• KAPmodern im Potsdamer Nikolaisaal: Zwischen Perfektion und Innehalten

KAPmodern im Potsdamer Nikolaisaal : Zwischen Perfektion und Innehalten

Das KAPmodern-Ensemble brachte zeitaktuelle Klänge im Nikolaisaal, die teilweise zutiefst berührten, aber auch kalt ließen.

Peter Buske
Einsames Herzschlagen. Die KAPmodern setzte sich musikalisch mit dem Gefühl des Fremdseins auseinander.
Einsames Herzschlagen. Die KAPmodern setzte sich musikalisch mit dem Gefühl des Fremdseins auseinander.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Potsdam Wer sich auf Wanderschaft begibt, sucht etwas. Freiwillig oder gezwungenermaßen. Er wird entweder mit offenen Armen empfangen oder als ein Fremder beargwöhnt, als Vertriebener kaum geduldet. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ liedsingt es in Franz Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers „Der Wanderer“ aus dem „Winterreise“-Zyklus. Und auch im Lied „Des Fremdlings Abendlied“, Text vom Lübecker Georg Philipp Schmidt, klagt jener sein Leid: „Wo bist du mein gelobtes Land, gesucht, geahnt und nie gekannt?“ Und alle können von sich behaupten: „Ich bin ein Fremdling überall“. Unter diesem Motto führte das Ensemble KAPmodern am Donnerstag im vollbesetzten Foyer des Nikolaisaals ein nachdenklich stimmendes, politisch aktuelles Programm auf.

Als „Fremdling überall“ fühlte sich auch Alfred Schnittke, 1934 in Engels als Sohn einer Wolgadeutschen und eines Deutschen jüdischer Abstammung geboren. In seinem Geburtsland isoliert, fühlte er sich zeitlebens als ein „heimatloser Kosmopolit“. 1989 übersiedelte er nach Hamburg, wo er eine Berufung an der Musikhochschule erhielt. In der Musikgeschichte hat er längst seinen Platz gefunden. 

Expressive Schreie

Er war ein Polystilistiker, der Geschichte, Mythos, Klänge von Renaissance bis zur Avantgarde als Versatzstücke benutzte und zum eigenen Stil verschmolz. Davon kündet auch das „Präludium in Memoriam Dmitri Schostakowitsch“ für zwei Violinen, in dem er aus den Schostakowitsch-Initialen die Tonfolge D-eS-C-H formt und sie mit dem B-A-C-H-Monogramm verschmilzt. Bei aller ehrenden Absicht haftet dem Kurzwerk etwas sehr Konstruiertes an. An der ersten Violine streicht Peter Rainer fast unentwegt eine monotone, dissonante Linie mit dem Ton D, zupft gleichzeitig den gleichen Ton auf der leeren Saite, was an unaufhörliches Herzschlagen erinnert. Während grelle Dissonanzen an Schreie einer verwundeten Seele denken lassen. Sein expressives Spiel geht unter die Haut.

Gleichsam als besänftigende Stimme meldet sich die zweite Violine (Susanne Zapf) unsichtbar von der Empore herab zu (B-A-C-H-Klang) Wort. Nachdem die beiden Violinen doppelgriffreich die Maschen der Monogramme eng verwoben haben, verlöscht der Duo-Klang langsam im Nichts.

Mit „Hymnus I bis IV“ entführt Schnittke in die Welt russisch-orthodoxer Kirchengesänge und fernöstlicher Tempelmusik. Mit Glissandi von Harfe (Anna Viechtl), Cello (Vashti Hunter) und Pauke (Friedemann Werzlau) beginnt Hymnus I, wobei die Cellistin für aufgeregte, sich aufbäumende Klänge sorgt, die von aggressiven Schlegel- und Harfenattacken begleitet werden. Nach einer Paukeneruption ist Versöhnung angesagt und endet im Nichts. Dennoch werden weder Herz noch Verstand durch eine Botschaft in innere Anteilnahme versetzt.

Herz und Verstand werden berührt

Kaum mehr als technisch perfekte Interaktion zwischen Cello und Kontrabass (Tobias Lampelzammer) bestimmt auch Hymnus II, der auf düsteres und sanftes Duettieren aus ist, Schmerzvolles und viel Gleitendes bis in höchste Regionen verbreitet. Von enormer Ausdrucksintensität geprägt ist dagegen Hymnus III, dem verfremdete Gregorianik die entsprechende Stimmung verleiht. Sonor wühlt das Cello, begleitet von Röhrenglockengeläut (Werzlau). Cembalo (Rita Herzog) und Fagott (Christoph Knitt) imaginieren zusätzlichen Weihrauchduft und kirchenlieblichen Kerzenglanz. Doch auch Hymnus IV berührt Herz und Verstand gleichermaßen, wobei nun alle Instrumentalisten zusammengeführt sind, die mit pulsierenden Rhythmen auftrumpfen, was an einen elektrisierenden Derwischtanz denken lässt.

Dagegen fordert Giacinto Scelsis „Hyxos“ für Altflöte und Schlagzeug zum Innehalten auf, zu einem langsameren Zeitgefühl im Sinne fernöstlicher Lebensphilosophie. Das dreiteilige Stück wirkt meditativ und wie improvisiert, kreist um Zentraltöne, von denen die Bewegungen ausgehen und zu denen sie zurückkehren. Ein ewiger Kreis-Lauf. Bettina Lange bläst nicht nur klare, formvollendete Töne, sondern lädt sie auch gedankentief auf. Meisterlich! Apropos Kreis – der schließt sich mit dem Zwiegesang der beiden Violinen, die wandernd auf der Empore Luigi Nonos arg strapaziöses, die Extreme bis zum fünffachen Pianissimo auslotendes „Hay que caminar“ zu Gehör bringen.

Das nächste Konzert mit der Kammerakademie Potsdam findet am Samstag, 25. Mai, um 20 Uhr im Nikolaissaal, Wilhelm-Staab-Straße 10/11 statt.