Kultur : Lesen mit Geschmack

Im Babelsberger Café Kellermann stellen Patricia Hempel, Christine Anlauff und Torsten Seifert ihre neuesten Bücher vor

Christoph H. Winter
Torsten Seifert
Torsten Seifert

Am Montagabend versammeln sich zwei Autorinnen und ein Autor im Café Kellermann, um aus ihren neuesten Büchern zu lesen. Mit dabei: Torsten Seifert, der aus seinem Abenteuerroman „Wer ist B. Traven“ (Tropen Verlag) lesen wird, außerdem die Potsdamer Autorin Christine Anlauff, die zuletzt den Krimi „Der Fall Garnisonkirche“ (be.bra Verlag) vorlegte und, als jüngste Stimme unter den Genannten, die Berliner Autorin Patricia Hempel, die mit dem Metropolen-Roman „Metrofolklore“ im letzten Jahr ein fulminantes Debüt ablieferte.

Hempel beschreibt das kaputte Liebesleben einer Archäologie-Studentin Mitte 20, deren Beziehung sich Schritt für Schritt auflöst. Während die Langzeitfreundin der Protagonistin Samenraub-Pläne schmiedet, um so an das ersehnte Kind zu gelangen, dessen Hauptaufgabe es sein soll, die Beziehung der beiden zu retten, träumt die Protagonistin selbst von der so schönen wie entfernten und überhaupt absolut heterosexuellen Helene, der sie sich Schritt für Schritt anzunähern versucht.

Viel passiert in Hempels Roman dabei nicht: Es vergehen ein paar Tage, die Archäologie studierende Protagonistin säubert Knochen, monologisiert die sexuellen Abenteuer ihrer Vergangenheit und erklärt ganz nebenher die komplexen Probleme großstädtischen Lebens. Dabei lässt die Autorin kein Klischee, keine Plattitüde, kein Fettnäpfchen des adoleszenten Jugendromans aus: Es geht vor allem um Sex und Drogen, die innere Zerrissenheit und Seelenlosigkeit – no future so weit das Leserauge reicht.

Genau das ist aber auch die Methode dieses bitterbösen Textes: Was Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre mit „Soloalbum“ oder Christian Kracht mit „Faserland“ in den 1990er-Jahren begannen, wird hier fortgesetzt – die Leben ihrer Ich-Erzähler, die in greifbarer Nähe zum Autor stehen, werden schnell und pointiert erzählt; wesentliche Themen dieser Poptexte sind Liebe, Sex, Drogen, gern gepaart mit beruflicher Erfolglosigkeit. Was Kracht und Stuckrad-Barre aber noch grandios ausführten, fehlte in den folgenden Büchern zahlloser Autoren und Autorinnen: die pointierte Beschreibung einer eben nicht alltäglichen, sondern besonderen Welt. Genau hier greift Hempels Text, der die Alltagswelt seiner Protagonisten so radikal parodiert, dass von ihr nicht viel mehr übrig bleibt als Stereotype: Sie schreibt, wie man eigentlich nicht schreiben sollte, und legt damit den Finger auf die Wunde der sogenannten Schreibschulliteratur.

Hempel, die nach ihrem Archäologie-Studium nach Hildesheim ging, um an einer der vier deutschsprachigen „Schreibschulen“ den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ zu studieren, kennt – so scheint es – all diese Bücher, parodiert sie und liefert so eine Ingredienz, die dem Genre des Großstadtromans in den letzten 20 Jahren fehlte: intelligenter Humor. Wie Stuckrad-Barre auch arbeitet sie mit Listen, in denen sie Artefakte populärer Kultur wie Hashtags oder (imaginierte) Pornotitel gegen Koryphäen der Hochkultur wie Cicero, Ovid und Seneca schneidet. Damit gelingt ihr nebenbei der in der Postmoderne oft herbeigewünschte Brückenschlag zwischen „ernsthafter“ und Unterhaltungskultur.

Angenehm zu lesen ist Hempels schnoddriger Text ohnehin, da er sich selbst nicht zu ernst nimmt. Wichtige Debatten über Feminismus oder #metoo führten in den letzten Monaten zu mitunter krampfigen und betulichen Diskussionen, die sicher auch an Patricia Hempel nicht vorbeigegangen sind. Statt aber einen Betroffenheitstext auf den Blog des Debattenmagazins „Merkur“ zu stellen, wie es viele ihrer Hildesheimer, aber auch Leipziger Kolleginnen und Kollegen taten, liefert sie etwas viel Wichtigeres ab: ein starkes und emanzipiertes Frauenbild, das weder sich noch die (Männer-)Welt allzu ernst nimmt und in dem alle die gleiche Menge Spott verdienen. Damit trägt sie zur Debatte bei, indem sie scheinbare Grenzen willkürlicher „Correctness“ überwindet und so die feministischen Diskurse wieder diskutierbar macht.

Man darf auf die Veranstaltung in der alten Rathausapotheke in Babelsberg, die seit einiger Zeit das Café Kellermann beheimatet, gespannt sein und sich neben kulinarischen Leckereien, die zwischen den literarischen Gängen serviert werden, auf kluge Autoren freuen. Christoph H. Winter

Lesung im Café Kellermann, Rudolf-Breitscheid-Straße 32, am heutigen Montag um 19.30 Uhr. Karten kosten 12 Euro an der Abendkasse.

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