• Kammerakademie Potsdam: Ein Konzert macht die Erinnerungen aus der Stasi-Haft erlebbar

Kammerakademie Potsdam : Ein Konzert macht die Erinnerungen aus der Stasi-Haft erlebbar

Zeitzeugen und sechs Musiker der KAP bringen mit ihrem Gesprächskonzert „Klänge hinter Mauern“ Kompositionen zur Uraufführung, die an Erinnerungen anknüpfen.

An welche Geräusche erinnern sich die ehemaligen politischen Häftlinge?
An welche Geräusche erinnern sich die ehemaligen politischen Häftlinge?Foto: Andreas Klaer

Wie klingt die Stille der Einzelhaft, das heimliche Klopfzeichen von Zelle zu Zelle? Der eigene Herzschlag im Verhör? Diesen Klängen hinter Mauern spüren fünf junge Komponisten nach, die sich mit den Erinnerungen von fünf politischen Häftlingen aus dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in der Lindenstraße 54 auseinandersetzten.

Gemeinsam begaben sie sich durch das Labyrinth der Gänge, spürten gemeinsam dem Bellen der Befehle nach, dem dröhnenden Zuschlagen der Zellentüren, dem heimlichen Ranschleichen der Wärter, die durchs Guckloch spähten, um die Gefangenen bei einer unerlaubten Körperhaltung zu erwischen und sie nach langen nächtlichen Verhören von der Pritsche hochzujagen. Schlafentzug als Foltermethode.

Erinnerungen in Form von Noten

Diese eingebrannten Erinnerungen aus dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes und der DDR-Staatssicherheit setzten die Komponisten in Noten um. Kommenden Donnerstag bringen sechs Musiker der Kammerakademie Potsdam (KAP) diese Werke bei einem Gesprächskonzert mit den Zeitzeugen zur Uraufführung.

Ephraim Peise ist einer der jungen Tonmaler, der sich an der KAP-Ausschreibung zu „Klänge hinter Mauern“ beteiligt und gewonnen hatte. Der gebürtige Wolgaster ist 31 Jahre alt und gerade mit seiner kleinen Familie von Potsdam-West in eine größere Wohnung nach Drewitz umgezogen.

Lothar Aust wollte nach Westberlin fliehen

Er kennt nicht mehr die Zeit der Freiheitsberaubung und Reisebeschränkung. „Es ist für unsere Generation schwierig, diese Zeit zu verstehen, auch wenn sie noch gar nicht lange zurückliegt.“ Ihn interessierte besonders das Schicksal von Lothar Aust, der 1961 mit vier Freunden von einem Garten in Kleinmachnow aus nach Westberlin fliehen wollte.

Alle fünf kamen in die Lindenstraße. Lothar Aust ist Chemiker und Hobby-Saxophonist. „Er hat früher mit einem meiner Professoren von der Filmuni Potsdam Musik gemacht: mit Bernd Wefelmeyer. Das war wie ein Brückenschlag. Herr Aust fragte mich schließlich, ob er ein paar Takte in meiner Komposition mitspielen könnte. Was für ein Geschenk!“ Und so schrieb ihm Ephraim Peise ein kleines Solo.

Das wandlungsfähige, warm klingende Saxophon, das dem Singen sehr ähnlich ist, trifft nun auf die härter klingende Trompete, als Stimme des Drucks und der Überwachung. Ephraim Peise erinnert in seiner „Lindenstrasse“ an die viereinhalbmonatige Untersuchungshaft, in der Aust irgendwann auch mit einem Schlagzeuger in einer Zelle saß. Ganz leise spielte der eine den Rhythmus, Aust selbst imitierte mit dem Mund die Posaune.

