• Lese-Reihe zum Jahr 1990 am Hans Otto Theater:  Notizen aus einem untergehenden Land

Lese-Reihe zum Jahr 1990 am Hans Otto Theater : Notizen aus einem untergehenden Land

Zwischen Aufbruch und Aufgabe: Das Potsdamer Hans Otto Theater gestaltet zum deutschen Einheitsjubiläum eine Lesereihe, die die Komplexität der Ereignisse im Jahr 1990 intensiv nacherleben lässt.

Astrid Priebs-Tröger
Wahlkampf in Potsdam im März 1990.
Wahlkampf in Potsdam im März 1990.Foto: Bernd Blumrich

Potsdam - Martin Gross war ein Journalist aus Baden-Württemberg, der das Jahr 1990 in Dresden verbrachte. Zwei Jahre später erschien sein Buch „Das letzte Jahr. Begegnungen“, das damals wenig Resonanz erfuhr. Diese Beobachtungen eines westdeutschen Autors, seine tagebuchartigen und reportagehaften Aufzeichnungen bilden jetzt das Rückgrat des opulenten 600-Seiten Werkes „Das Jahr 1990 freilegen“, das Ende 2019 im Leipziger Spector-Verlag erschien.

Der Schauspieler René Schwittay war zur Zeit der Wende ein elfjähriges Kind. Ab 1999 studierte er an der Filmhochschule Babelsberg, und während der Proben für das Stück „Wir sind auch nur ein Volk“, in dem er eine ähnliche Rolle wie Martin Gross verkörperte, entdeckte er besagtes Buch. 

Schauspieler Rene Schwittay, geboren 1978 in Solingen, hatte gemeinsam mit Intendantin Bettina Jahnke die Idee, eine Lesereihe zum Jahr 1990 zu machen. 
Schauspieler Rene Schwittay, geboren 1978 in Solingen, hatte gemeinsam mit Intendantin Bettina Jahnke die Idee, eine Lesereihe zum...Foto: Manfred Thomas Tsp

Die politischen Umwälzungen nacherleben lassen

Seit damals hat der vielgestaltige Text-Bild-Steinbruch ihn nicht mehr losgelassen. In Zusammenarbeit mit Intendantin Bettina Jahnke, die das Buch ebenfalls begeisterte, entstand daraus die Idee zu einer Lesereihe, die das Jahr 1990 pragmatisch in vier Quartale unterteilt und die Zuhörer die Komplexität und vor allem Synchronizität der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umwälzungen nacherleben lassen will.

In Teil 1, der am 24. September in der Reithalle zur Premiere kam, bildet der Zeitraum vom Jahreswechsel bis Mitte März 1990, dem Zeitpunkt der ersten freien Wahlen, den Rahmen. Neben Martin Gross kommen zahlreiche Frauen und Männer, Politiker, Künstlerinnen, Bürgerrechtler, Republikflüchtige oder Vertragsarbeiterinnen zu Wort, werden Fotos unter anderem von Harald Haussmann und Ute Mahler, aber auch Wahl- und Werbebotschaften sowohl in das Buch als in die Lesung integriert. 

Die Vergangenheit ist noch, die Zukunft schon

Und eines wird schnell klar: „Alle Zeiten sind gleichzeitig, die Vergangenheit noch, die Zukunft schon.“ So lautet ein Zitat, das auf der schwarz-weißen Projektionsfläche hinter den Lesenden auftaucht. Und dieser Abend, der ob seiner dramatischen Intensität sowie der Fülle der Ansichten und sich überschneidender Ereignisse überwältigt, wirkt lange nach.

Neben René Schwittay lesen Alina Wolff, Katja Zinsmeister und Philipp Mauritz. Alle waren während der Wiedervereinigung noch Kinder oder Jugendliche, alle sind im Westen geboren und aufgewachsen. Auch sie schauen wie Martin Gross mit einem Blick von „außen“ auf das dramatische Nachwendejahr und fragen: „Was behält man als Geschichte im Gedächtnis?“ Und obwohl sie das hinter ihren mit Akten vollgestapelten Schreibtischen und mit dreißig Jahren Abstand fragen, greift es einen auch als unmittelbaren Zeitzeugen an.

Wie mit dem Stasi-Erbe umgehen?

In der 90-minütigen Collage werden sehr unterschiedliche Protagonisten zitiert und verschiedene Ebenen angesprochen. Zum Beispiel: Wie kann man verantwortungsvoll mit dem Erbe der Stasi und den entlassenen Mitarbeitern umgehen? Wo kommen plötzlich die vielen Rechten her? Und Martin Gross konstatiert bitter, dass bereits am 20. Januar 1990 die Staatsautorität zusammenbrach, und „dass sie (die Ostdeutschen) mit ihrer Revolution nichts anzufangen wissen und in Kleinmut verfallen.“

Auch die, die nach dem Mauerfall noch zu Tausenden flüchten, und im vermeintlich goldenen Westen ihr Glück suchen, kommen zu Wort. Und auch jene, die sie dort nicht mehr mit offenen Armen empfangen. Mit der Vorverlegung der Wahl auf den 18. März 1990 wird sehr schnell die vom Westen als alternativlos angesehene Richtung klar. Bei den Wahlkampfveranstaltungen mit Helmut Kohl skandieren die Menschen jetzt „Wir sind ein Volk!“. 

Schmerzhafte Umschlagpunkte

Die Lesung zeigt diese schmerzhaften Brüche und Umschlagpunkte und macht den Nachgeborenen – und auch den unmittelbaren Zeitzeugen – deutlich, wie rasant sich die politische und wirtschaftliche Dynamik der Wiedervereinigung entfaltete und jede Art der Neubesinnung oder gar einer eigenen ostdeutschen Utopie unmöglich werden ließ.

„Das Kapital kommt“ wird der nächste Teil überschrieben sein, der am 7. Oktober in der Reithalle des Hans Otto Theaters stattfindet.










Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.