• Klassische Moderne in Potsdam: Diesseits des Barock

Klassische Moderne in Potsdam : Diesseits des Barock

Klassische Moderne und Potsdam? Fehlanzeige, könnte man meinen. Der Jahreskalender 2019 des Potsdamer Siebdruck-Kollektivs Studio 114 zeigt pünktlich zu 100 Jahren Bauhaus: Das ging sehr wohl zusammen. Und wie!

Der Dezember im Kalender "Zwischenmoderne": Der Musikpavillon am Luftschiffhafen (1932) von Reinhold Mohr. Er wurde 2011 saniert.
Der Dezember im Kalender "Zwischenmoderne": Der Musikpavillon am Luftschiffhafen (1932) von Reinhold Mohr. Er wurde 2011 saniert.Repro: Andreas Klaer

Klassische Moderne in Potsdam? Fehlanzeige, sollte man meinen. Bekannte Ausnahme, ja: der Einsteinturm von Erich Mendelsohn auf dem Telegrafenberg. Auch Ostmoderne, von Günther Jauch einst als „sozialistische Notdurft-Architektur“ verbrämt, ist in Potsdam (noch) vertreten. Ein großformatiger Kalender sammelte 2016 zusammen, was damals davon zu sehen war, zeigte kunstvoll aufbereitete Details von Fachhochschule, Schwimmhalle am Brauhausberg, Hotel Mercure und Rechenzentrum. Knapp drei Jahre später ist einiges davon bereits verschwunden, der Kalender so selbst zu einem Zeitdokument geworden. Die Welt dreht sich schnell in Potsdam, und architektonisch gesehen dreht sie sich gerne rückwärts. Moderne verschwindet, barocke Bauten wachsen wieder in die Höhe.

Soziale Architektur. Nicht nur Villen entstanden im Stil der klassischen Moderne, sondern auch Nutzbauten wie das Heizhaus, das Willy Ludewig 1928 bis 1932 in Babelsberg bauen ließ.
Soziale Architektur. Nicht nur Villen entstanden im Stil der klassischen Moderne, sondern auch Nutzbauten wie das Heizhaus, das...Repro: Andreas Klaer

Die sechs Siebdrucker suchten ein Unding: Potsdamer Moderne

Die Macher, die hinter dem Kalenderprojekt von 2016 standen, haben jetzt wieder zugeschlagen. Studio 114 nennt sich das Kollektiv aus Siebdruckern, das im Freiland sein Atelier hat. Als Thema hat sich Studio 114 diesmal dieses vermeintliche Unding ausgesucht: klassische Moderne in Potsdam. „Zwischenmoderne“ haben sie den Kalender 2019, pünktlich zum 100-Jahre-Bauhaus-Jubiläum, genannt. Ein Verweis auf die politische Zeit des Umbruchs, in der jene Architektur entstand: der hochproduktive Frieden zwischen zwei Weltkriegen. Monatelang sind sie durch Potsdamer Gelände gestreift, haben Spuren der klassischen Moderne gesucht – und sind fündig geworden.

„Als wir mit der Idee anfingen, dachte ich: Wie sollen wir damit 14 Blätter vollkriegen?“, sagt Katja Chuboda. Sie ist eine der sechs Siebdrucker von Studio 114. Am Ende hatten sie so viel beisammen, dass aussortiert werden musste. Zum Siebdruck kam Katja Chuboda wie auch ihr Bruder Michael im Studentischen Kulturzentrum Kuze. Auch Stefan Göttel kam damals in der Werkstatt im Kuze dazu. Michael Chudoba ist der einzige der sechs, der tatsächlich gelernter Drucktechniker ist und heute auch hauptberuflich als Grafiker arbeitet. Seine Schwester ist Landschaftsarchitektin, Stefan Göttel Historiker und Skandinavist. Außerdem bei Studio 114 dabei: Cathrin Pankratz, die hauptberuflich als Psychotherapeutin arbeitet, Tom Korn, der bildender Künstler ist, und Elke Chuboda, heute im Ruhestand, früher Chemisch-Technische-Assistentin im Ernährungsinstitut Rehbrücke.