Vor drei Jahren entstand die Idee

„Wie kann man das, was Menschen hier erlebten, in eine Komposition fassen?“ Diese Frage stand am Anfang im Raum, als sich Uta Gerlant, die Leiterin der Gedenkstätte, vor drei Jahren mit dem Geschäftsführer der KAP, Alexander Hollensteiner, traf und die Idee des Gesprächskonzerts entwickelte. „Sich Musik zu imaginieren, war eines der Überlebensmittel, andere haben immer wieder Gedichte aufgesagt, andere bauten sich aus Apfelsinenschalen ein Schachbrett.“

Peise steht bei „Klänge hinter Mauern“ nun mit seiner „Lindenstrasse“ neben den Werken von Alberto Arroyo („Poesie des Vergessens“), Hector Docx („Für diese Schweine keine Träne“), Giordano Bruno do Nascimento („Eingemauert“) und Felix Stachelhaus („...und alles in der Still’“). Alle Einstudierungen dauern zwischen sieben bis zehn Minuten.

Die Enge einer Koje half bei Vorstellung

Peise schrieb seine 4-sätzige Tondichtung im vergangenen Jahr, als er als musikalischer Leiter auf einem Kreuzfahrschiff unterwegs war, um Geld zu verdienen. Er notierte die Noten bei Seegang in einer fensterlosen Koje. „Ich habe mir die Enge der Zelle vorgestellt und versucht, Herrn Aust als Persönlichkeit reinzubringen. Anfangs ist es eher mollig, dann wird es Dur. Außer in dem Satz ,Klopfzeichen’, wo die vier Streicher auf den Holzkörper ihrer Instrumente klopfen, ist die Musik melodisch und auch harmonisch.“ Am Ende ist ein „Durchatmen“.

Der Komponist, der mit „Wemmicks“ ein Musical schrieb, das 2017 im Nikolaisaal aufgeführt wurde, ist gegen Musik aus dem Elfenbeinturm. „Ich schreibe Musik, damit sie gehört wird. Gelegenheiten wie jetzt für die Gedenkstätte gibt es indes selten.“

Wie Uta Gerlant sagte, hätten sich die fünf Komponisten sehr unterschiedlich dem Erleben der Häftlinge aus den 50-er bis 80-er Jahren genähert. „Ein Komponist sagte, dass es in seinem Werk keine Wiederholungen geben werde, da alles im Gefängnis so unberechenbar gewesen sei. Ein anderer setzte gerade auf Wiederholungen, um das Stupide deutlich werden zu lassen. Darin liegt die große Magie: dass beides stimmt. Es gibt kein Richtig und Falsch.“

Verständigung durch Klopfzeichen

Die Leiterin der Gedenkstätte erzählt auch von dem besonderen Klängen des „Morsens“ der Häftlinge, in dem einmal Klopfen A, zwei mal Klopfen B bedeutet habe und sie sich durch das ganze Alphabet klopften, um Informationen von Zelle zu Zelle weiter zu geben. „Es gab aber auch Verhörer, die sich in eine Nebenzelle als Gefangene ausgaben, um so über Klopfzeichen an Informationen ranzukommen.“ Gerlant wählte fünf Zeitzeugen aus, die besonders von ihren Klangerinnerungen erzählt hätten: wie Helga Scharf über fernes Glockengeläut der Garnisonkirche, oder Alfred Bretschneider, der ehemalige Friseur des Anstaltleiters, der aus seiner Zelle heraus den Frauen des Arbeitskommandos Wäschewechsel Lieder von Freddy Quinn vorsang. Oder Heidelore Rutz, die in der Freigangszelle „Die Gedanken sind frei“ sang, um gleich wieder ins Dunkel gesteckt zu werden.

Bernd Richter wiederum berichtet von der absoluten Stille im Keller. Er war aktiver Sportler und kam mit 17 Jahren in die Lindenstraße: in Einzelhaft. Er konnte nicht abtrainieren, ist heute sehr krank. Dennoch macht er Führungen durch die Gedenkstätte, so auch gestern mit einer Schulklasse. Er begrüßt Ephraim Peise herzlich. Der junge Komponist findet es toll, wie ein Opfer politischer Gewalt sich aktiv gegen das Vergessen engagiert. Auch deshalb endet Ephraim Peises Komposition mit einem Heraustreten aus der Dunkelheit.

Das Gesprächskonzert findet am Donnerstag, 27. Juni, 19 Uhr, in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 statt. Eintritt 12, ermäßigt 8 Euro. Karten gibt es unter der Telefonnummer 0331 2896112