• Kongolesische Fotos im Museum Barberini: Grimm goes Congo

Kongolesische Fotos im Museum Barberini : Grimm goes Congo

Kontrastprogramm: Das Museum Barberini erweitert mit Märchen aus Afrika sein Spektrum. Zu sehen sind "Congo Tales", Fotografien, die von kongolesischen Märchen erzählen.

Tief im Wald. „The two Nkééngé Sisters“, fotografiert von Pieter Henket im Kongo.
Tief im Wald. „The two Nkééngé Sisters“, fotografiert von Pieter Henket im Kongo.

Potsdam - Oben sind die Räume des Barberini für Gerhard Richter gerade erstmals strahlend weiß gestrichen worden. Hier unten, im Erdgeschoss: Wände in dunkelstem Anthrazit, fast schwarz. So zufällig wie dieser Gegensatz wirken mag – wobei, was wäre in einem Millionenunterfangen wie dem Museum Barberini schon Zufall? –, so treffend bringt der Farbkontrast das derzeitige Konträrprogramm des Hauses auf den Punkt. Oben Richters am Kunstmarkt schwindelerregende Preise erzielende Abstraktionen. Unten Geschichten aus Schwarzafrika, figürlicher ginge es kaum: erzählerische Fotografien. Die „Congo Tales“.

Geschichten aus dem Kongo also. Aus dem Land gäbe es allerhand zu erzählen, und auf den ersten, oberflächlichen Blick aus europäischer Distanz wenig Erquickliches: Der Kongo war einst französische Kolonie, dann sozialistische Volksrepublik, in den späten 1990ern tobte ein Bürgerkrieg. Seit 1997 regiert Denis Sassou-Nguesso das Land, es gilt als autoritärer Staat.

Bilder vom Fotografen Pieter Henket

Die „Congo Tales“, die das Barberini erzählen will, haben mit all dem wenig zu tun. Hier regiert das Hochglanzformat und die „Tales“ werden wörtlich genommen: Gezeigt werden fotografische Destillate aus afrikanischen Märchen. „Die zwei Schwestern Nkééngé“ zum Beispiel, die sich gesunde Kinder wünschen und, Orpheus gleich, durch einen Regelverstoß von den Göttern bestraft werden. Das entsprechende Foto zeigt zwei Frauen unter den riesenhaft wirkenden Bäumen der afrikanischen Tropen. Sie sehen klein aus vor der ewig wirkenden Natur – die allerdings ebenfalls bedroht ist, auch darauf will diese Schau aufmerksam machen.

In Bilder gegossen hat das der niederländische Fotograf Pieter Henket. Man mag ihn als Modefotograf kennen, er hat aber auch schon Stars wie Alan Rickman höchst eindrucksvoll und sehr glamourös posieren lassen. Diesmal hat er sich also in die Region Mbomo im kongolesischen Odzala-Kokoua-Nationalpark begeben und dort Kinder, Frauen und Greise fotografiert, als wären sie Filmstars.

Und gewissermaßen sind sie das auch, so zumindest die Idee der Schau: Die Menschen, die auf den Bildern in der Schau „Congo Tales“ zu sehen sind, stellen Szenen aus von ihnen erzählten Geschichten nach – aus Märchen, die sie selbst den Machern der „Congo Tales“ zur Verfügung gestellt haben. In jahrelanger Arbeit sind diese Märchen vor Ort zusammengetragen worden.

Die Initiatorin der „Congo Tales“ ist Stefanie Plattner

Womit wir beim Familienunternehmen Plattner wären – und bei der Antwort auf die Frage, wie in aller Welt das Museum Barberini nach Monet, DDR-Kunst, Beckmann und Richter darauf kommt, fotografisch aufpolierte Märchen aus dem Kongo zu zeigen. Die Initiatorin der „Congo Tales“ ist Stefanie Plattner, die Tochter jenes Mannes, der den Ausstellungsort, das Museum Barberini, gegründet hat – Hasso Plattner. Die Verbindung in den Kongo hat ihre Mutter Sabine Plattner geknüpft, die sich mit ihrer Organisation Sabine Plattner African Charities (SPAC) für Bildung und Naturschutz in Afrika stark macht. Im Vorwort des Katalogs beschreibt Sabine Plattner, wie sie einst selbst als Kind durch den märchenhaften Schwarzwald tanzte und Jahre später von den Geschichten im „schwarzen Herzen“ Afrikas daran erinnerte wurde.

Tochter Stefanie Plattner ist Filmproduzentin, und für „Congo Tales“ hat sie auch gleich einen Film in eigener Regie beigesteuert: „The Crocodile and the Little Fish“, ein auf drei Leinwänden gezeigter Kurzfilm in Lingala, einer der Hauptsprachen im Kongo. Kinder aus Mbomo spielen Kinder aus Mbomo. Viel Grün, starke Farbkontraste, rauschendes Schilf, eine Erzählung von Fressen und Gefressenwerden, Tod und Auferstehung. Am Ende lachende Kinder, das Schlimmste war nur ein Traum, oder ein Spiel. Was bedrohlich wirkte, löste sich auf in Wohlgefallen.

Die Schau ist der Auftakt für etwas Größeres

Der Film ist trotzdem gut gemacht, er macht Ernst mit der Einladung, sich auf fremde Erzählungen einzulassen – es wird nicht ins Deutsche übersetzt, trotzdem geht einem das Geschehen nahe. Auf dem Weg in den Vorführraum duftet es von der Wandverkleidung her nach frischem Holz: Ja, wir sind im Wald.

Die Schau ist der Auftakt für etwas Größeres: „Congo Tales“ soll Teil eins für „Tales of Us“ sein, ein Projekt, in dem auch an anderen Orten Geschichten eingesammelt werden, die sonst möglicherweise vergessen würden. „Wir sind die Hebammen des Projekts“, sagt Stefanie Plattner zur Genese des Projekts, das seit sieben Jahren bereits besteht und weiter bestehen soll. Wie viel all das gekostet hat, will sie nicht sagen, aber 30 Mitarbeiter in Deutschland, und noch einmal so viel im Kongo: Das macht die Dimensionen deutlich.

So kann man „Congo Tales“ sicher als ziemlich unverhohlene, groß angelegte Werbekampagne für die Plattner Family und deren Aktivitäten sehen: Im schönen Museum Barberini schöne Bilder und Filme über eine ethisch schöne Angelegenheit zu zeigen – ja, das ergibt ein schönes Lehrstück über die mögliche Bandbreite sozial engagierten Mäzenatentums.

Man kann sich aber auch einen Audioguide ausleihen und im Erdgeschoss des Barberini in die Geschichten vertiefen, die unter der teilweise irritierend glatten Oberfläche der Bilder stecken. Es sind Geschichten von Liebe und Hass, Hunger, Demut und Gewalt. Geschichten, wie sie die Brüder Grimm einst aufzeichneten und wie sie heute noch vom Leben geschrieben werden, nicht nur im Kongo.

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Bis 31. Oktober im Museum Barberini

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