Drei von Sechs. Stefan Göttel, Katja Chudoba und Michael Chudoba vom Studio 114.
Drei von Sechs. Stefan Göttel, Katja Chudoba und Michael Chudoba vom Studio 114.Foto: Andreas Klaer

Ein feiner Parcours durch ein viel zu unbekanntes Kapitel

„Zwischenmoderne“ ist ein feiner, Blatt für Blatt handgedruckter Parcours durch ein viel zu wenig beachtetes Kapitel Potsdamer Architekturgeschichte – eine Einladung zur Entdeckung. Farb- und facettenreich ist der Kalender nicht nur ein Spaziergang durch typische Formen und Stilvorlieben der Zeit zwischen 1919 und 1933, sondern auch eine Art Schule des zweiten Blicks. Mit Ausnahme des Einsteinturmes (1920–1922) und des einprägsamen Musikpavillons (1932) von Reinhold Mohr am Luftschiffhafen, der seit 2011 nach jahrelangem Verfall wieder begeh- und betanzbar ist, trifft man auf den ersten Blick auf wenige alte Bekannte. 

Das liegt einerseits daran, dass Potsdam – in der Stadtmitte zumal, und anders als Babelsberg – wenig klassisch Modernes zu bieten hat. Andererseits wollen die Macher ohnehin nicht eins zu eins reproduzieren, sondern ziehen, was sie sehen durch einen dezidiert künstlerischen Filter: Die Farbgebung ist nicht realistisch, sondern expressiv, die gewählten Ausschnitte sind radikal, manchmal auch leicht verfremdet. Vor dem Wohnhaus Bley (1927) von Heinrich Laurenz Dietz in der Leipziger Straße fehlt das dichte, sichtbehindernde Gebüsch, an der Villa Hagen (1928) von Otto Eberts und H. Block in der Bertinistraße gibt es ein ehemals vorhandenes Geländer noch, das heute so eigentlich nicht mehr da ist. 

Als Ergebnis dieses radikalen, aufs Wesentliche konzentrierten Blicks treten die einzigartigen Formen der Moderne noch deutlicher in den Vordergrund: die geraden Linien und spielerischen Rundungen, die diese Epoche unverwechselbar sein lassen. Jeder konkreten Verortung entrückt schweben sie wie glasklare Gedankenfetzen eines architektonischen Ideals übers Papier, das Nutzen und Ästhetik so nah zusammenbrachte wie wohl keine Epoche zuvor.

Der Einsteinturm am Telegrafenberg  wurde 1920 bis 1922 von Erich Mendelsohn erbaut. Im Siebdruck-Kalender ziert des den April.
Der Einsteinturm am Telegrafenberg  wurde 1920 bis 1922 von Erich Mendelsohn erbaut. Im Siebdruck-Kalender ziert des den April.Foto: Andreas Klaer

Aufruf zum Mut, architektonisch auch mal Neues gelten zu lassen 

„Eine Architektur, die immer auch eine soziale Architektur war“, so beschreibt das Stefan Göttler. Das Denken eines Gebäudes vom Innen, vom Nutzen, auch vom sozialen Aspekt her – diesem Ideal fühlt sich das Studio 114 verbunden. Auch deshalb fühlen sie sich im Freiland zuhause, wo sie seit 2011 ein gemeinsames Atelier haben. Und deshalb war ihnen der Kalender 2016 so wichtig, in dem sie die umstrittene DDR-Architektur bildtechnisch glänzen ließen. In dem Sinne begreift das Studio 114 seine Kalender durchaus als politische Debattenbeiträge – auch, oder gerade weil hier Formen für sich sprechen und den einzelnen Motiven keine Erklärungen beigefügt sind.

Betrachter sollen sich selbst auf die Suche machen, und ja: Sollen im besten Fall wohl sehen, dass es auch diesseits des Barock sehenswerte architektonische Versuche in Potsdam gab. Ist das schon Aktivismus? Warum nicht, sagen die Geschwister Chuboda und Stefan Göttel – allerdings jenseits von Manifesten. Eher schon als Aufruf zum Mut, architektonisch auch mal Neues – oder eben vielleicht: anders Altes – gelten zu lassen. Daher hat der Kalender „Zwischenmoderne“ auch nicht zwölf, sondern 13 Blätter. Auf den Dezember folgt der Januar – mit dem Entwurf für ein Landhaus in Neubabelsberg von Mies van der Rohe aus den Jahren 1923/24. Das Haus wurde nie gebaut, sagt Michael Chuboda. Was er meint: die Inspiration bleibt.

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Der Kalender kostet 54 Euro und erscheint in limitierter Auflage von 235 Exemplaren. Erhältlich u.a. im Internationalen Buch, in der Script Buchhandlung, im Potsdam Museum Shop. Kalender-Release am Sonntag, 16 Uhr, Studio 114, Friedrich-Engels-Straße 22/Haus 1.