Kultur : Landeskunde

Kurzfilme aus Ruanda im „nachtboulevard“

Astrid Priebs-Tröger

Eine schlanke Weihnachtstanne und dampfender Couscous standen am Donnerstagabend im Eingangsbereich der Reithalle einträchtig nebeneinander. Kein Wunder, denn in Ruanda, einem ostafrikanischen Binnenstaat von der Größe Brandenburgs, leben überwiegend Christen. Doch nicht zur Weihnachtsfeier, sondern zur Filmpräsentation hatten zwei junge Frauen mit ruandischen Wurzeln in der Reihe „Cafés Géographiques“ geladen und dieser Einladung waren überwiegend junge Besucher gefolgt.

Elisabeth Kaneza, die Konfliktmanagement studiert, sagte, dass es mit solchen Veranstaltungen darum gehe, das einseitige Bild, das viele von Ruanda haben, um neue Facetten zu bereichern. Filme seien ein gutes Mittel dafür, ergänzte Jeannette Higiro, die an der Universität Potsdam Politikwissenschaften und Soziologie studiert hat und einen ersten Überblick von der sich entwickelnden ruandischen Filmbranche gab.

Das Ruanda Cinema Centre richtet einmal pro Jahr ein Filmfestival im vorwiegend ländlich geprägten Ruanda aus und tourt dann durch das ganze Land, um die Menschen vor Ort mit dem Medium Kino vertraut zu machen. Denn bisher gibt es im elf Millionen Einwohner zählenden Ruanda noch nicht einmal in der prosperierenden Hauptstadt Kigali ein solches als öffentliche Einrichtung und gerade die jungen Intellektuellen sind darauf angewiesen, in ausländischen Kultur- oder Botschaftseinrichtungen internationale Filme anzuschauen.

Der erste Film am Donnerstagabend wies sich deutlich als Beispiel für einen Aufklärungsfilm für die breite Bevölkerung aus. Die Geschichte der beiden jungen Männer Samy und Simuche behandelte wesentliche Probleme des gegenwärtigen ruandischen Alltags. Die beiden Männer beschließen, ihr Dorf zu verlassen und ihr Glück in Kigali zu suchen. Völlig unvorbereitet treffen sie dort ein und finden nur Anschluss an eine Gruppe von Jugendlichen, die auf der Straße leben. Sechs Monate später scheint zumindest Samy sein Glück gefunden zu haben; er lebt jetzt als Fahrer und Geliebter einer reichen schwarzen Lady. Doch das ist nur von kurzer Dauer, denn nachdem er sich bei ihr mit HIV infiziert hat, landet er geächtet wieder dort, wo er herkam.

Diese Geschichte wurde in der Umgangssprache Kinyarwanda, mit viel moderner Musik und in Form eines Roadmovies erzählt und griff allgegenwärtige Probleme des sich seit dem Genozid von 1994 wirtschaftlich rasant entwickelnden und sehr selbstbewussten afrikanischen Staates auf. Der zweite Kurzfilm sollte zeigen – er konnte wegen technischer Probleme nicht abgespielt werden –, wie schwierig es trotz aller Erfolge in Wirtschaft, Justiz, Bildung und Politik ist, die Wunden, die sich Hutus und Tutsis vor achtzehn Jahren geschlagen haben, zu heilen.

Dieser unglaubliche Spagat zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigte sich auch in den Gesprächsrunden zwischen den Filmen. Denn die Dokumentation „The rebirth of a nation“, die anstelle des zweiten Spielfilmes gezeigt wurde, legte das Hauptaugenmerk werbewirksam auf die Erfolge des Landes. Wobei man als Zuschauer öfter in die Situation kam, sich zu fragen, ob diese atemberaubende Dynamik nicht auch jede Menge neues Konfliktpotenzial in sich birgt. Zumindest gaben aber Elisabeth Kaneza und Jeannette Higiro, die sich als Botschafterinnen zwischen Europa und Afrika verstehen, so über ihren Verein „Ruanda Connection“ Einblicke in die innere Befindlichkeit ihres Landes jenseits von Werbebotschaften. Astrid Priebs-Tröger

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