• Legendäres Stück in der fabrik Potsdam: Der kleine Frieden

Legendäres Stück in der fabrik Potsdam : Der kleine Frieden

Das Stück „Pandora 88“ der fabrik ergründet eine Männerfreundschaft. Auch zwölf Jahre nach der Premiere begeistert es noch.

Astrid Priebs-Tröger
Beziehungskiste. Wolfgang Hoffmann (r.) und Sven Till kreieren eine detaillierte, sehr persönliche und zugleich ungemein universelle Beziehungsstudie. Beide sind eng befreundet.
Beziehungskiste. Wolfgang Hoffmann (r.) und Sven Till kreieren eine detaillierte, sehr persönliche und zugleich ungemein...Foto: M. Thomas

Der Zahn der Zeit scheint ihnen nichts anhaben zu können. Beide Tänzer sind um die 50 und bewältigen den Parcours in der engen Box mühelos. Und ihr Stück „Pandora 88“ begeistert auch zwölf Jahre nach seiner Premiere die Zuschauer. So auch am vergangenen Freitagabend, als Wolfgang Hoffmann und Sven Till ihre „Beziehungskiste“ erneut bestiegen und in der vollbesetzten fabrik die Szenen einer gewachsenen Männerfreundschaft zeigten.

Denn es ist nicht so, wie man zuerst vermuten könnte, wenn man die rund fünf Kubikmeter große beziehungsweise kleine Box, die sowohl Telefonzelle als auch Fahrstuhlkabine sein könnte, betrachtet. Die beiden mit den gleichen braunen Hosen und Jacken bekleideten Insassen sind keine zufällige Notgemeinschaft, die hier auf ihre Befreiung wartet und sich zwischendurch miteinander die Zeit vertreibt.

Zusammen sein, ohne in Konkurrenz zu sein

Was Wolfgang Hoffmann und Sven Till, die beiden Tänzer-Choreografen kreieren, ist eine sehr detaillierte, sehr persönliche und zugleich ungemein universelle Beziehungsstudie. Beide sind seit 1988 eng befreundet. Sie gründeten in den wilden Wendejahren gemeinsam mit anderen Tanzenthusiasten die Potsdamer fabrik und arbeiten noch heute für den Tanz. Das verbindet.

Zwischen ihnen stimmt die Chemie, wie man umgangssprachlich sagt. Das ist auch Regisseur Andrew Dawson aufgefallen, als er die beiden vor vielen Jahren beim Kochen in einer kleinen Küche beobachtete. Dawson war fasziniert davon, wie sie sich traumwandlerisch auf engstem Raum bewegten, ohne in Konflikt beziehungsweise in Konkurrenz zu geraten. Denn Letzteres ist das, was Männerfreundschaften in der heutigen Ellenbogen-Gesellschaft nicht eben leicht macht. Nur noch zehn Prozent der Männer geben an, einen wirklichen Freund zu haben. Jemanden, vor dem man sein Innerstes nach außen kehrt, ohne die Angst, von dem anderen verletzt zu werden. Einen, mit dem man nicht nur Bier trinken, sondern wirklich durch dick und dünn geht.

Sich abseits der Geschlechter-Stereotypen berühren

Hoffmann und Till steigen zu Beginn betont spielerisch in ihre Box. Sie erinnern sich an Kindheitstage: „Eins, zwei, drei, vier Eckstein – alles muss versteckt sein“ ist eine gemeinsame Erfahrung und wird immer wieder wachsender Lust zelebriert. Das macht auch beim Zuschauen Spaß, weil man sich auf so engem Raum nicht (ohne Weiteres) voreinander verstecken kann. Doch das Miteinanderspielen scheint ein gutes Rezept zu sein, dass Beziehungen gelingen. Und Hoffmann und Till stehen dafür viele Bewegungs- beziehungsweise Berührungsideen und auch jede Menge skurriler Humor zur Verfügung.

Währenddessen geht es immer um Nähe und Distanz, die beide sorgfältig ausgelotet werden. Diese Sensibilität füreinander ist wunderbar anzusehen. Sie liefert auch das Stichwort, das es erlaubt, diese vorgeführte Männer-Beziehung von den herkömmlichen Geschlechterrollenstereotypen zu lösen. Beide sind Männer, ohne jedoch „typisch männlich“ zu agieren. Sie zeigen Weichheit und Stärke, Sensibilität und Aggression, Wut und Traurigkeit, Freude und Angst, Kreativität und Lust. Und so kann ihre sehr persönliche Geschichte zur Folie für unzählige andere Beziehungsgeschichten werden. Mann beziehungsweise Frau sitzt davor, und ein ganz eigener „Beziehungsfilm“ beginnt sich in Gang zu setzen.

Harmonie ist nicht gleich Frieden

Kein Wunder, dass diese Produktion seit einem Jahrzehnt weltweit erfolgreich tourt. Sie wirkt heute, vielleicht sogar noch stärker als vor zwölf Jahren, beinahe wie ein Versprechen. Dass in einer Welt, die sich immer antagonistischer und kriegerischer gibt – und daran sind zumeist Männer beteiligt –, doch so eine harmonische und tiefe Beziehung möglich ist. Wobei unter Harmonie nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ verstanden werden darf. Denn auch Wolfgang Hoffmann und Sven Till kommen an (ihre) Grenzen in der engen Box. Auch wenn sie sehr lange Kompensationsmöglichkeiten dafür finden. Ja, manchmal fragt man sich schon, warum es nicht früher zu Konflikten kommt. Ihr Rezept: In Bewegung bleiben, Ungewöhnliches versuchen, Spaß haben.

Da wird schon mal der Boden der Tatsachen verlassen und auf den Seitenwänden der Box oder unter ihrem Dach geturnt und so Inneres im Äußeren sichtbar gemacht. Das ist schön anzusehen, genauso wie die vielfarbig illuminierten Tanz-Schatten-Spiele der beiden am Anfang der intensiven einstündigen Inszenierung, die den Namen „Pandora“ trägt, weil beide mit ihrer Kisten-Idee auch ein Raumschiff assoziieren wollten.

Und doch kommt, was in jeder (offenen) Beziehung kommen muss: die Sehnsucht nach Alleinsein, nach Freiheit, nach Alternativen. Für beide. Aber selbst in dieser Situation kooperieren sie, bietet Einer dem Anderen Unterstützung an und ermöglicht ihm auf den eigenen Schultern den Ausstieg, ohne selbst diese Möglichkeit in Anspruch nehmen zu wollen. Da ist es also wieder, dieses Bild von Kooperation statt Konkurrenz. Und da es von Männern dargestellt wird, wirkt es umso stärker wie eine hoffnungsvolle Utopie für alle. Immer noch.

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