• Laientheater in Potsdam: Wie Ausgrenzung funktioniert

Laientheater in Potsdam : Wie Ausgrenzung funktioniert

Das Integrationstheaterprojekt der Uni Potsdam spielt den „Kaufmann von Venedig“ im Treffpunkt Freizeit.

Astrid Priebs-Tröger
Foto: privat

Potsdam - Den ersten Impuls haben seine Kinder gegeben. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 schlug die jüngste, gerade zu Hause ausgezogene Tochter vor, das ehemalige eigene Zimmer zur Beherbergung von Geflüchteten zur Verfügung zu stellen. Doch da sich der Regisseur Kaspar von Erffa, wie er im Gespräch sagt, selbst nicht als „Herbergsvater“ sah, ging er einen anderen Weg, um Menschen mit ausländischen Wurzeln das Ankommen in Potsdam zu erleichtern.

Von Erffa, der auch im Rotary Club der Stadt mitwirkt, kam darüber mit dem Pangea-Projekt der Universität Potsdam in Verbindung und stellte fest, dass bei den zahlreichen interkulturellen Aktivitäten der Uni ein Theaterprojekt bislang fehlte. Er schlug vor, ein Begegnungsprojekt zwischen deutschen und ausländischen Studenten sowie Geflüchteten ins Leben zu rufen.

25 junge Darsteller aus vierzehn Ländern

Das Theaterprojekt „Sanssouci avec Shakespeare“ wurde 2016 mit Unterstützung der Universitätsgesellschaft gegründet und es bringt am heutigen Abend im Treffpunkt Freizeit – nach Shakespeares „Sturm“ im vergangenen Jahr – nun den „Kaufmann von Venedig“ zur Premiere. Kaspar von Erffa hat das Projekt seit Oktober 2017 geleitet und zusammen mit weiteren Mentoren 25 jungen Menschen aus vierzehn Ländern und drei Glaubensrichtungen das gemeinsame Theaterspielen ermöglicht. Dabei ging es ihm nicht darum, die jeweiligen Fluchtbiografien aufzuarbeiten oder einen, wie er sagt, verkappten Deutschkurs anzubieten. Er stellte eine künstlerische Spielwiese für Zwanzigjährige zur Verfügung, auf der sie sich interkulturell entwickeln können. Was immer bedeutet, dass sich jeder ein Stück weit auf den anderen zu bewegen muss.

Shakespeare ist praktisch, sagt der 1964 in Bonn geborene und in Florenz aufgewachsene Regisseur. Denn man kann vom englischen Original ausgehen und hat bei Verständnisproblemen immer die Möglichkeit, den Text in der jeweiligen Muttersprache zu lesen, da der berühmte Engländer weltweit übersetzt wurde.

Religionen mit den gleichen Wurzeln

Doch nicht nur dies ließ Kaspar von Erffa den „Kaufmann von Venedig“ in diesem Jahr auf den Spielplan setzen. Für ihn ist der „Kaufmann von Venedig“ kein Stück über Antisemitismus, sondern eines, in dem es um Ausgrenzung geht. Und dies sei ein sehr virulentes Thema.

Von Erffa erzählt, dass sie im Probenprozess unter anderem auch ein Antisemitismus-Seminar veranstaltet haben. Und dass die jugendlichen Teilnehmer überrascht waren, dass Juden- und Christentum und der Islam allesamt abrahamitische Religionen sind und die gleichen Wurzeln haben. Und die wesentliche Aussage im „Kaufmann“ sei für ihn, so Erffa, die „Gnade“ und diese spielt schließlich in diesen drei Religionen eine große Rolle.

Außerdem erinnere ihn die Figur des Shylock auch an Michael Kohlhaas. Da beide, denen über lange Jahre Unrecht widerfahren ist, nun nicht mehr nur auf ihr Recht pochen, sondern Rache wollen. Es ist ein Lehrstück, sagt Kaspar von Erffa, und es gehe darum, wie Ausgrenzung funktioniere.

Theater als Probe fürs reale Leben

Es gab auch das Experiment in einer Probe, statt des Juden einen Moslem auftreten zu lassen. Denn, das erfuhr der Regisseur auch von seinen Schauspielern, alle haben Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Dabei, so von Erffa, verstehe er sich nicht als Therapeut, sei aber mit den anderen Mentoren ein stückweit in eine Vater- beziehungsweise Mutterrolle gerutscht.

Denn die Teilnehmer seien sehr jung, haben teilweise wirkliche Probleme und keine Familie vor Ort, die sie unterstützen kann. Das fakultätsübergreifende Projekt vereinigt sowohl Studenten der Biotechnologie als auch des Kulturmanagements. Dass dabei ein wirklicher Mehrwert für alle entstehen kann, erzählt Kaspar von Erffa am Beispiel eines Teilnehmers aus der „Sturm“-Produktion. Der junge Mann, der dort den König Alonso verkörperte, hat jetzt auch seinen Alltag gemeistert. Anfangs kam er aus einem Flüchtlingsheim in der Nähe von Brandenburg zu den Proben und sprach kaum Deutsch. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung gefunden und ein Studium begonnen. Seine Theaterrolle habe ihm, so von Erffa, möglicherweise die Kraft dafür gegeben. 

Am 8. März Abend findet um 19.30 Uhr die Premiere im Treffpunkt Freizeit statt, weitere Vorstellungen sind am F9. März um 19.30 und am 11. März, um 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei

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