, dass sie schon von selbst Geschichten erzählte, mit komplexen, ausgefeilten Bögen. Die Kombination mit der Assoziativität der Musik und dem schweigenden Schauspiel der drei Gestalten war ergreifend: etwa als einer der Schauspieler sich das Gesicht vor einem Spiegel wusch und sich dann in das Bett legte – während die anderen in Hasenmasken um den Schlafenden tanzten. Das war wirklich ekstatisch, eine Reminiszenz an „Alice im Wunderland“, nur bedrückender.

Es wurde verdammt hoch gepokert und auf Effekte gesetzt – aber haushoch gewonnen. Das Atmosphärische der Musik passte perfekt zu dem, was sich gleichzeitig auf der Bühne und im Kopf des Betrachters abspielte. Und das konnte albtraumhaft dramatisch werden, mit Bewegungen, die zu Geräuschen verknüpft wurden, mit Brecheisen auf Stahlrohre etwa, während sich die Band bewusst im Hintergrund des krachenden Schepperns hielt. Dabei konnte Minerva so unglaublich zart spielen, mit Saxofon oder Querflöte etwa. Das berührte ganz tief. Ein bewegendes Konzert, das mit tosendem Applaus honoriert wurde.