• Mauern in der Kunst: Als Ikarus das Fliegen verlernte

Mauern in der Kunst : Als Ikarus das Fliegen verlernte

Von Darstellungen der Mauer in der DDR-Malerei bis zu Skizzen auf dem Rohbau des Potsdamer Minsk: Das ZZF untersuchte „Mauern in der Kunst“.

Detailansicht von Dan Perjovschis Arbeit "For No One And Everyone" auf den Mauern des Minsk.
Detailansicht von Dan Perjovschis Arbeit "For No One And Everyone" auf den Mauern des Minsk.Foto: Ladislav Zajac

Potsdam - Die Berliner Mauer war von der einen Seite bunt, von der anderen grau und stacheldrahtumsäumt - so meint man sie heute zu kennen. Als Konrad Knebel sie 1977 malte, von Ostberlin aus, zeigte er die Mauer jedoch anders: als unbefleckten Streifen zwischen grauen Fassaden. Bei Knebel ist die Mauer weiß. Nicht bedrohlich, nicht im Vordergrund, sondern eine nüchterne, damals frisch gestrichene Tatsache: Knebel malte die vierte Generation der Mauer, 1975 errichtet. Er malte sie sachlich als das, was sie war. Unübersehbar, gesichtslos, unüberwindbar.

Ein visueller Tabubruch

Knebels „Straße mit Mauer“ war als eines von drei Bildern an dem Vortragsabend „Mauern in der Kunst“ im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) zu sehen . Nichts an dem Bild lässt ahnen, dass es einen visuellen Tabubruch darstellte. Zwar gab es in der DDR kein offizielles Verbot, die Mauer zum Objekt von Kunst zu machen - aber wer es tat, wurde nicht ausgestellt, sagt Hanno Hochmuth. Hochmuth arbeitet als wissenschaftlicher Referent am ZZF, er war 2019 einer der Initiatoren der Ausstellung „Ostberlin. Die halbe Hauptstadt“ im Berliner Ephraimpalais.

Das ZZF nimmt den 60. Jahrestag des Mauerbaus zum Anlass, um mit einer Gesprächsreihe diesen Unort unter die Lupe zu nehmen. Für Teil zwei, „Mauern in der Kunst“, hat sich Hochmuth die künstlerische Expertise von Paola Malavassi mit an Bord geholt - der Direktorin des künftigen Museums Minsk. Eröffnet wird es erst im Frühjahr 2022, aber die Marketingmaschine läuft längst, und das Interesse vonseiten der Potsdamer:innen ist groß. Wie die Berliner Mauer ist das Gemäuer des Minsk von Symbolkraft geradezu überfrachtet. Hier geht es für viele nicht einfach um ein Gebäude, es geht darum, mit den Erinnerungen, die sich an das Haus knüpfen, im Stadtraum vorzukommen.

Paola Malavassi, Gründungsdirektorin des Minsk-Museums.
Paola Malavassi, Gründungsdirektorin des Minsk-Museums.Foto: promo

Das Mauermotiv als Seelenlandschaft

Filmexperte Knut Elstermann hat letztes Jahr ein Buch über Knebel, den „Canaletto vom Prenzlauer Berg“ veröffentlicht - er moderierte hier. Neben Knebels nüchterne Ansicht stellte Hochmuth zwei Künstler, die das Mauermotiv als Seelenlandschaft aufnahmen. „Fremde Zeichen“ von Stefan Plenkers aus dem Jahr 1986 befindet sich in der Sammlung Hasso Plattners. Plenkers malte die Mauer so, wie er sie beim Besuch in Westberlin wahrgenommen hatte: geradezu erschlagend bunt - der Reichstag dahinter sieht aus, als würde er wanken. Die Formsprache fast abstrakt, erkennbare Elemente knallen mit Wucht aufeinander.

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„Ein Berliner Denkmal“, so lautet der prophetische Titel eines Mauerbildes von Rainer Bonar, das zwischen 1982 und 1984 entstand. Damals war Bonar bereits in den Westen ausgereist. Die Mauer ist bei ihm kaum mehr als solche erkennbar, ein heller Streifen in einer apokalyptisch anmutenden Landschaft, über der bedrohlich dürre Vögel kreisen. In Bonars „Der preußische Ikarus“ von 1984 fliegt der magere Vogel nicht mehr, er steht als schwarzroter Balken vor einer ahnbaren Mauer, die Flügel erhoben. Ikarus nicht als Hoffnungsträger, wie in der Kunst der 1950er und 1960er Jahre - sondern statisch, ermattet. Wie der „preußische Ikarus“, den Wolf Biermann 1977 besang.

Kunst im Gemäuer des Minsk

Paola Malavassi schlug den Bogen vom Allgemeinen („Mauern haben Kraft, sollen halten, standhalten“) zu dem konkreten Projekt, mit dem das Minsk im Mai erstmals an die Öffentlichkeit ging. Der rumänische Künstler Dan Perjovschi, auf der Seite der Mauer ohne Graffiti geboren, war auf die Baustelle des ehemaligen Terrassenrestaurants eingeladen worden, um die vom Asbest befreiten Mauern mit eigenen Kommentaren auf das Museum, die Stadt, die Geschichte zu versehen. Entstanden ist eine Kunst zwischen Comic, Graffiti, Skizze und Performance - die niemand außer den Bauleuten je analog zu Gesicht bekommen wird. Sie soll überbaut werden. Und natürlich digital verbreitet.

„Memory“ hat Perjovschi mit Edding geschrieben. Oder „History“, sieben Mal. „Es gibt nicht eine Geschichte, es gibt immer Geschichten“, sagt Malavassi. Diese Vielheit will das Minsk künftig abbilden. Auch die Verschiedenheit der Blicke auf die Mauer erzählt davon.

Nächste Veranstaltung: „Die Brücke von Tilsit und die Glienicker Brücke“ am 6.10. im HBPG, Am Neuen Markt 9

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